Hörbar: Unsere CD-Tipps für den Sommer

Trompeter Luca Aquino blickt mit seinem "Italian Songbook" auf die Musik seiner Kindheit zurück und Jazz-Legende Randy Brecker mit der NDR Bigband und "Rocks" auf sein musikalisches Schaffen. Posaunist Peter Steiner präsentiert mit Pianistin Constanze Hochwartner auf "Sapphire" eine ungewöhnliche, aber reizvolle Kammermusik-Kombination. Die Egerländer Rebellen feiern ihr 10-Jähriges mit einer Jubiläums-CD und Blechverrückt legen mit "Spieltrieb" ihr zweites Album vor.  Hört einfach selbst rein in den Soundtrack des Sommers 2019 unserer Redaktion...

Die Egerländer Rebellen: Juhubiläum 10 Jahre

Studio 80

Eine Jubiläums-CD der »Egerländer Rebellen«. Zehn Jahre bewegen sich die Musiker um ihren musikalischen Leiter und Schlagzeuger Markus Maier nun schon in der Szene der böhmischen Blasmusik. Anlässlich eines solchen Jubiläums muss (augenzwinkernd) gefragt werden dürfen, ob nicht langsam eine Namensänderung her müsste. Denn wenn ein Rebell zehn Jahre lang rebelliert und nichts erreicht, wird das vermutlich nichts mehr. 

Wenn er sich aber so etabliert hat wie die »Egerländer Rebellen«, gehört er dann nicht zum Establishment und damit genau zu dem Bereich des Musikgeschäfts, gegen den man einst aufbegehren wollte? Bevor diese CD-Besprechung nun jedoch zu sehr in eine politisch-philosophische Betrachtung der Rebellion als solche abdriftet, sei darauf hingewiesen, dass sich doch eine kleine Revolution auf dieser CD abspielt. 

Denn neben ganz wenigen »Klassikern« finden sich nur junge und frische Komponisten und ihre Kompositionen auf der Titelliste. Timo Dellweg, Thomas Greiner, Lukas Bruckmeyer, Markus Radiske, Stefan Stranger und Mark Sven Heidt bestreiten den Großteil des CD-Programms. Diese bürgen für einen frischen Klang, neue harmonische Verbindungen und eine moderne Tonsprache. (ho) 

Hier können Sie die CD "Juhubiläum 20 Jahre" der Egerländer Rebellen im Blasmusikshop bestellen. 

Randy Brecker & NDR Bigband: Rocks

Jazzline

Randy Brecker ist eine lebende Legende. Seit mehr als 40 Jahren zählt er zu den einflussreichsten Jazz-Musikern. Zusammen mit seinem Bruder Michael Brecker und ihrer Band Brecker Brothers war Randy stilbildend in den 1970er Jahren, der Epoche der Fusionmusik, des Jazzrock. 

Noch immer versprüht der US-Amerikaner die reinste Spielfreude. Jüngster Ausdruck dieser Lust ist die vorliegende CD, ein »big bang« mit Bigband. Und bereits der Titel ist Programm: »Rocks«. 

Mit den Gästen David Sanborn, Ada Rovatti und Wolfgang Haffner präsentiert Brecker zusammen mit der NDR Bigband unter der Leitung des Arrangeurs Jörg Achim Keller nach dem großen Erfolg des Grammy-Gewinners »Some Skunk Funk« den zweiten Teil der Retrospektive seines musikalischen Schaffens; beginnend mit Songs aus der Brecker-Brothers-Zeit bis hin zu neuen Kompositionen. (eka)

Peter Steiner und Constanze Hochwartner: Sapphire

Berlin Classics

Die Kammermusik-Kombination Posaune und Klavier ist ungewöhnlich und reizvoll. Peter Steiner und seine pianistische Partnerin Constanze Hochwartner geben auf »Sapphire« einen Einblick, wie sich das anhören kann, und sprengen das Bild dessen, was man landläufig denkt, was mit der Posaune möglich ist.

Diese kann nämlich nicht nur am Letzten Tage erschallen, sondern ebenso zart und lieblich singen: eine Vielzahl an Klangfarben, die funkeln wie ein Saphir.

Mit seinem zumindest in der klassischen Musik recht selten anzutreffenden Solo-Instrument Posaune ist Peter Steiner auf der ganzen Welt zu Hause. Nach seinem Studium am Mozarteum und der Julliard School New York tourt er rund um den Globus, von Brasilien über die USA bis nach Japan. 

Das Programm des Albums vereint sowohl Arrangements von Mozart und Puccini mit Melodien von Bernstein und zeitgenössische Posaunen-Literatur mit Filmmusik aus »Der Pate«. Peter Steiner möchte einen Einblick geben, wie vielfältig sein Instrument ist. Und es ist wirklich erstaunlich, was er aus der Posaune herauszuholen vermag. Sanfte Klänge, die sich zart durch alle Register ziehen, wechseln sich ab mit griffig-kraftvollen, zupackenden Ansätzen. (bcw)

Hier könnnen Sie die CD "Sapphire" kaufen. 

