Im Test: Das Altsaxofon-Mundstück GAIA2 von Theo Wanne

  • 18.10.2017
  • Test
  • Matthias Anton und Klaus Härtel
  • Ausgabe: 10/2017
  • Seite 62-64

Sinn und Zweck einer Musikmesse ist sicherlich auch, dass man Menschen trifft und Neuheiten kennenlernt sowie neue ­Dinge ausprobiert. Im Falle von Theo Wanne schlägt man gar zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir haben getestet und uns anschließend mit dem Mundstück-Nerd Theo Wanne unterhalten.

Das GAIA2 im Test

Das vorliegende Mundstück ist das neue Altsaxofon-Mundstück von Theo Wanne, das "GAIA2". Da ich zuvor ein "AMMA" mit der Bahnöffnung 5 gespielt habe und etwas Offeneres ausprobieren wollte, habe ich mich für ein Mundstück mit der Öffnung 6 entschieden.

Dieses Mundstück ist ein wirkliches "True Large Chamber"-Mundstück. Das heißt, dass die Kammer größer ist als die Bohrung. Das Besondere daran ist, dass es bis auf wenige Ausnahmen keine Altsaxofon-Mundstücke mit großer Kammer gibt bzw. gegeben hat. Diese Bauweise wurde eher bei Tenorsaxofon-Mundstücken angewendet.

Die Basis dieses Mundstücks ist laut der Beschreibung von Theo Wanne ein altes Meyer-Mundstück. Die Idee war, ein neues Mundstück zu bauen, das den vollen, reichen, klassischen Jazzsound der alten Jazzmundstücke erzeugen kann.

Das Design des Mundstücks soll ebenfalls auf dem klassischen Meyer-Mundstück basieren. Aus meiner Sicht ist aber die wichtigste Basis für dieses Mundstück die immense Erfahrung und das schier endlose Wissen über sämtliche in der Vergangenheit und in der Gegenwart gebauten Mundstücke. Theo Wanne weiß praktisch alles über Mundstücke.

Leichte Ansprache, wunderbare Intonation, kristallklarer Sound

Ich habe das Mundstück auf der Messe dann gleich ausprobiert und sehr schnell festgestellt, dass es genau die Klangeigenschaften hat, die ich gesucht habe. Es hat eine unglaublich leichte Ansprache in allen Registern.

Man kann damit relativ leicht – und da bin ich immer vorsichtig – in extreme Höhen spielen. Ein d⁴ ist für mich auf diesem Mundstück überhaupt kein Problem! Auch die Intonation ist auf dem Mundstück wirklich wunderbar.

Was mir allerdings auch gleich aufgefallen ist, ist der wunderbar weiche, warme, volle, aber wenn man möchte auch kristallklare Sound, den dieses Mundstück erzeugen kann. Es ist extrem flexibel in der Gestaltung von Ton und Klangfarbe. Ich denke, dass das auch mit der großen Kammer zusammenhängt.

Bereits in den ersten Sekunden habe ich mich in den Klang verliebt, was zugegebenermaßen auf der Messe – zwischen vielen anderen Musikern, die ihre Instrumente und Mundstücke ausprobieren – gar nicht so einfach ist.

Ich habe dann immer wieder auch mit meinem "AMMA" verglichen und das auch Theo Wanne vorgespielt. Er war der Meinung, dass das "GAIA2" noch besser zu mir passt.

Zu Hause angekommen, konnte ich das Mundstück dann in aller Ruhe ausprobieren. Mein erster Eindruck hat sich voll und ganz bestätigt! Der Klang ist wirklich voll, rund und reich an Sound, Klangfarben und Obertönen! Genau das Richtige für mich.

Für Saxofonisten, die ein "True Large Chamber"-Mundstück mit einem wirklich klassischen Jazzsound suchen, ist dieses Mundstück genau das richtige. Man kann wunderbar in einer Combo damit spielen – Jazz oder auch Funk und Pop. Ich persönlich mag es sehr, wenn ich in Bigbands oder auch in Saxofonquintetten damit Lead-Alto spiele.

Fazit des Testers Matthias Anton: Ein wirklich sehr gelungenes Mundstück. Bravo!

Der Theo Wanne im Gespräch

Im Anschluss an den Test am Messestand unterhielten wir uns mit Theo Wanne, Jahrgang 1967. In Kalifornien geboren, lebt und arbeitet er heute in Bellingham, einer Stadt im Nordwesten des US-Bundesstaates Washington.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf als Mundstück-Designer gekommen? Sie haben auch schon Fahrräder gestaltet – was ­haben Saxofone und Fahrräder gemeinsam?

