Ingolf Burkhardt hat das letzte Wort

Die clarino.print-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten. In dieser Ausgabe von »Sie haben das letzte Wort« fragen wir den Trompeter Ingolf Burkhardt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben »einen ordentlichen Beruf« erlernt zu haben?

Ich denke, ich habe einen ­ordentlichen Beruf und habe heute Mittag auf der Herfahrt gemerkt, dass »Kraftfahrer« mir nicht gefallen würde. Tatsächlich habe ich aber noch nie über irgendetwas anderes nachgedacht. Ich wusste schon mit 13, dass ich Trompeter werden will.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in einem Blasorchester mitgespielt haben?

Das war 1988 auf einer Türkeitournee des Blasorchesters der Kölner Verkehrsbetriebe. Mit­gespielt haben da auch die Posaunisten Ritchie Hellenthal ? der war damals noch Schaffner ? und Dan Gottshall, der heute auch in der NDR Bigband spielt. Dieses sinfonische Blasorchester ging dann unter der Leitung des türkischen Komponisten und Arrangeurs Betin Günes auf zweiwöchige Tour. Und kurz danach war ich dann beim NDR.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich mit dem Dirigenten Jörg Achim Keller gestritten haben?

Das ist noch nie vorgekommen. Wir sind beide sehr umgängliche Menschen, und wenn es mal ein Problem gäbe, dann glaube ich, sind wir alt genug, dass wir das dann besprechen, bevor es einen Streit gibt. Außerdem hat er noch ein Hemd von mir, das ich ihm geliehen habe.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich über einen Schüler ge­ärgert haben?

Als ich noch Professor war, gab es schon mal Leute, bei denen ich das Gefühl hatte, man fängt in jeder Unterrichtsstunde wieder von vorne an. Ich muss da gar nicht unbedingt laut werden ? aber wenn ich mich ärgere, wird das trotzdem recht deutlich.

Wann war das letzte Mal, dass Sie auf den Cannstatter Wasen waren?

Ich war da noch nie. Das ist wie auf der Münchner Wiesn. Meistens sind da nur Amerikaner und Italiener. Da allerdings war ich mal mit den Trompetern Claus Reichstaller, Franz Weyerer und Bobby Shew. Wir hatten hier 1993 in der Unterfahrt gespielt. Und der Vater von Andy Haderer (WDR Big Band, d. Red.) hat in der Blaskapelle vom Augustiner Festzelt gespielt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie »Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn« gesungen oder gespielt haben?

Das ist mir bisher nicht passiert. Früher hat die NDR Bigband Hafenkonzerte gespielt. Das war immer in Schulau draußen (»Willkomm Höft«), wo die Schiffe in die Elbe verabschiedet bzw. im Hafen begrüßt werden. Da wurden dann solche Sachen gespielt. Aber das war knapp vor meiner Zeit. Ich kam vor 21 Jahren in die Band, als die Umstrukturierungen in Richtung eines Jazzorchesters abgeschlossen waren. Die Hafenauftritte wurden dann an das Polizeiorchester Hamburg und freischaffende Kapellen abgegeben.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?

Ich bin keiner, der sagt »Männer weinen nicht«. Es sind dieses Jahr Kollegen gestorben, was mich sehr traurig gemacht hat. Jens Winter, ein toller Trompeter, ist ganz plötzlich an einem Hirnschlag gestorben und bei diesem schrecklichen Unfall in Hamburg ist Dietmar Mues, der lange Jahre mit der NDR Bigband gearbeitet hat, gestorben. Wenn Sie jetzt wissen wollen, bei welchem Trompetensolo von welchem Trompeter ich zuletzt geweint hab, da kann ich nicht mit dienen ? obwohl das manchmal zum Heulen ist?

Wann war das letzte Mal, dass sie einen Musiker-Kollegen beneidet haben?

Ich beneide ? im positiven Sinne ? alle Leute, die infolge von Können und nicht wegen äußerlicher Maßnahmen einen wohlverdienten Erfolg haben. Ich ­finde es zum Beispiel ganz toll, dass Till Brönner zurzeit solch einen Riesenerfolg hat. Denn er erntet jetzt, was er die letzten Jahre gesät hat. Man beneidet schon mal Leute, die auf den großen Festivals spielen, weil man da natürlich auch gerne mal spielen würde. Aber das ist ein positiver Neid. Ich sehe das dann eher als Ansporn, noch mehr zu tun und noch besser zu werden.

Wann war das letzte Mal, dass Sie stolz auf sich waren?

