Gipfelkonferenz der Jazztrompeter

  • 06.12.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Sechs Trompeter, die das "Who is who" der Jazztrompeter symbolisieren, begleitet von einer Rhythmusgruppe mit Klavier, Bass und Schlagzeug: Das Album "For Flying Out Proud" ist nicht nur eine unglaubliche Werbung für die Jazztrompete. Auch jedes Stück kann als Komposition und Arrangement begeistern...

Der Macher: George Gruntz

George Gruntz (1932 bis 2013) war ein Macher. Der Schweizer Pianist begleitete zahlreiche amerikanische Jazzmusiker, leitete seine eigenen Trios und startete einige beispiellose Unternehmungen.

So initiierte er zwei frühe World-Jazz-Produktionen (1967), schrieb mehrere Jazzopern und bedeutende Filmmusiken und gründete 1971 die George Gruntz Concert Jazz Band – ein international besetztes Jazzorchester, das im Lauf der Jahre auch in den USA, Kanada, Russland, Ägypten und China gastierte.

14 Jahre lang war George Gruntz außerdem der musikalische Leiter des Züricher Schauspielhauses, 22 Jahre lang der künstlerische Leiter der Berliner Jazztage. Er war "Artist in Residence" beim Menuhin-Festival in Gstaad (Schweiz) und Mitbegründer des "Swiss Jazz Pool". Immer wieder verantwortete er zudem ganz besondere Instrumentalprojekte – "Eternal Baroque" mit vier Flötisten, "Percussion Profiles" mit fünf Perkussionisten, "Piano Conclave" mit sechs Klavierspielern.

"Trumpet Machine": Das "Who is who" der Jazztrompeter

Ein weiterer dieser Instrumente-Gipfel war die "Trumpet Machine" von 1977, die Gruntz zusammen mit dem Schweizer Trompeter Franco Ambrosetti aus der Taufe hob. Während in einem Sinfonieorchester oder einer Bigband selten mehr als vier Trompeter spielen, sind es bei der "Trumpet Machine" gleich deren sechs – nur begleitet von einer Rhythmusgruppe mit Klavier, Bass und Schlagzeug. Die Namen der beteiligten Bläser lesen sich noch heute wie ein "Who is who" der Jazztrompete.

Da war zunächst der Mitinitiator Franco Ambrosetti, der seit seinem Sieg im Friedrich-Gulda-Wettbewerb 1966 in Wien als einer der besten europäischen Jazz-Trompeter galt. Ihm zur Seite saß der heute legendäre Palle Mikkelborg, der 1984 für sein Idol Miles Davis die Musik des Albums "Aura" komponieren sollte. Aus den USA kam Jon Faddis, mit damals 23 Jahren der sensationelle Jungstar der Jazztrompete, gefördert von Dizzy Gillespie, Oscar Peterson und anderen Größen.

Neben Faddis: der in England lebende Kanadier Kenny Wheeler, dessen Trompetenspiel zu einem der "Erkennungssounds" des Labels ECM aufstieg. Der Fünfte im Trompeterbund war Woody Shaw, einer der letzten der großen Hardbop-Solisten, Sideman unter anderem bei Horace Silver (1965/66) und Art Blakey (1972/73). Komplettiert wurde der blasende Sechser durch Mike Zwerin, einem Spezialisten an der Basstrompete, der auch als Jazzjournalist bekannt war.

Die Platte: "For Flying Out Proud"

Die "Trumpet Machine" ist eine Werbung für die Jazztrompete, eine sagenhafte Demonstration überwältigender Spieltechnik, ein Füllhorn von Anregungen. Jedes der acht Stücke des Albums "For Flying Out Proud" kann als Komposition und Arrangement begeistern.

Das eröffnende Titelstück von Ambrosetti zum Beispiel ist ein rasanter Bebop – er bietet eine fast zehn Minuten lange Solistenparade. Von Ambrosetti stammt auch der swingende Opener der B-Seite, "Hot Diggety Damn!", eine formal raffinierte Montage von Motiven, wobei George Gruntz zusätzlich seinen Synthesizer (ARP 2600) einsetzt, den er in mehreren Stücken wie einen spaßigen Springteufel handhabt. Dieser zeittypische Elektroniksound ist hier Orchester-Ersatz, Klangwürze und Clowns-Element – ein zweites Highlight der Produktion neben der prominenten Trompeterriege.

Fast jeder der sechs Trompeter bekommt sein eigenes Featurestück – da lassen sich die individuellen Unterschiede wunderbar studieren. Mike Zwerins Basstrompete etwa verzaubert das mysteriös-lyrische "Baal: Von Sonne Krank", eine Theatermusik von Gruntz. Palle Mikkelborgs elektrische Trompete liefert sich einen Wettstreit mit Gruntz’ verrücktem ARP ("Outfox No Kinxiwinxi"), während Kenny Wheelers bewundertes Flügelhorn die Ballade "A Wheeler’s Wings" veredelt.

Den expressiven Höhepunkt der Produktion liefert Jon Faddis mit seinem "sprechenden" Spiel im bluesig swingenden "Faddis-Burger’s Plunger-Fahrt".

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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