Joe Lovano hat das letzte Wort

  • 21.01.2013
  • Das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich wünschten, einen »ordentlichen Beruf« erlernt zu haben?

Noch niemals! Ein Nine-to-Five-Job? Ich habe einen Nine-to-Nine-Job. 24 Stunden! Ich spiele Musik, ich denke Musik, ich lebe Musik. Mein ganzes Leben handelt davon, Musik zu kreieren und die Meisterschaft in der Kunst der Improvisation zu machen. Ich bin glücklich, dieses Leben zu führen. Schon mein Vater spielte Saxofon und ich wuchs in dieses Leben hinein. Es war immer mein Ziel, als Musiker zu bestehen. Bevor ich überhaupt überlegen konnte, was ich später einmal beruflich machen würde, war ich schon längst in der Musik verhaftet. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie über die unterschiedlichen Mentalitäten von Amerikanern und Europäern nachgedacht haben?

Nun, ich lebe und bin aufgewachsen in Amerika. In einer wirklich multikulturellen Welt in Cleveland/Ohio. Meine Großeltern stammen aus Sizilien. Ich bin mit diesem italienischen Erbe aufgewachsen, habe europäische Wurzeln. In Cleveland leben eine Menge Menschen aus Polen, Jugoslawien, Tschechien. Ich bin mit vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft aufgewachsen und habe Musik mit ihnen gemacht. Ich habe von Anfang an Verständnis für dieses Multikulturelle gehabt. Meine erste Europa-Tour 1977 mit der Woody Herman Band ging durch ganz Europa. Und seitdem habe ich schon mit vielen Europäern zusammengearbeitet. Ich unterscheide da nicht groß. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Cleve­land/Ohio waren? 

Dort war ich beim vergangenen Thanks­giving. Meine Mutter ist im Mai gestorben und es war der erste Feiertag ohne sie. Im April spiele ich mit meinem Quintett »Us Five« beim Tri-C-Festival. Special Guest werden mein Bruder Anthony am Schlagzeug sein, mein Onkel Caro, 85 Jahre alt, an der Trompete sowie meine Frau Judi Sil­vano.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit Judi Silvano auf der Bühne standen?

Das ist nur ein paar Wochen her. Wir haben gemeinsam ein Benefizkonzert veranstaltet, um Geld für die Hurrikan-Opfer in New York City zu sammeln. Das Konzert fand in Orange County statt, eine Stunde nördlich von Manhattan. Vor einem Jahr etwa standen wir gemeinsam mit der RTV Slovenia Big Band in Ljubljana auf der Bühne. Mi­chael Abene hat dirigiert.

Wann war das letzte Mal, dass Sie die Wirkung von »Sandy« diskutiert haben?

Wir müssen da immer noch durch. Ich war auf Europa-Tour während des Hurrikans. Wo wir leben, gab’s vier Tage keinen Strom. Wir leben dort mitten im Wald und viele Bäume sind umgestürzt. Zum Glück gab’s keine Schäden am Haus. Aber ein paar meiner Freunde haben ihre Häuser verloren. Ich denke, das Wetterverhalten hat sich ­geändert und Stürme dieser Art werden zunehmen. Denken Sie an »Catrina« in New Orleans, oder die Erdbeben in Italien oder Japan. Wir werden damit leben müssen. Faszinierend war die große Hilfsbereitschaft der Menschen. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein neues Instrument erstanden haben? 

Kürzlich habe ich in Taipeh gespielt. Dort habe ich ein orientalisches Instrument gekauft, ein Hulu. Seitlich sind zwei Pfeifen angebracht und das mittlere Rohr verfügt über sechs Spiellöcher. Es ist diatonisch ­gestimmt. Neu ist auch das G-Mezzo-Soprano, das Peter Jessen in Kopenhagen für mich gebaut hat. Ein Instrument, das zwischen einem Alt- und einem So­pran­saxo­fon liegt. Was ich auch spiele, ist eine François-Louis-Erfindung namens Aulochrome, eine Art Doppel-Sopran-Sax. Du kannst mit zwei Korpussen und einem Keyboard in der Mitte harmonieren. Diese In­stru­mente sind übrigens auf der neuen CD »Cross Culture« mit »Us Five« zu hören. Von meinen Reisen bringe ich immer wieder neue Instrumente mit. Und ich sammle sie nicht nur, ich setze sie bei meinen Aufnahmen und Konzerten ein.

Wann war das letzte Mal, dass Sie Ihren Grammy abgestaubt haben? 

Ich habe den noch nie abgestaubt. Er steht im Studio mit einer Reihe anderer Auszeichnungen. Witzigerweise kam letzte Nacht im Radio ein Titel der Aufnahme »52nd Street Themes«, das den Grammy gewann. Lange nicht gehört...

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Kollegen beneidet haben?

Neid ist nicht produktiv. Ich beneide niemanden, weil es eine Menge Arbeit und Leidenschaft braucht, sich selbst musikalisch zu entwickeln. In der Kunst braucht man Hingabe und Liebe. Wie kann man jemanden beneiden, der ebenfalls mit diesen Eigenschaften an die Musik herangeht?

Wann war das letzte Mal, dass Sie Ihr Handicap verbessert haben?

Ich versuche immer zu spielen und den Golfschläger zu schwingen. Dieses Jahr hab ich vielleicht sechs Mal gespielt. Und es geht immer auf und ab. Einmal spielt man schlecht und denkt: »Ich komme nie wieder!« Dann gelingt einem ein guter Schlag und man denkt: »O.k. Ich bleibe!« Wenn man Musik macht, ist das ab einem bestimmten Punkt die Ausführung von Ideen. Die Technik hat man verinnerlicht, um sich auf eine spirituelle Reise zu begeben. Das ist etwas, das dem Golf ähnlich ist. Du lernst eine bestimmte Technik und wie man sich entspannt. Dann muss man sich konzentrieren und den Weg finden.

Joe Lovano

gehört nicht nur zu den versiertesten Jazzsaxofonisten unserer Zeit, sondern auch zu den flexibelsten und fleißigsten. Der aus Cleveland/Ohio stammende Komponist und Musiker, der am 29. Dezember seinen 60. Geburtstag feierte, zieht seit Jahr und Tag von seiner Wahlheimat New York aus seine Kreise durch die internationale Szene. Er hat stets ein offenes Ohr für neue Klangquellen und ist ein passionierter Sammler aller möglichen (und scheinbar unmöglichen) Instrumente. Mit »Cross Culture« hat Joe Lovano nunmehr sein 23. Blue-Note-Album aufgenommen. 

« zurück