Hypnose: Es geht um das gute Gefühl auf der Bühne

Kennen Sie eine Rampensau? Der Duden weist »Rampensau« dem saloppen Sprachgebrauch zu und definiert sie 1. als »leidenschaftlichen Bühnenkünstler« und 2. als »jemand, der, im Mittelpunkt stehend und andere in den Hintergrund drängend, in der Lage ist, durch seine Leidenschaftlichkeit mitzureißen«. Wir wissen, dass Rampensäue außerdem offenbar keine Nerven haben oder solche wie Drahtseile. Rampensäue lassen sich durch nichts beeindrucken und sind jederzeit Herr der Lage. Lampenfieber oder gar Auftrittsangst sind für die gemeine Rampensau Fremdworte. Und wir wissen: Eine Rampensau ist man – oder eben nicht. Oder?

Lampenfieber

Beinahe jeder (mit Ausnahme der genetischen Rampensäue natürlich) kennt die Situation: Kurz vor dem Auftritt wird die Atmung flacher, die Hände werden kalt und feucht, der Puls schaltet ungebeten auf stringendo. Blitzen gleich schießen Bad- bis Worst-Case-Szenarien durch den Kopf. Wird die Stelle X funktionieren? Was passiert, wenn ich mich bei Stelle Y verzähle, oder noch viel schlimmer, wenn sich der Kollege verzählt und ich meinen Einsatz nicht abnehmen kann? Was, wenn mein Mund bei den hohen Tönen wieder trocken wird? Soll ich mich nicht lieber durch eine vorgetäuschte Fieber- oder Übelkeitsattacke dem Auftritt entziehen?

Diese Empfindungen würden die meisten wohl unter »Lampenfieber« zusammenfassen. Für Daniel Schmidt vom Team »Rampensau.Training« ist Lampenfieber eine positive Sache: »Das ist für mich die positive Anspannung, dieses Kribbeln in den Fingern, das mir sagt, dass ich jetzt da raus will auf die Bühne!«

Maximilian Höcherl, ebenfalls ein »Rampensau.Trainer« fühlt sich auf der Bühne ganz einfach wohl und würde sich in den meisten Fällen wohl selbst auch als Rampensau bezeichnen. »Und für die Fälle, wenn es mal nicht so ist, habe ich mir ein Skillset zurechtgelegt, einen Werkzeugkasten, der mich dann weiterbringt.« Diesen Werkzeugkasten gegen negatives und für positives Lampenfieber haben die beiden strukturiert und bieten den Inhalt interessierten Musikern an, aber auch anderen Performern.

»Rampensau-Training« mit Hypnose

»Hilfe zur Selbsthilfe«, so könnte man beschreiben, was die beiden Trainer in ihren Workshops betreiben. Generell, so glaubt Daniel Schmidt, kann jeder lernen, sich auf der Bühne wohl zu fühlen. Dabei wäre es zuvorderst wichtig, sich mit der Thematik zu befassen. »Man gesteht sich bei unserem heutigen aktiven Zeitgeist nicht oder nur sehr ungern selber Schwäche zu«, weiß Maximilian Höcherl.

Lampenfieber und Auftrittsangst sind ein regelrechtes Tabuthema in der Profiszene – und darüber hinaus. »Viele vielversprechende Talente entscheiden sich gegen eine musikalische Berufslaufbahn, weil sie Probleme mit ­Auftrittsängsten haben«, weiß Höcherl aus seinem eigenen Kommilitonenkreis an der Musikhochschule. Das Thema sei also durchaus aktuell und weit verbreitet, aber in der öffentlichen Wahrnehmung leider völlig unterrepräsentiert, weil nicht darüber gesprochen werde.

Das Mittel, das Höcherl und Schmidt in ihrem »Rampensau.Training« gegen die Nervosität vor Auftritten – oder besser: für ein gutes Gefühl auf der Bühne – einsetzen, ist die Hypnose. Wer bei diesem Begriff an willenlos gackernd herumhopsende Menschen denkt, die von einem großen Manipulator per Pendel ins Bewusstseinsnirgendwo geschickt werden, der liegt falsch: »In diesen Hypnoseshows, die man aus dem Fernsehen kennt, sind etwa 10 Prozent Hypnose, 90 Prozent sind andere Dinge.