In meinen Grundschul- und Highschooljahren war ich ein begeisterter Radfahrer. Ich bin auch bei einem Fahrradrahmenbauer in die Lehre gegangen. Als Lehrling musste ich all die Routinearbeiten wie Schweißen, Löten, Feilen usw. übernehmen. Und in dieser Zeit wurde ich handwerklich richtig gut beim Bearbeiten von Metall. Das hat sich später als sehr hilfreich herausgestellt, als ich mich dem Mundstück-Refacing zugewandt habe.

Ich habe den Klang von Dexter Gordon immer geliebt. In der Highschool versuchte ich, seinen Klang nachzuahmen. Um dies zu erreichen, probierte ich ein modernes 10* Otto Link. Ich brauchte das große Tip Opening, um dem großen Sound von Dexter näherzukommen. Aber ein 10* war wirklich zu groß für mich.

Später, auf dem College, verdiente ich Geld mit dem Handel von Vintage-Saxofonen. Einer meiner Kunden meinte, ich solle ein 1950er Otto Link ausprobieren. Irgendwann fand ich ein original 7*, mit dem ich den Klang so hinbekam, wie er mir vorschwebte. Es war auch leichter zu blasen, aber es sprach schlecht an, weil es etwas beschädigt war.

Ich habe es dann an einen Mann namens Bob Carpenter in Seattle geschickt. Der bereitete es auf und ich war schlichtweg begeistert. Das Mundstück klang und reagierte großartig! Von diesem Augenblick an fing Bob an, mich darin zu unterrichten, wie man Mundstücke aufbereitet.

Ich habe meine kompletten Ersparnisse verwendet, um alte Mundstücke von kleinen Händlern im ganzen Land zu kaufen und aufzubereiten. Über meinen Laden "Saxophone Mouthpiece Heaven" habe ich sie dann wieder verkauft. So habe ich gelernt, Mundstücke zu designen. Ich habe gelernt, jegliches Design besser zum Klingen zu bringen.

Wenn Sie jemand "Mundstück-Nerd" nennt – was schon passiert ist –, was ­denken Sie darüber?

Das ist lustig! Ich nehme an, ich bin einer. (lacht) Mundstücke sind alles für mich. Spirituell gesehen könnte man sagen, dass Mundstücke, die die Musik der Menschen inspirieren, mein "Dharma" sind. Das heißt, das ist genau das, was ich im Leben machen soll, dafür bin ich geboren. Ich fühle das in jeder Zelle meines Körpers.

In meinem Leben geht es darum, Musikern zu helfen, ihre Musik zu genießen, indem ich sehr ausdrucksstarke Mundstücke mache. Wenn wir ein wahrhaft großartiges Mundstück spielen, fühlt es sich an, als würde die Kreativität einfach aus uns herausströmen.

Ein Beispiel: Ich bekam neulich eine E-Mail von einem Kunden, der sein erstes Theo-Wanne-Mundstück bekam, sofort in seinen Überaum lief und begann, es zu spielen. Seine Frau rief: "Was ist passiert? Was hast du gemacht?" Auf seine Frage "Was meinst du damit?" meinte sie: "Du spielst kreativer, als ich es je zuvor gehört habe! Ich liebe es!" Und das ist genau die Erfahrung, die ich jedem gönnen möchte.

Wie lange dauert es, ein neues Mundstück zu entwerfen? Wie gehen Sie vor?

Die erste Idee rührt daher, eine Notwendigkeit zu sehen. Es muss also ein Design in der Welt gebraucht werden, das es noch nicht gibt. Diese Erfahrungen habe ich beim jahrelangen Mundstück-Refacing gesammelt. Die Kunden würden sagen: "Ich mag es, ABER wenn du auch noch…" So entstanden meine ersten Modelle.

Heute bekomme ich immer wieder Feedback von Kunden und Endorsern. Ich liebe Feedback wirklich, positiv wie negativ. Das positive lässt mich wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Das negative sagt mir, woran ich noch nicht gedacht habe. So ist es richtig gut!

Wenn ich eine Notwendigkeit gesehen habe, experimentiere ich erst einmal mit einem ähnlichen Design. Ich meditiere, experimentiere, meditiere, experimentiere... Manchmal dauert dieser Vorgang fünf Minuten und manchmal Jahre. Ich habe gelernt, den Prozess nicht zu erzwingen, sondern mit dem natürlichen Fluss zu gehen. (lacht) Ich lerne gerade, dass diese Art von Geduld mein ganzes Leben übernommen hat.

Sobald ich eine handgearbeitete Version habe, die mir taugt, wandle ich sie in ein Computer Aided Design (CAD) um. Zusammen mit meinem großartigen CAD-Designer Matt Ambrose habe ich einfach unglaubliche Modelle erstellt, die exakt so passen, wie ich die Mundstücke modifiziere und den Sound sehe. Auf diese Weise können wir recht einfach ein neues Design erstellen.

