Emmanuel Pahud hat das letzte Wort

  • 11.05.2015
  • Das letzte Wort

Die CLARINO-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit/Epoche geboren worden zu sein?

Am Anfang des Jahres 2015 habe ich ­wegen der ganzen Geschehnisse darüber nach­gedacht, wie es für meine Kinder – die mittlerweile Teenager sind – gewesen wäre, etwas früher auf die Welt gekommen zu sein. Denn ich habe als Kind in West­europa eine unvergleichlich friedliche Welt erleben dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar und das wünschte ich meinen Kindern auch. Viel weiter würde ich aber nicht zurückreisen wollen. Was etwa die Themen meiner CDs betrifft – Friedrich der Große oder Französische Revolution: da hätte ich überhaupt nicht leben wollen.

Wann war das letzte Mal, dass Sie »so richtig« Urlaub gemacht haben?

Das war vor etwa einem Monat. Da war ich mit meiner Familie eine Woche Skifahren. Wir waren auf dem Balkan, an der Grenze zwischen Serbien und Kosovo. Da gibt es auch Berge und ein wunderbares Ski­gebiet. Die Sonne schien und wir hatten echten Schnee. Es war ein sehr schöner und auch erholsamer Urlaub.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich mit Sir Simon Rattle gestritten haben?

Gestritten? Nein, wir streiten nicht. Man kann nicht einverstanden sein mit einer Reihe von Dingen. Aber wenn jemand in der Position des Chefdirigenten ist, dann gibt es nichts zu streiten. Wozu auch? Sir Simon Rattle weiß, was er will. Und wenn er etwas will und das auch kommuniziert, dann muss man nicht diskutieren. Zwischen uns gibt es da keinen Diskussionsstoff.

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas Verbotenes getan haben?

Das muss ich jeden Tag tun. Es sind aber nur kleine Dinge... Ich bin Franzose – und Franzosen warten nicht an roten Ampeln.

Wann war das letzte Mal, dass Sie daran gedacht haben, wirklich eine Revolution anzuzetteln?

Etwas zu stürzen und eine neue Welt­ordnung zu schaffen? Ich erlebe diese Revolution eher dann, wenn ich ein Programm zusammenstellen soll, Konzerte für Festivals oder CD-Titel. Da gibt es dann schon manchmal Dinge, die eine Marketingabteilung gerne sehen würde, was aber nicht dem entspricht, was ich machen will. Dann wird diskutiert, geändert, werden Konzepte angegriffen. Dann muss ich eben eine ­Revolution anzetteln – gegen diese Welt­ordnung. Das kostet Überzeugungs­arbeit und manchmal auch viel Kraft.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit Auréle Nicolet gesprochen haben?

Wir haben uns im Januar gesehen – erst zu seinem und ein paar Tage später zu meinem Geburtstag. Und wenn alles gut geht, sehen wir uns in ein paar Wochen wieder.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Genf waren?

Ich war gerade erst da. Mein Bruder lebt dort, Cousins, Neffen – in meiner Geburtsstadt habe ich noch viele Verwandte.

Wann war das letzte Mal, dass Sie die Umzugskisten gepackt haben?

Das war 2007 und es war ein Umzug innerhalb Berlins. Ich schleppe ja fast jeden zweiten Tag einen 20-Kilo-Koffer mit mir herum und einen 7-Kilo-Rucksack. Mein ganzes Leben kommt mit mir dorthin, wo ich bin. Dazu muss ich keine Kisten packen. Berlin bleibt mein Bezugspunkt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie Nachbarn Mozarts Flötenkonzert vorgespielt haben?

Das dürfte in der Vorbereitungsphase zu internationalen Wettbewerben oder zum Probespiel bei den Philharmonikern gewesen sein. Da habe ich dann aber wohl eher die Nachbarn belästigt. Ich übe heute entweder im Konzertsaal selbst oder in den Garderoben, wenn ich auf Tour bin. Da störe ich niemanden und bin selbst ungestört.

Wann war das letzte Mal, dass Sie auf einen Kollegen neidisch waren?

Neidisch bin ich nicht. Aber ich bewundere jedes Mal die Kollegen, wenn wir mit »Les Vents Français« Kammermusik spielen. Jeder hat auf seinem Instrument eine solche  Virtuosität, so große Fähigkeiten – das setzt Anreize, mitzukommen. Ich glaube aber, das geht den anderen genauso. Der Neid ist mir relativ fremd. Als Musiker freue ich mich lieber, etwas Schönes zu erleben.

Wann war das letzte Mal, dass Sie das Klischee über eine bestimmte Nationalität bestätigt sahen?

Bei jeder Reise erlebt man das. Besonders fällt es mir aber in Ländern auf, in denen meine Muttersprache Französisch gesprochen wird. Da erkenne ich bei anderen Menschen Dinge, die ich auch in mir sehe und fühle, das Temperament etwa.

Wann war das letzte Mal, dass Sie über einen Musiker-Witz gelacht haben?

Wir tauschen solche Witze im Orchester ständig aus. Das bleibt bei 100 Musikern nicht aus. Über wen die gemacht werden, ändert sich immer phasenweise. Es sind nicht unbedingt die Bratschenwitze die besten Witze. Und das war jetzt auch kein Bratschenwitz!

Emmanuel Pahud erhielt als Sechsjähriger in Rom den ersten Flötenunterricht. Später studierte er in Brüssel, dann in Paris, sowie in Basel bei Aurèle Nicolet. Orchestererfahrungen sammelte er als Solo-Flötist im Radio-Sinfonieorchester Basel und bei den Münchner Philharmonikern, bevor er 1993 als Solo-Flötist zu den Berliner Philharmonikern kam. Zwischenzeitlich Professor am Genfer Konservatorium, kehrte Emmanuel Pahud im April 2002 zu den Philharmonikern zurück. Als Solist konzertiert er weltweit mit den großen Orchestern – bei den Berliner Philharmonikern war er unter anderem mit den Flötenkonzerten von Marc-André Dalbavies und Elliott Carter zu hören – sowie als Kammermusiker in verschiedenen Duo- und größeren Ensemblebesetzungen. Für seine zahlreichen Einspielungen hat er bedeutende Preise erhalten. Wegen seiner Verdienste um die französische Musik wurde der Musiker im Juni 2009 mit dem französischen Orden für Kunst und Literatur ausgezeichnet. Sein aktuelles Album widmet sich den Flötentönen der Französischen Revolution (»Revolution« – Warner Classics).

www.emmanuel-pahud.de

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