So vor zehn Minuten, würde ich sagen. Es ist jedes Mal ein langer Weg, bis man seine neue CD in den Händen hält. Ich war ja auch schon bei zwei Geburten dabei ? obwohl, eine CD ist weniger schmerzhaft, das sollte man dann vielleicht doch nicht vergleichen... Jedes Mal denkt man, dass man wieder was gelernt hat, denn es ist wirklich unglaublich, was für Fehler man machen kann. Bei der aktuellen CD haben wir die Reihenfolge noch einmal umgestellt, und wenn Regine (die Managerin ­Regine Burk, d. Red.) nicht aufgepasst hätte, wären die Titel auf dem Cover in falscher Reihen­folge abgedruckt. Wenn ich sehe, wie »Jazul« rechtzeitig zum Frühjahr ? »Inda Com­mune« ist der dritte Tonträger ? Blüten treibt, dann macht mich das schon sehr stolz.

Wann war das letzte Mal, dass Sie im Fußballstadion waren?

Das war 1993 bei einem Spiel des BVB gegen den HSV. Ich bin kein Stadiongänger ? außer wenn ich mit den Rolling Stones auftrete natürlich... Fußball schau ich lieber im Fernsehen. Bei der Leichtathletik-EM 1986 in Stuttgart allerdings war ich zwei Wochen lang jeden Tag im Stadion. Dort habe ich nämlich mit zwei anderen Trompetern die Fanfare für die Siegerehrungen gespielt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich selbst gegoogelt haben?

Heute Nachmittag im Bus, weil ich gerne wissen wollte, was vor dem Gig in der Presse gelaufen ist. Es gibt ja dieses Ego-Googeln­ ? aber ich erfahre wirklich auch eine Menge über mich und was ich so mache.

Wann war das letzte Mal, dass Ihnen die Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen vor Augen geführt wurden?

Das letzte Mal, als wir im Jazzclub Miltach im Bayerischen Wald gespielt haben. Ich versteh den Dialekt ja sehr gut, denn wir sind früher jeden Sommer in der Nähe von Rosenheim gewesen, aber meine Kollegen haben da bisweilen Probleme. Die Unterschiede werden mir natürlich auch ständig klar, weil ich nunmal kein Hamburger bin. Es gibt schon den Hanseaten, der zuerst ein wenig reserviert ist, aber wenn man sich dann erst einmal kennt, ist das auch fürs ganze Leben. Das ist mir lieber als das Oberflächliche.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in eine Schlägerei geraten sind?

Das ist mir zum Glück noch nie passiert. Wenn man manchmal nachts mit der U-Bahn in Hamburg fährt, trifft man schon mal so Typen? Ich kenne einen Kollegen, der mal bei einer Schlägerei dazwischengegangen ist, um die Jungs zu trennen. Der hat dann einen abgekriegt und konnte zwei Jahre nicht spielen. Zum Glück war der nicht freischaffend, sondern Posaunist beim Sinfonieorchester.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gedacht haben: »Oh, jetzt habe ich zu viel geredet.«

Labertaschen wie mir kann das natürlich öfter passieren. Ich kann ja gut einen erzählen und das ist manchmal auch eine Flucht nach vorne. Auf der Bühne muss man das machen. Ich bin ja der »Frontman« und muss eben versuchen, das Publikum zu kriegen. Es ist natürlich ganz unterschiedlich, ob du in Friesland bist oder in Düsseldorf. Da frage ich mich dann schon mal: »Hab ich jetzt was Falsches gesagt?« Aber bisher wurde mir noch nie ein Strick draus gedreht.

Der Trompeter Ingolf Burkhardt

ist Trompeter der NDR Bigband und hat kürzlich im Bayerischen Hof in München die dritte CD seiner Band »Jazul« vorgestellt, die er kurz vor dem Interview erstmals in den Händen hält. Das Einspielen eigener CDs ? außerhalb der NDR Bigband ? ist auch ein Stück weit Selbstverwirklichung. Das hat Ingolf Burkhardt mal in einem Interview bestätigt. »Inda Commune« heißt der neue Tonträger und die CD könnte in einer »Lebensgemeinschaft nicht miteinander verwandter Menschen« (so das Lexikon zu »Kommune«) entstanden sein, denn eine eindeutige ­Hierarchie ist da nicht auszumachen ? wenngleich Ingolf Burkhardts Trompete die melodiöse Führungsrolle übernimmt. Alle Mitglieder (Roland Cabezas an der Gitarre, David Paulicke am Schlagzeug und Achim Rafain, Bass) werfen all ihre Qualitäten in die Waagschale. Geht ins Bein und ist absolut hörBAR (siehe auch Seite 65 der aktuellen Ausgabe von clarino.print).

 

  • 19.05.2011
  • Das letzte Wort

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