Dann wird das Design via "Rapid Prototyping" (schnelle Prototypentwicklung) erstellt. "Rapid Prototyping" funktioniert wie ein normaler Computerdrucker – nur dass das Design eben dreidimensional entsteht. "Rapid Prototyping" ist heute noch nicht wirklich geeignet für die Produktion, aber ich kann mir vorstellen, dass es in der Zukunft der beste Weg sein könnte, Mundstücke herzustellen.

Im Moment gibt es noch zu viele Probleme mit den Materialien und der Genauigkeit. Fehlende Genauigkeit bedeutet, dass die Schichten nicht eng genug erstellt sind. Es ist wie mit einem Bildschirm mit niedriger Auflösung: Einfach nicht genügend Pixel…

Wenn der Prototyp einigermaßen klingt, wird er maschinell bearbeitet und kleinen Änderungen unterzogen – so lange, bis er fertig ist! Und dann geht’s ab in die Produktion.

Die meisten Ihrer Produkte haben Namen von hinduistischen Göttern. Was ist die Geschichte dahinter?

Als ich 15 Jahre alt war, war ich als Austauschschüler für ein Jahr in Indien. Ich war fasziniert davon, dass alle hinduistischen Götter verschiedene Aspekte des Lebens darstellen. So ist zum Beispiel Ambika der liebevolle mütterliche Aspekt des Lebens, die liebevolle Mutter, die sich um ihre Kinder und Familie kümmert. Deshalb klingt unser "AMBIKA"-Mundstück eben warm und schön.

Wenn man den Kindern dieser Mutter etwas antun würde, würde sie "durga­" werden. Sie ist kraftvoll und würde jeden zerstören, der ihren Kindern schadet. Folglich ist in unserer Linie "DURGA" ein sehr kraftvolles Mundstück!

Ist Religion Teil Ihrer Philosophie? Wie vertragen sich Religion und Wirtschaft?

Ich bin nicht sehr religiös. Ich betrachte mich als geistig-spirituell, denn ich sehe in allen Religionen einen Gewinn. Für mich ist Spiritualität sehr praktisch. Wenn ich etwa meditiere, wird mein Verstand sehr, sehr klar. Plötzlich erkenne ich, was mit einem Mundstück-Design oder einem geschäftlichen Aspekt geschieht. Ich weiß dann, was zu tun ist.

Ich denke, Sorgen, Zweifel, Stress und Angst können den Geist trüben. Es ist dann sehr schwer, gute Entscheidungen zu treffen. Aber wenn der Geist klar ist, können wir die Realität sehen, wie sie ist. In vielerlei Hinsicht fügt die Spiritualität nicht etwas zu meinem Leben hinzu, vielmehr entfernt sie alle Missverständnisse des Lebens.

Ich bin dann frei. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass ich mein Geschäft ohne Spiritualität nicht machen könnte. Je freier ich bin, desto besser läuft das Geschäft. Denn ich akzeptiere das Leben und die Leute, wie sie sind. Und dann kann ich Entscheidungen treffen, die mir und anderen besser helfen.

Nach Meditationen oder tiefem Schlaf weiß ich oft, wie ich meinen nächsten Mundstückentwurf verbessere. Früher, als ich zu viel darüber nachdachte, habe ich viel Zeit und Geld verschwendet. Jetzt weiß ich einfach, was in diesem Augenblick zu tun ist. Dieser Weg ist viel praktischer und kostengünstiger!

Ihre Mundstücke sind in den USA und Asien sehr beliebt. Was ist mit Europa? Was sind Ihre Pläne hier?

In Europa haben wir einige Musiker – wie etwa Tony Lakatos oder Jan Garbarek –, die unsere Mundstücke spielen. Aber ich glaube, dass wir einer breiten Öffentlichkeit in Europa noch nicht so gut bekannt sind. Vielleicht können Sie mir dabei helfen? (lacht)

Aus reiner Neugier: Was ist die Geschichte hinter Ihrer weißen Mütze?

Ich liebe die Farbe Weiß. Es fühlt sich gut an, sehr expansiv. In der Tat habe ich synästhetische Fähigkeiten und sehe Farben und Formen, wenn Leute Musik spielen. Dies hat mir geholfen, Mundstücke zu entwerfen, denn ich weiß, was Farben im Mundstück-Design bedeuten.

Als ich anfing, meine Haare zu verlieren, wurde mir kalt am Kopf. Also trug ich Beanies oder Kappen, die natürlich weiß waren. Und mittlerweile ist es eben mein Markenzeichen geworden. Ich traf Tony Lakatos das erste Mal in einer überfüllten Bar, in der er spielte. Während der Pause kam er von der Bühne und ging schnurstracks durch den vollen Raum auf mich zu und sagte: "Hallo Theo!" Ich fragte: "Woher wusstest du, dass ich es bin?" Er antwortete: "Deine weiße Beanie!"

theowanne.com

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