Intensiver als Streicher

  • 29.08.2015
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Nachdem Adolphe Sax das Saxofon erfunden hatte, überließ er es keineswegs seinem Schicksal. Sax fertigte Transkriptionen fürs Saxofon an, warb bei Militärmusikern für sein Instrument, präsentierte es auf Ausstellungen und Messen, nahm damit an Wettbewerben teil, ermunterte zur Gründung von Saxofonklassen, förderte Saxofon-Lehrwerke, unterrichtete das Instrument selbst am Konservatorium, errichtete einen eigenen Konzertsaal, gründete eine Konzertvereinigung und beauftragte befreundete Komponisten, für sein neues Instrument zu schreiben.

Die Geschichte des Saxofon-Quartetts

Neben Solowerken, meist mit Klavierbegleitung, entstand 1857 auch das erste Werk für vier Saxofone. Der Komponist, Jean-Baptiste Singelée, soll seinen Freund Adolphe Sax gedrängt haben, die Quartettbesetzung besonders zu fördern. Singelée sah offenbar die Chance, dass das Saxofonquartett eine ähnliche Karriere machen könnte wie das Streichquartett.

Gelegentlich hat man sogar Streichquartette für vier Saxofone adaptiert. Beispielsweise Werke von Boccherini, Donizetti, Puccini, Rossini – Werke mit einem romantisch-arienhaften Charme, wie ihn auch die frühesten Saxofonstücke um 1860 besaßen.

Aurelia Saxophone Quartet: »Debussy – Ravel – Roussel«

Ganz anders aber ist das Album »Debussy – Ravel – Roussel«, das das Aurelia Saxophone Quartet im Mai 1990 aufnahm. Auch das sind zwar im Original Streichquartette – aber ihre Klangsprache gab es noch gar nicht, als Adolphe Sax das Saxofon erfand. Claude Debussys einziges Streichquartett schockierte das Premierenpublikum von 1893. Die Rezensenten glaubten nicht Geigen, sondern Trompeten, Flöten und Hörner zu hören.

Ravels einziges Streichquartett – zehn Jahre später – sollte, so sein Komponist, »klingen wie ein Saxofon«. Und Roussels einziges Streichquartett von 1932? Es ist das Werk eines 63-jährigen Einzelgängers, der in jungen Jahren Debussys und Ravels Lektionen gut gelernt hat.

Man könnte sagen: Mit Debussys Impressionismus begann die moderne Musik – und damit vieles, was wir auch mit dem Klang des Saxofons verbinden. Nicht geerdete Akkorde, pentatonische Skalen, die Koloristik des Klangs, ornamentale Figuren, rhythmische Muster, verharrende Momente, Ganztonläufe...

Streichquartette adaptiert für vier Saxofone

Manches klingt hier noch nach César Franck, vieles aber schon nach Gershwin und Music-Hall und frühem Jazz. Es ist eine Musik, die geradezu nach dem Saxofon ruft. Wer Debussys oder ­Ravels Streichquartette je gehört hat, wird sie kaum mehr vergessen. Aber in der Saxofonquartett-Version klingen sie noch packender, lebendiger, natürlicher – als ­wären sie insgeheim schon für diese Besetzung geschrieben.

Der Musikwissenschaftler Michael Kube vermutet, dass der »Klangcharakter« des Saxofons den Pariser Komponisten bereits irgendwie ins Ohr gedrungen war. Der Debussy, so schreibt er, gewinne noch »durch den sprichwörtlichen Atem der Interpreten«. Ähnliches lässt sich beim saxofonisierten Ravel-Quartett feststellen. »Ravels Drama ist intensiver und sinnlicher ausgeführt als das Original mit Streichern«, schreibt Lidy van der Spek vom Leidsch Dagblad. »Die Rubato-Stellen scheinen bedeutungsvoller, der zweite Satz saust und swingt.«

Das Aurelia Saxophone Quartet

Seinen schönen Namen verdankt das Aurelia Saxophone Quartet übrigens der römischen Via Aurelia. In Rom haben vier blasende Holländer diese Formation 1982 gegründet, das Impressionisten-Album von 1990 war eine ihrer ersten Aufnahmen. Von den Gründungsmitgliedern spielt heute nur noch Arno Bornkamp im Quartett – auch als Solist international bewundert.

Gewiss wird sich nicht jedes Saxofonquartett den Herausforderungen eines transkribierten Debussy oder Ravel stellen können. Aber Werke für Streichquartett, die in besonderer Weise für die Adaption durch Saxofone geeignet sind, gibt es viele. Hier wartet ein reichhaltiges Repertoire auf Entdeckung.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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