Hayden Chisholm hat das letzte Wort

  • 25.03.2015
  • Das letzte Wort

Die CLARINO-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gewünscht haben, statt des Saxofons die Posaune gewählt zu haben?

Noch nie! Nichts gegen Posaune, aber mit der Wahl des Saxofons bin ich durchaus zufrieden. Ehrlich gesagt liebe ich das Instrument immer mehr und mehr mit der Zeit.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in einer Dixieland-Band mitgespielt haben?

Bei uns in einer Kleinstadt Neuseelands gibt es recht viele Dixieland-Kapellen. Mit 13 Jahren habe ich angefangen, diese Musik zu spielen, und die spiele ich auch heute – zwar selten – immer wieder gerne.

Wann war das letzte Mal, dass Sie »so richtig« Urlaub gemacht haben?

Abschalten, am Strand liegen und einen Steven-King-Roman lesen? So etwas fällt vielen Musikern schwer, selbst wenn die Freundin oder Frau darauf besteht. Ich kann mich eigentlich nur entspannen, wenn ich viel spiele jeden Tag – nur dann geht es mir gut. Und direkt am Strand zu spielen ist auch nicht zu empfehlen als Saxofonist wegen der Rost-Gefahr – außer ich spiele mein wasserdichtes Polycarbonite-Altsaxofon aus Thailand.

Wann war das letzte Mal, dass Sie jemandem erklärt haben, wie mikrotonale Musik funktioniert?

Das Gebiet der mikrotonalen Musik ist riesig und ich kenne nur einen kleinen Teil. Am meisten versuche ich, meinem kleinen Studentenkreis die vielen Farben, die zwischen den zwölf Halbtönen versteckt sind, beizubringen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie eine Schreibblockade hatten?

Fast jedes Mal, wenn ich anfange zu schreiben, habe ich immer wieder Blockaden. Ich musste einfallsreich sein und mir viele kleine Tricks überlegen, um das zu durchbrechen. Einer davon ist einfach: Ich schreibe eigentlich nie »Stücke« oder »Werke«, sondern nur »Notizen«, die vielleicht irgendwann zu Stücken werden können.

Wann war das letzte Mal, dass Ihnen die Unterschiede von Deutschen und Neuseeländern deutlich wurden?

Wenn ich verallgemeinern darf: In Neuseeland redet man etwas mehr um die Sache herum, während man in Deutschland dazu neigt, etwas direkter zu sein. Dies kann unmittelbar nach Konzerten zu Missverständnissen führen. Und natürlich geht man auch in Neuseeland getrennt in die Sauna.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit jemandem über die Menschenrechtssituation in Russland diskutiert haben?

Gott sei Dank noch nie! Ich bin schwer aus der Ruhe zu bringen, aber solche Fragen oder Themen könnten es tun. Ich war mehrmals in Russland auf Konzertreise und hatte ausschließlich fantastische Erfahrungen mit den Menschen und der Kultur dort. Ich halte sehr viel von persönlichen Erfahrungen, etwas, was wir reisenden Musiker viel sammeln.

Wann war das letzte Mal, dass Sie auf »Herr der Ringe« angesprochen wurden?

Vor einigen Jahren recht viel. Langsam nimmt das aber ab. In unseren spektakulären Zeiten, so scheint es mir, ist so viel Lärm um nichts doch sehr schnell wieder vorbei.

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas Verbotenes getan haben?

Ich habe neulich mehrmals auf der Bühne die Major 7 über einen Dominant-Akkord gespielt sowie eine Dur-Terz über einen Moll-Akkord. Noch ist mir aber nichts Schlimmes passiert.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich mit Ihren Mit-Musikern gestritten haben?

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, also muss es lange her gewesen sein. Ich habe bewusst immer vermieden, mit Diven zu spielen. Meine Erfahrung ist, dass Musiker, die anderen wirklich zuhören, das Streiten nicht nötig haben.

Wann war das letzte Mal, dass Sie erklären mussten, dass das Didgeridoo kein neuseeländisches Instrument ist?

Dass wir Koalas oder Kängurus nur im Zoo haben (im Gegensatz zu unserem wunderbaren Nachbarland) und dass wir keine Didgeridoos spielen (sondern eine Vielfalt von weitgehend unbekannten, aber wunderbaren einheimischen Instrumenten), muss immer wieder erklärt werden.

Wann war das letzte Mal, dass Sie gewünscht haben, einen »ordentlichen Beruf« gewählt zu haben?

In einer verrückten, verdrehten Welt wie der unseren, betrachte ich meinen Beruf als verhältnismäßig ordentlich. Bereut habe ich die Entscheidung, Musiker zu werden, noch nie.

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein Rugby-Match gesehen haben?

Rugby ist omnipräsent bei uns und es ist ein schönes Spiel. Gespielt habe ich, bis ich zwölf war und es anfing, etwas zu brutal für die Hände zu werden. Mein Bruder spielt professionell in Frankreich und ich schaue gelegentlich seine Spiele an.

Wann war das letzte Mal, dass Sie den Deutschen die Volksmusik erklärt haben?

Im Jahr 2010 habe ich eine Reise gemacht »auf den Spuren der echten deutschen Volksmusik«. Erklärt aber habe ich nichts. Ich habe zugehört, geforscht und viel gespielt. Es war eine tolle Reise und Teile davon wurden zum Film »Sound of Heimat«, der recht erfolgreich war.

 

Hayden Chisholm wird »Improviser in Residence« beim Jazzfestival in Moers, das vom 22. bis 25. Mai über die Bühne geht. Er ist in Auckland (Neuseeland) geboren und studierte Musik in der Schweiz, in Griechenland, Indien, Jugoslawien, Japan und schließlich an der Musikhochschule in Köln. Chisholm wirkte als Protagonist im Dokumentarfilm »Sound of Heimat. Deutschland singt« (2012) mit. Neben Saxofon und Klarinette beherrscht Chisholm auch Didgeridoo und Oberton-Gesang. Dem Klang dieses faszinierenden Musikers kann man auf der neuen Veröffentlichung (Pirouet Records) besonders nahe kommen: »Breve« heißt sie (was zugleich auch der Name der Band ist) und präsentiert Chisholm in einem Trio mit seit langem geschätzten Kollegen, das in intimer Klangschönheit eine luftige Musik voller Innenspannung spielt. Eine schillernde, fesselnd doppelbödige Ruhe erfasst den Hörer.

www.haydenchisholm.net

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