Joshua Redman Quartet: Come What May 

Nonesuch

Nach fast zwei Jahrzehnten präsentiert das neue Album des Joshua Redman Quartets, »Come What May«, die neuen Aufnahmen der Gruppe um den jüngst für einen Grammy nominierten Saxofonisten. Für »Come What May« hat dieses Quartett, das in den letzten Jahren mehrere internationale Touren absolvierte, insgesamt sieben Songs von Joshua Redman eingespielt.

Der »Boston Globe« schrieb vor kurzem: »Es spielte Joshua Redman mit seinem Quartett, der zeigte, wie man Spannung aufbaut und die Menge zum Jubeln bringt, ohne sich selbst unter Druck zu setzen oder Kompromisse einzugehen.« 

Redman selbst sagt über seine Mitmusiker: »Sie gehören zu meinen Lieblingsmusikern auf der ganzen Welt. Wir haben im Laufe der vergangenen Jahre so viel zusammengespielt und waren so oft zusammen auf Tour, dass sich auf, aber auch außerhalb der Bühne Kameradschaft, Freundschaft und eine wahrhaftige Liebe und Verständnis füreinander entwickelt haben, die für mich eine ideale Situation darstellt, gemeinsam Musik zu machen. 

Wenn man diese Ebene von Vertrauen und Mitgefühl erreicht hat, erlaubt es einem, wirklich entspannt und frei zu sein. Und das sind die besten Voraussetzungen, dass potenziell Magie entstehen kann. (qu)

Hier können Sie die CD "Come What May" kaufen. 

Blechverrückt: Spieltrieb

Das Nachspiel auf die positiven Reaktionen auf das Erstlingswerk »Vorspiel« von »Blechverrückt« ließ nicht lange auf sich warten: Mit »Spieltrieb« präsentieren die Burschen aus dem ostschwäbischen Raum ihr zweites Album. Deutlich herauszuhören ist, dass man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhte, sondern intensiv am musikalischen Selbstverständnis arbeitete. 

Der titelgebende »Spieltrieb« ist offensichtlich auf den musikalischen Instinkt oder eine Art Ur-Trieb zurückzuführen, welcher die Blechverrückten zu ständiger Verbesserung treibt. Am deutlichsten wird dies beim Marsch »Gran Paradiso«, wo Kompositionsgedanken von Trompeter Alexander Stütz perfekt zu Ende geführt wurden. 

Weiterer Höhepunkt ist ein Bond-Potpourri, in welchem trotz Minimalbesetzung Bigband-Feeling aufkommt. Stilsicherheit im Jazz hat eben noch keinem Egerländer geschadet. 

Apropos: Klassische Egerländer-Titel sind nebst Eigenkompositionen (unter anderem die durchaus herrliche »Herrlička-Polka« von Tubist Florian Wolf) auch zu hören: Evergreens wie »Der Falkenauer« und »Egerland – Heimatland«, aber auch weniger bekannte, doch umso spielenswertere wie »Die Hütte im Wald«. (brt)

Hier können Sie die CD "Spieltrieb" von Blechverrückt im Blasmusikshop bestellen. 

Luca Aquino: Italian Songbook

Act Music

Manchmal bestimmt das Schicksal den Lebensweg. So erging es dem 1974 geborenen Trompeter Luca Aquino, als er im Sommer 2017 mit seinem Instrument im Gepäck startklar für seine »Jazz-Bike-Tour« war, aber dann doch nicht losfahren konnte: Eine plötzliche Gesichtslähmung zerstörte jäh die Idee, von seiner süditalienischen Heimatstadt Benevento nach Oslo zu radeln. 

Aber er schaffte es, ins Musikleben zurückzukehren. Für Aquino war dies aber auch eine Zeit der Selbstreflexion. Das »Italian Songbook« war die logische Konsequenz: Während seiner krankheitsbedingten Zwangspause beschloss er, auf die Musik seiner Kindheit zurückzublicken, um neu anzufangen.«

Filmmusik von Ennio Morricone und Nino Rota, Interpretationen großer Lieder der Cantautori Luigi Tenco, Lucio Dalla, Fabrizio De André und Adriano Celentano sowie Stücke fast vergessener Pioniere der italienischen Musikkultur – das Repertoire von Aquinos ganz persönlichem »Italian Songbook« ist weit gespannt.

Der große Klangteppich wird ausgebreitet, wenn Aquinos Band mit dem Orchestra Filarmonica di Benevento ertönt. Sanft und intim im Trio, aber auch orchestrale Opulenz, dieses Spannungsverhältnis macht den Reiz des »Italian Songbook« aus. (eka)

Hier können Sie die CD "Italian Songbook" bestellen. 

  • 16.07.2019
  • Rezensionen
  • Ausgabe: 7-8/2019
  • Seite 60-61

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