Ist das Coaching der neue Lehrgang?

  • 31.01.2018
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 2/2018
  • Seite 22-23

»Wenn die Jungs auf dem Platz sind, müssen sie ihre Entscheidungen alleine treffen, dann kann ich ihnen nicht mehr helfen«, so war früher vielfach in entschuldigender Weise von Fußballtrainern zu hören, die eine Niederlage erklären mussten. Die Botschaft: Die Mannschaft ist auf dem Platz auf sich allein gestellt.

Spätestens seit Pep Guardiolas Gastspiel beim FC Bayern München ist klar: Das stimmt so nicht. »Coaching« war plötzlich in aller Munde. Der Trainer konnte sich plötzlich sogar »vercoachen«. Auch im Bereich der Musik kommt das »Coaching« mehr und mehr in Mode. Aber ist es nur eine Modeerscheinung? Oder gehört dem »Coaching« die Zukunft?

Fortbildungsveranstaltungen im traditionellen Sinne

Im Leistungssport und auch in der Industrie bzw. im Management hat sich das Coaching längst als Fortbildungsmethode bewährt. Aber was heißt da eigentlich »Fortbildung«? Um sich dem Coaching zu nähern, muss man sich erst einmal vom althergebrachten Fortbildungs- und Lehrgangsbegriff verabschieden.

In der Vergangenheit war die Rollenverteilung und auch der Ablauf von Fortbildungsveranstaltungen im Großen und Ganzen geregelt: Man nehme einen Raum, einen Experten und Interessenten. Im richtigen Verhältnis zusammengemischt ergab das eine mehr oder weniger erfolgreiche Fortbildung:

Der Experte gab sein Wissen an die Lehrgangsteilnehmer weiter, die dann das Wissen daheim in ihrem Orchester oder in ihrem Verein oder in ihrer Firma anwendeten. Oder besser: anzuwenden versuchten. Denn das Wissen, das der Experte im vorgegebenen Raum an die Interessenten weitergab, das musste ja nicht zwingend auf die Realität jedes einzelnen Interessenten anwendbar sein. So kam es auch gerne mal vor, dass ein Interessent schon während des Lehrgangs sein Interesse verlor: »Das geht bei uns so ja überhaupt nicht!«

Unterschiede von Lehrgang und Coaching: Der Coach als Partner

An dieser Stelle kämen die Vorzüge des modernen Coaching-Gedankens zum Tragen und würden den Interessenten sicher bei Laune halten. »Der Coach bringt den Leuten nichts bei, zumindest nicht im traditionellen Sinne«, erklärt Karl Bosch, selbst freiberuflicher Coach für Führungskräfte.

»Im Gegensatz zum traditionellen Lehrgang ist der Coach eher Partner als Lehrer. Aus der partnerschaftlichen Position heraus hilft er mit seinem Fachwissen dabei, eigene Lösungen zu entwickeln, die dann auch auf die Realität anwendbar sind.«

Der Vorteil: Das Coaching ist absolut individuell. »Wir haben es beim Coaching auch mit einem Prozess zu tun, in dem der Coach den Verein oder das Individuum begleitet«, erklärt Bosch, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass derjenige, der sich coachen lässt, selbst Ziele definieren muss.

»Der Coach stülpt dem Interessenten keine fertige Lösung über. Er entwickelt Strukturen und Lösungen immer zusammen mit dem Interessenten.« Dazu muss natürlich die Beziehung zwischen den Partnern passen – ein Coaching ist also auch Vertrauenssache.

Neutraler Blick von außen

Im Managementbereich der Industrie arbeiten mittlerweile so gut wie alle Firmen mit dem Coaching-Verfahren. »Hier geht es auch um den Blick von außen, den der Coach mitbringt, wenn er die Situation vor Ort betrachtet.

Häufig geraten Prozesse in eine Sackgasse, wenn man vor lauter Details und Mosaiksteinchen den Weg und das ursprüngliche Ziel nicht mehr im Blick hat«, erklärt Bosch einen der großen Vorteile des Coaching-Verfahrens.

