Familie Doppelrohrblatt

  • 31.01.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Lange Zeit galt das Streichquartett – vier Geigen in unterschiedlichen Registern – als die "vornehmste Gattung" der Instrumentalmusik. Die einheitliche Klangfarbe, der durchbrochene Satz, die reine Vierstimmigkeit – das Streichquartett schien die Idee der Kammermusik im höchsten Sinn zu verwirklichen – pur, sachlich, ohne Ablenkungen.

Der Komponist Carl Maria von Weber sprach vom "Nackten in der Tonkunst". Im Gegensatz zu den reichen, effektvollen Klangfarben der romantischen Orchester stand das Streichquartett zeitweise sogar für den wahren kompositorischen Ernst und die tiefere philosophische Bedeutung.

Die Vier-Geigen-Besetzung symbolisierte sozusagen den "Widerstand gegen das Expansive und Dekorative" (Adorno). Moderne Komponisten wie Debussy, Grieg, Ravel, Sibelius und Smetana haben etliche Orchesterwerke geschrieben, doch jeweils nur ein oder zwei Streichquartette – diese aber mit besonderem Anspruch.

Das Zürcher Oboenquartett

Den Bläsern diente die "nackte" Ästhetik des Streichquartetts häufig als Vorbild. Viele klassische Bläserquintette und Saxofonquartette haben sich bewusst am Streichquartett orientiert. Das gilt ebenso für das Zürcher Oboenquartett – ein Ensemble, das nur aus Oboen bestand.

Die Wiederbelebung der Tenor-Oboe

Möglich wurde diese Besetzung durch die Wiederbelebung der Tenor-Oboe ("oboe profonda"), die seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gebräuchlich gewesen war. Die Schweizer Oboistin Miriam Moser hat eine besondere Vorliebe für dieses Instrument entwickelt. Im Zürcher Oboenquartett füllte ihre Tenor-Oboe die Lücke zwischen dem Englischhorn (Altlage) und dem Fagott (Baritonlage).

Schumann, Dvořák und Mozart

Originalliteratur für diese Besetzung gab es bis vor kurzem nicht – das 1999 gegründete Quartett griff daher meist direkt auf Streichquartette als Vorlagen zurück. Auf dem 2005 entstandenen zweiten Album waren es Quartette von Schumann und Dvořák sowie – unter Mithilfe eines zweiten Englischhornisten – ein Streichquintett von Mozart.

Interessanterweise wurden diese drei Werke bereits von ihren Komponisten auch für andere Instrumentierungen eingerichtet. Schumann fertigte von seinem Quartett in F-Dur einst eine Klavierfassung an. Mozart schrieb sein Quintett in c-Moll als Bearbeitung seiner eigenen Bläserserenade KV 388. Dvořáks Quartettstücke "Zypressen" waren ursprünglich ein Liederzyklus mit Klavierbegleitung.

Bearbeitungen mit neuem Klangcharakter

Die Bearbeitungen für vier (bzw. fünf) Oboen-Instrumente geben diesen Werken einen wiederum neuen, überraschend "bläserischen" Klangcharakter. Im Fall des Mozart-Quintetts nähert man sich damit dem Ausdruck der ursprünglichen Bläserserenade an. Das Andante wird entschieden "sanglicher", das Kanon-Menuett "barockaler" als in der Streicherfassung.

Im Scherzo und im Finalsatz des Schumann-Quartetts dagegen wirkt die führende Oboenstimme so virtuos und gewitzt, dass man sich diese Partie überhaupt nur noch geblasen vorstellen möchte. Und in den drei ausgewählten Dvořák-Stücken stellt der Zauberton der Oboe ohnehin alles in den Schatten, was ein Vokal-Interpret mit den ursprünglichen Liederfassungen hier anstellen könnte.

Die Wärme der vom Oboenquartett geblasenen Harmonien hinterlässt einen großen Eindruck. Die weiteren Möglichkeiten einer solchen Besetzung kann man nur erahnen.

Umformierung: Aulos Quartett

Einige Zeit nach diesem Album hat sich das Zürcher Oboenquartett allerdings in ein gemischtes Ensemble umformiert: zwei Oboen, zwei Geigen. In dieser neuen Besetzung und unter dem neuen Namen "Aulos Quartett" entstand unter anderem eine Einspielung von Bachs "Goldberg-Variationen". Martin Gebhardt, der (Sopran-)Oboist des ursprünglichen Quartetts, und die Tenor-Oboistin Miriam Moser gehören dem Ensemble weiterhin an.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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