Harmoniemusik

Noch um 1750 hörte man Bläser-Ensem­bles praktisch nur in der Militärmusik. Besonders beliebt war die »Feldmusik« in einer Sextettbesetzung mit zwei Oboen, zwei Fagotten und zwei Hörnern. Dann aber eroberte der Klang der Klarinette die Herzen – und das Sextett wurde zum ­Oktett erweitert. Zwei Oboen und zwei Klarinetten übernahmen die Führungs­aufgaben, zwei Hörner die Harmonien, zwei Fagotte den Bass. Diese »Standardbesetzung« diktierte Friedrich II. 1763 für alle preußischen Militärkapellen. Als sogenannte »Harmoniemusik« eroberte sie aber auch die europäischen Höfe und ebenso die Freiluft-Vergnügungen des Bürgertums im Kurpark, im Bierlokal, auf der Promenade. Beethoven schrieb 1792 sein Oktett in Es-Dur op. 103 für diese Besetzung, Franz Schubert 1813 sein unvollendetes Oktett in F-Dur (D 72). Die Harmoniemusik wurde sogar geradewegs zum Dreh- und Angelpunkt der europäischen Musikgeschichte. Sie beschleunigte die Ablösung von der Generalbassmusik, sie emanzipierte die Bläserfarben, legte damit auch eine wichtige Grundlage für die klassische Sinfonie und machte die aktuellen Opernmelodien volkstümlich.

Denn Opern-Potpourris bildeten die eigentliche Spezialität der Harmoniemusik – und das Bedürfnis nach Oper war kolossal. Deshalb lohnte es sich für Verleger und Musiker, Opern- und Sinfonie-Bearbeitungen für Harmoniemusik anzufertigen. Fragen der Instrumentation und des Arrangements spielten plötzlich eine Rolle. Im »Handbuch der musikalischen Literatur« aus dem frühen 19. Jahrhundert macht die Harmoniemusik sogar mehr als die Hälfte aller gelisteten Stücke aus. Auch ein Mozart wollte sich dieses Einkommen nicht entgehen lassen und hätte seine Opern gerne selbst »auf die Harmonie gesetzt«. Er fand es aber recht schwer und zeitaufwendig, ein Arrangement so zu gestalten, dass das Werk »den Blasinstrumenten eigen ist und doch dabei nichts von seiner Wirkung verloren geht«.

Weniger Skrupel hatten Arrangeure wie Joseph Heidenreich (1753 bis 1821) oder Joseph Triebensee (1772 bis 1846), die »Die Zauberflöte« bzw. »Don Giovanni« für Harmoniemusik bearbeitet haben. Viel verderben konnten sie freilich nicht, im Gegenteil: Mozarts sprühende Melodik inspirierte ihre Einfälle in der Instrumentierung. Der Musikkritiker Gerhard Pätzig schreibt, man höre hier Mozarts Opern wie »neu« – »quasi aus einem anderen Bühnenwinkel heraus« – und erhalte »meist überraschende, oft vergnügliche Partitureinsichten«. Dabei erweisen sich Mozarts beschwingte, gewitzte Opern-Melodien und seine humorvollen, raschen Begleitläufe als ein wunderbares Spielmaterial für Bläser. Die Dynamik der Musik kommt der »Stimmlichkeit« der Instrumente sehr entgegen. Oboe und Klarinette wechseln sich zum Beispiel im »Vogelfänger« pointiert und spannend in der Melodieführung ab. Auch nimmt die spielerische Raffinesse von Mozarts Musik alles Steife und Festliche aus dem Oktettklang.

Die Münchner Bläserakademie befasste sich ausgiebig mit solchen Harmoniemusiken. Zwischen 1981 und 1983 entstanden ihre vorbildlichen Plattenaufnahmen für Orfeo – klanglich gerundet, ohne modernistische Freiheiten, aber mit fröhlichem Drang. Zur Besetzung gehörten damals Solisten des Bayerischen Staatsorchesters wie Hagen Wangenheim (Oboe), Hans Schöneberger (Klarinette) oder Siegfried Machata (Horn), die in späteren Jahren noch bekannter werden sollten. Wem die originale Harmoniemusik-Besetzung zu historisch klingt oder zu schwer zu realisieren ist, kann natürlich mit der Instrumentierung auch ein wenig experimentieren. Saxofon statt Oboe, Posaune statt Horn oder Kontrabass statt Fagott wären interessante und denkbare Klangfarben.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband... Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

  • 03.02.2015
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

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