Der Coach ist auch hier ein neutraler und bisweilen kritischer Gesprächspartner, der aufgrund seiner Ausbildung verschiedene Methoden und Instrumente an der Hand hat, wie er seinen Kunden dabei helfen kann, selbst Lösungen zu finden.

Coaching in der Praxis

Auch im Ehrenamt und in der Musik ist der Coaching-Gedanke bereits angekommen. Im Nordbayerischen Musikbund zum Beispiel wird seit einiger Zeit erfolgreich gecoacht: »Wir haben festgestellt, dass wir mit unseren Fortbildungen die Musiker nicht wirklich erreicht haben.

Wir haben Dirigenten aus- und fortgebildet, aber die Musiker selbst haben wir nicht erreicht. Um etwas Neues auszuprobieren, haben wir den Gedanken entwickelt, mit den Musikern direkt zu arbeiten und nicht nur mit dem Dirigenten allein. So ist die Wirkung der Maßnahme viel größer«, erklärt Andreas Kleinhenz, Geschäftsführer des Nordbayerischen Musikbundes.

Angefangen hat man mit einem »Böhmisch-Mährisch-Coaching« mit Christian Baum, der damals Leiter des Orchesters »maablosn« war. »Das wurde sehr gut angenommen«, erinnert sich Kleinhenz. Seitdem der NBMB dieses Coaching anbietet, sind die Termine immer schnell weg und die Warteliste lang.

»Wir hatten seit einigen Jahren keine Marschmusik-Fortbildung für Dirigenten mehr im Angebot – es war schlicht und einfach keine Nachfrage vorhanden! Seit wir ein Marschmusik-Coaching für ganze Musikkapellen anbieten, können wir uns vor Anfragen kaum retten«, freut sich der Geschäftsführer.

»Der Vorteil ist einfach, dass man auf die jeweiligen Gegebenheiten des Vereins eingehen kann: auf die Besetzung, auf die Altersstruktur, auf das lokale Umfeld und auf vieles mehr. Das alles ist bei einem traditionellen Seminar, bei dem Dirigenten von einem Experten unterrichtet werden und im besten Fall ein Script mit nach Hause bekommen, nicht möglich.« Außerdem fühle man sich im heimischen Umfeld einfach wohler, so Kleinhenz.

Coaching und Lehrgang als ergänzendes Angebot

Trotzdem begräbt der Musikbund den Lehrgangsgedanken nicht. Es gibt eben neue Lehrgänge für neue Multiplikatoren: »Der Dirigentenassistent« oder die Volksmusiklehrgänge haben regen Zulauf, ebenso wie die Lehrgänge der Nordbayerischen Bläserjugend.

»Wir versuchen als Verband, näher bei den Vereinen zu sein. Deshalb setzen wir auch auf das Coaching-Prinzip, das immer im Verein angewendet wird. Wir haben schon ein ganz gutes Angebot, wollen dieses aber in den kommenden Jahren noch ausweiten.«

Denn wenn man durch die Coachings an die Musiker herankommt, erfahren diese wiederum von anderen Lehrgängen, von denen sie ansonsten vielleicht (oder sehr wahrscheinlich) nichts mitbekommen hätten. Ein Coaching- und ein Lehrgangsangebot sind also nicht zwingend in einem konkurrierenden Verhältnis zu sehen, sondern können sich durchaus gegenseitig Gutes tun.

Wichtig ist ohnehin, was am Ende herauskommt. Letztlich dienen Coachings und Lehrgänge dem Fortbildungsgedanken. Der gute alte Lehrgang hat allen Vorteilen des Coachings zum Trotz aber sicher noch nicht ausgedient.

Schon deshalb, weil grundlegende oder Multiplikatoren-Lehrgänge im Coaching-Verfahren sehr kostenintensiv wären. Aber wer weiß, vielleicht ist die Lösung der Zukunft ein Zusammenwirken aus traditionellen Lehrgängen mit Coaching-Anteil.

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Neuland Coaching? Neue Methoden für alte Inhalte?":  

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