Ein Free-Jazz-Orchester

  • 04.10.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Das Globe Unity Orchestra war einmal ein Leuchtturm im frei improvisierten europäischen Jazz. Entstanden ist die Formation recht spontan 1966 bei den Berliner Jazztagen. Zwei angesagte deutsche Freejazz-Bands, das Peter-Brötzmann-Trio und das Manfred-Schoof-Quintett, schlossen sich damals zu einem größeren Improvisationsverbund zusammen.

Das Globe Unity Ensemble

Über die Jahre erlebte das Globe Unity Ensemble dann viele Wandlungen. Zeitweise spielte man Jelly-Roll-Morton-Stücke, dann wieder alte Arbeiterlieder. Mal war der Bassist Peter Kowald der Leiter, meistens jedoch der Pianist Alexander von Schlippenbach.

Das Personal wechselte, der Umfang der Band auch. In den 1970er Jahren wuchs das Globe Unity Orchestra auf über ein Dutzend Musiker an. Und die Bandgröße war auch das eigentlich Besondere an diesem Freejazz-Ensemble: "Dass es möglich ist, mit so vielen Musikern spontan zu improvisieren", formulierte es der Posaunist Albert Mangelsdorff.

Das Album "Compositions"

1979 entstand und erschien das Album "Compositions". Es war als Pendant zur Vorgängerplatte "Improvisations" gedacht, auf der 15 Musiker von Anfang bis Ende frei zusammen improvisierten. Auf "Compositions" dagegen war die Improvisation der Globe-Unity-Musiker in komponierte Strukturen eingebunden. Den Freejazz-Puristen musste das Album daher als ein Werk minderer Bedeutung erscheinen; selbst die Plattenfirma fand es "nicht so aufregend".

Andererseits boten einige der Kompositionen dieses Albums einen höchst aufregenden Stoff weit jenseits konventioneller Bigband-Musik. Viele der konstruktiven und klanglichen Elemente auf "Compositions" waren damals tatsächlich prickelnd neu und ungewohnt im Jazz. Erst 20 oder 30 Jahre später hat sich Ähnliches bei Jazzorchestern etabliert. Die fantastisch komponierten Abläufe in Verbindung mit den mutigen Soli der Free-Improvisatoren machen "Compositions" auch noch heute zu einem einzigartigen Album.

Who’s who der europäischen Improvisationsszene

Der Klangkörper entspricht hier ganz einer Bigband. Er besteht aus 14 Musikern, davon elf Bläser – drei Trompeter, drei Posaunisten, eine Tuba, drei Saxofonisten, eine Bassklarinette. Die Musikerliste bildet ein Who’s who der europäischen Improvisationsszene von 1979: Größen wie Enrico Rava, Kenny Wheeler, Steve Lacy, Bob Stewart und Albert Mangelsdorff gehörten damals zum Globe-Unity-Verbund.

Alle Kompositionen des Albums – sieben Stücke von sechs Autoren – stammen ausnahmslos von den Akteuren des Orchesters und wurden speziell für diese Besetzung geschrieben oder umgearbeitet. Die Gewichtung zwischen Komponiertem und Improvisiertem ist von Stück zu Stück allerdings sehr unterschiedlich. Häufig dominieren freie Improvisation und freies Tempo, und die komponierten Parts der Bläser beschränken sich dann auf Akkordcluster, dissonante chromatische Gänge oder lediglich vorgegebene "Klangräume". Eine konventionelle Bigband klingt definitiv anders.

Keine konventionellen Bigband-Kompositionen

Die motivisch am meisten ausgearbeiteten Stücke finden sich auf der A-Seite. Kenny Wheelers "Nodagoo" wird von Bob Stewarts Tuba eingeleitet und präsentiert ein würdevolles, wunderbar harmonisiertes Bläserthema. Erst nach rund zwei Minuten kommt die Rhythmusgruppe dazu, später nimmt das Stück im 5/4-Takt Fahrt auf, bevor es in ein wild-atonales Free-Solo des Saxofonisten Evan Parker mündet.

In Schlippenbachs "Boa" werden verschiedene Shuffle-Motive polyrhythmisch übereinander gelagert. Dieser sprudelnde Groove ist der Startpunkt für swingende Soli von Mangelsdorff (Posaune), Lacy (Sopransaxofon) und Michel Pilz (Bassklarinette).

Auch in Ravas "Flat Fleet" kommt der Elan zunächst aus raffiniert und mitreißend geschichteten Motiven, springt dann aber um in freie Improvisation. Klanghärten, Minimalismen und Kakofonie greifen ineinander. Was für ein verrücktes Blasorchester!

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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