Fusion à la Zappa

  • 03.03.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 3/2017

Um das Jahr 1970 waren die Genregrenzen gerade sehr durchlässig. Man übersprang sie oft auf spielerische, unbekümmerte und anarchische Weise: E-Gitarristen eroberten den Jazz, Bläser spielten auf Rockplatten. Einer, der damals kräftig an dieser Fusion der Genres mitstrickte, war Frank Zappa (1940 bis 1993), der Rock-Sardoniker mit Hang zu Virtuosität, Avantgarde und Theatralik.

Frank Zappa

Als er 1972 nach einem Bühnenunfall monatelang im Rollstuhl sitzen musste, fand er die Muße, für größere Ensembles zu komponieren. Der Bassposaunist Ken Shroyer, ein erfahrener Westcoast-Jazzer, der unter anderem mit Stan Kenton, Lennie Niehaus und Shorty Rogers gearbeitet hatte, stellte in Zappas Auftrag eine Reihe kalifornischer Musiker zusammen.

Bis zu sechs Holzbläser und fünf Blechbläser sind an Zappas Album "The Grand Wazoo" (1972) beteiligt. In einigen Stücken reichen aber auch drei bis vier Bläser aus – und ein paar Playback-Spuren.

Das Album "The Grand Wazoo"

Die Mixtur der Sounds und Stile auf diesem (weitgehend instrumentalen) Album ist ziemlich einmalig. Das rhythmische Fundament liefert eine Rockband, die einen vielförmigen Fusion-Stil spielt – mit zusätzlicher Percussion und elektrischen Keyboards und meist zwei Gitarren.

Die Musik ist auf raffinierte Walzer- und Shuffle-Grooves gebettet, auch Blues- und Soulfeeling klingen an. Zeittypische Sounds sind das Fender-Rhodes-Piano, der Minimoog und die Bottleneck-Gitarre.

Das besondere Flair dieser Platte aber kommt von den Bläsern, die immer wieder ganz unkonventionell eingesetzt sind. Sie spielen abwechselnd komplexe Ensemble-Teile, kollektive Ad-lib-Passagen und großartige Solo-Improvisationen und mischen sich mit dem Rocksound auf eine teils surreale und faszinierende Weise. Der Trompeter Sal Marquez, der Posaunist Billy Byers und der Saxofonist Ernie Watts blasen die auffälligsten Soli auf dem Album.

Einsatz der Bläser

Der Titelsong "The Grand Wazoo" (13:20 Minuten) bietet gleich einen ganzen Reigen von Improvisationen, die durch komponierte Passagen voneinander getrennt sind. Byers’ Posaunensolo im Hardbop-Stil kontrastiert interessant mit dem elektrischen Shuffle-Beat. Marquez’ Solo auf der Wah-Wah-Trompete zieht sich mehrere Minuten hin, getragen vom souligen Groove und immer wieder unterlegt von freien Kommentaren der Bläser – das sind fein dosierte, geschmackvoll eingesetzte Portionen an bläserischem Freejazz.

Die komponierten Bläserparts dagegen erinnern weniger an Jazz als vielmehr (wie so oft bei Zappa) an Filmmusiken, Fanfaren und Marschmotive – natürlich mit parodistischem Unterton.

Noch spannender gebaut ist das folgende Stück "For Calvin" (6:06 Minuten). Es beginnt als somnambuler Walzer-Song, mündet in eine bedrohliche Collage aus Bläserstimmen, Percussion- und Synthesizer-Läufen und führt zu einem bizarren, vokalisierten Posaunensolo (Billy Byers).

Der sensationelle Mittelteil des Stücks – nach einem Bruch des Tempos – scheint schon auf visionäre Weise einige Bigband-Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte vorwegzunehmen.

"Cletus Awreetus-Awrightus" (2:57 Minuten) ist das flotteste und humorigste Stück des Albums. Die hohen und tiefen Bläserstimmen betonen hier den überdrehten, bizarren Witz.

Den eleganten Ausklang des Albums liefert der Jazzwalzer "Blessed Relief" (8:00 Minuten), der ein wenig ans Easy Listening der 1960er Jahre denken lässt, aber dank des Fusion-Rhythmus nie banal wird. Die Trompete (offen und gestopft) und die Flöte sorgen hier für weiche Sololinien. Dieses Stück – eines der ungebrochen schönsten von Zappa – schaffte es damals prompt ins "Real Book", die Bibel der Jazzstudenten.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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