Gespräche zu fünft

  • 01.09.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Das Format des Bläserquintetts entstand als Indoor-Variante der alten Harmonie- und Feldmusiken. Das war um 1810 – lange vor der Erfindung der Böhm-Flöte und Böhm-Klarinette und der Durchsetzung des Ventilhorns. So richtig zur Blüte kam diese Besetzung daher erst später, weshalb der Name "klassisches Bläserquintett" ziemlich unangebracht ist. Treffender wäre "romantisches Bläserquintett" oder gar "modernes Bläserquintett", denn vor allem in den 1920er und 1930er Jahren gewann das Format an Beliebtheit.

Es bediente damals verschiedene Trends der Zeit: die Verschlankung des Apparats, die Versachlichung der Faktur, die Neubewertung der Polyfonie, die Lust an der Farbigkeit der Klänge. Die beliebtesten Instrumente der Bigbands – Saxofon, Trompete, Posaune – sind im Bläserquintett zwar nicht vertreten. Dafür erlaubt die Mixtur aus Flöte, Oboe, Horn, Fagott und Klarinette eine reichhaltige und interessante Koloristik. Streichquartette zum Beispiel können von so viel Farbe nur träumen.

Das Aulos-Bläserquintett

Das Aulos-Bläserquintett, das 1981 in Stuttgart gegründet wurde, beschäftigte sich intensiv mit den Repertoirewerken aus dem frühen 20. Jahrhundert. Bis zum Jahr 2000 veröffentlichte das international erfolgreiche Ensemble neun Produktionen, durchnummeriert von "Volume I" bis "Volume IX".

Das Repertoire des Bläserquintetts

Auf dem Album "Volume II" (1987) findet man gleich drei legendäre Bläserquintett-Werke aus der Zeit zwischen 1900 und 1940 vereint: Gustav Holsts viersätziges As-Dur-Quintett (1903), Carl Nielsens dreisätziges Quintett op. 43 (1922) und Alexander von Zemlinskys Humoreske (1939).

Für die CD-Edition wurde das Album übrigens mit zwei Werken aus "Volume I" erweitert, der Albumtitel "Volume II" fiel dabei weg (siehe Abbildung).

Gustav Holst: As-Dur-Quintett

Holsts As-Dur-Quintett wurde erst 1978 wiederentdeckt und 1983 erstmals veröffentlicht – die Herausgeber kürzten es dabei um satte 76 Takte. Das Werk steht am Beginn von Holsts Beschäftigung mit Bläsern; später komponierte der Brite noch vieles für Blasorchester und Militärbands. Besonders im 3. Satz, einem fröhlich-festlichen Kanon (Menuett), und im 4. Satz (Thema mit Variationen) wird die britische Vorliebe für alte Tanzformen aus Barock und Renaissance hörbar. Musikantische Beschwingtheit trifft hier auf fantasievolle kontrapunktische Launen.

Carl Nielsen: Quartett op. 43

Noch kurzweiliger klingt das Quartett op. 43 des dänischen Komponisten Carl Nielsen, der selbst Geige gespielt hat, aber dennoch (oder gerade deshalb) höchst originell für Bläser schrieb. Der 1. Satz (in Sonatenform) erinnert an ein lockeres, humorvolles Gespräch oder ein Vogelkonzert – selten hört man dabei alle fünf Instrumente gleichzeitig.

Auch bei Nielsen gibt es ein Menuett und am Ende einen Variationensatz: Hier durchlebt ein freundliches Choralthema etliche Miniatur-Abenteuer zwischen Drama und Groteske. "Nielsens Neigung zu Blasinstrumenten", schreibt der Komponist Robert Simpson, "ist eng verbunden mit seiner Liebe zur Natur, seiner Faszination für lebendige, atmende Dinge."

Alexander von Zemlinskys: Humoreske

Bemerkenswert ist auch Zemlinskys Humoreske, ein Vier-Minuten-Stück von mitreißender Scherzhaftigkeit und bewegender Energie. Auch wenn der gedruckte Kommentar auf der Platte noch anderes vermuten lässt: Die Humoreske ist ein Spätwerk, entstanden in schwerer Zeit.

Der österreichische Komponist, bereits 68 Jahre alt, war 1939 gerade erst nach New York emigriert und kämpfte mit gesundheitlichen Problemen. Auf Anfrage des Verlegers Hans Heinsheimer, den er noch aus Wien kannte, schrieb er dieses kurze Quintett als Übungsstück für Schulen. Unter der grotesken Fröhlichkeit der Bläserstimmen rumort viel Heimweh und Schmerz.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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