Es geht darum, dass Leute gern bei so etwas mitspielen, gern mal vor der Kamera stehen würden und so weiter.« Richtige Hypnose hingegen sei etwas anderes, so Schmidt weiter: »Hypnose ist ein einfaches Tool, mit dem man seinen eigenen geistigen Zustand verändern kann, und zwar kontrolliert und ganz bewusst. In unserem Trainingsprogramm zeigen wir den Teilnehmern, wie sie diesen Zustand für sich selbst nutzen können.«

Wie funktioniert Hypnose?

James Braid, der als einer der Erfinder der Hypnose gilt, wollte den Begriff, den er im 19. Jahrhundert für das Verfahren einführte, nach kurzer Zeit schon wieder zurücknehmen. Denn das Wort »Hypnose« lehnte er an die griechische Vokabel »hypnos« an, die Schlaf bedeutet. Braid stellte aber schon bald fest, dass die Patienten in Hypnose keineswegs schlafen, sondern – ganz im Gegenteil – sogar sehr wach sind.

»Das kann man heute mit verschiedenen bildgebenden Verfahren sehr gut nachweisen«, weiß Daniel Schmidt. Die Hypnoseshows aus dem Fernsehen hätten leider bei vielen Menschen die Grundangst geweckt oder verstärkt, in der Hypnose die Kontrolle zu verlieren.

Was ist Hypnose nun aber? Wie wird in der Hypnose gearbeitet? »In der Hypnose bin ich in einem Trancezustand, in dem ich ganz bei mir und meinem natürlichen Empfinden von Richtig und Falsch bin. In diesem Zustand kann mir niemand etwas ›aufschwatzen‹.

Der Hypnotiseur gibt Suggestionen. Das Wort kommt vom englischen ›to suggest‹ – vorschlagen. Der Hypnotiseur macht also Vorschläge, was ich mit diesem Vorschlag mache, entscheide ich dann in meinem Trance- und Entspannungszustand selbst.« Diese Vorschläge zielen darauf ab, Wahrnehmungen und Verhalten des Hypnotisanten in Bezug auf die angstbeladene Situation nachhaltig zu verändern.

»Es ist ähnlich, wie wenn ich mich mit einem guten Freund über eine Sache unterhalte. Auch er wird mir möglicherweise Vorschläge machen, und ich bin vielleicht geneigt, diesen Vorschlägen zu folgen, weil ich meinem Freund vertraue. Deshalb ist das Vertrauensverhältnis des Hypnotiseurs zum Hypnotisanten sehr wichtig.« In diesem speziellen Trance­zustand der Hypnose werden natürlich andere Ebenen des Bewusstseins angesprochen als im Gespräch »bei einem Bier« unter Freunden.

Wer übrigens beim Stichwort »Suggestion« an autogenes Training denkt, liegt gar nicht so ganz verkehrt. »Autogenes Training ist eine Entspannungsform, die sehr strukturiert Selbstsuggestionen einbaut, die die eigene Entspannung fördern sollen. Autogenes Training als Entspannungsform ist eine sehr gute Grundlage für den Weg in die Hypnose. In der Hypnose können wir allerdings sehr viel flexibler nach den Bedürfnissen des Hypnotisanten schauen«, erklärt Schmidt.

Nicht jeder Mensch ist gleich empfänglich für hypnotisches Arbeiten

Allerdings ist nicht jeder Mensch gleich empfänglich für hypnotisches Arbeiten. Die Einfachheit, mit der jemand in den hypnotischen Zustand wechseln kann, sei im psychologischen Fachterminus »normal verteilt«, sagt Schmidt: »Bei manchen klappt es sehr gut, bei den meisten gut, bei manchen nicht so gut.«

»Aber man sagt auch: ›resistance equals fear‹. Innere Widerstände gegen die Hypnose werden durch Ängste ausgelöst – beispielsweise durch die Angst vor Kontrollverlust«, ergänzt Maximilian Höcherl. »Deshalb hilft es in den meisten Fällen, das Prozedere und die Wirkung der Hypnose mit den Hypnotisanten zu besprechen.«

Weil nicht alle Menschen jederzeit empfänglich sind für Hypnose, »schauen wir natürlich, dass wir einen großen Werkzeugkasten dabei haben«, erklärt Daniel Schmidt. Dabei gehe es darum, schon in der Vorbereitung zu einem Auftritt zu sehen, wie jemand an diesen Auftritt herangeht: »Welche Ziele habe ich, wenn ich auf die Bühne gehe? Welche Erwartungen habe ich? Wie gehe ich mit mir selbst um? Wir sprechen da also eher die Kopfebene an.«

Wann ist »Rampensau.Training« sinnvoll?

Ab welchem Grad sollte man nun zum »Rampensau.Training« kommen? »Man müsste eigentlich wagen, sich fortbilden zu wollen, bevor es zu einem Problem wird«, erklärt Maximilian Höcherl. »Leider haben die meisten Leute auch Angst davor, sich mit der Angst auseinanderzusetzen.« Viele halten sich auch so lange mit »jetzt reiß dich mal zusammen« über Wasser, bis der Leidensdruck so groß wird, dass man eben doch das Gefühl hat, »etwas tun« zu müssen, weil man nicht mehr in der Lage ist, die Leistung abzurufen, die man zu bringen imstande wäre.

»Als Psychologe ist mir da noch eine Unterscheidung sehr wichtig: Wenn ein Profimusiker zum Arzt geht und sagt, er möchte krankgeschrieben werden, weil er nicht mehr auf die Bühne kann, dann ist das eine klinische Angststörung.« An dieser Stelle kommt das »Rampensau.Training« zu spät.

Ein erfahrbarer Unterschied

Die Coaches Höcherl und Schmidt setzen auf einen erfahrbaren Unterschied. Darauf, dass es ein »vorher« und ein »nachher« gibt. »Aber es heißt nicht umsonst ›mentales Training‹! Es passiert nichts von allein. Wir erarbeiten mit den Workshopteilnehmern Techniken und Strategien, die sie dann aber weiterverfolgen, trainieren und in ihren Alltag integrieren müssen«, schränkt Schmidt ein. Hypnose ist also kein Wunderverfahren, und Höcherl/Schmidt sind keine Wunderheiler.

Aber gibt es eine kleine Strategie, die man quasi als »Appetithappen« für einen »Rampensau«-Workshop vorab verraten kann? »Ja klar«, lacht Daniel Schmidt. »Letztlich geht es darum, dass wir mit einem guten Gefühl auf die Bühne gehen. Jeder hatte dieses gute Gefühl schon einmal, jeder erinnert sich an diesen Auftritt, bei dem einfach alles gepasst hat.

Wenn ich mich auf einen Auftritt vorbereite, versetze ich mich noch mal in diese perfekte Situation zurück, steige sozusagen in diese Stiefel noch mal rein: Wer war da bei mir? Wer stand mit mir auf der Bühne? Wie ging es mir da? Was hat der Körper da alles gegeben? Das kann ein Kribbeln in den Fingern gewesen sein, das kann eine bestimmte Art des Atmens gewesen sein, das ist bei jedem ein bisschen anders. Aber sich in diesen Moment noch mal reinzuversetzen, das ist die Erste-Hilfe-Maßnahme schlechthin.«

Workshops und Coachings

Maximilian Höcherl und Daniel Schmidt bieten ihr »Rampensau.Training« im Rahmen ihrer Workshops an, aber auch als Gruppencoaching beispielsweise für Musikvereine oder Orchester. Gerade der Laien- und Amateurbereich liegt Maximilian Höcherl ohnehin besonders am Herzen:

»Ich komme ja aus einem Musikverein. Diese Zeit hat mir für meinen musikalischen Werdegang so viel gegeben. Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass gerade die Leute, die die Musik mit großer Leidenschaft als Hobby ausüben, auch Spaß daran haben!« Schließlich sollte Leidenschaft nicht unbedingt etwas sein, das Leiden schafft.

Infos und Workshoptermine: www.rampensau.training

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas »Im tiefsten Inneren: Musik und Psychologie«:

  • 02.09.2018
  • Schwerpunktthema
  • Martin Hommer
  • Ausgabe: 9/2018
  • Seite 28-29

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