Die Posaunen von Jericho

Sieben Tage lang Posaune spielen, dann stürzen die stärksten Mauern ein. So jedenfalls steht es in der Bibel, im Buch Josua, Kapitel 6. Ist die Macht der Musik wirklich so gewaltig, dass sie massive Stadtmauern zum Bröckeln bringt?

Oder handelte es sich um eine Art religiöses Ritual, bei dem der Gott der Israeliten die Hand im Spiel hatte? Die biblische Geschichte von der Eroberung Jerichos beschäftigt seit langem die Skeptiker und Besserwisser.

Ein Blick auf die Historie der Instrumente

Zunächst einmal kann es sich ja gar nicht um Posaunen gehandelt haben – denn die Posaune wurde erst im 15. Jahrhundert nach Christus erfunden. In anderen Übersetzungen ist daher auch von Trompeten die Rede, die antike griechische Bibel spricht von der Salpinx, der Kriegstrompete. Laut hebräischem Urtext war das verwendete Instrument tatsächlich der Schofar, das rituelle Widderhorn der Priester.

Aber selbst wenn moderne Trompeten und Posaunen in Jericho am Werk gewesen wären: Ihr Schalldruck mag manches Studiomikrofon überfordern, jedoch kaum eine gemauerte Stadtfestung. Blasinstrumente sind keine Laserkanonen.

Was brauchte die Mauern zum Einsturz?

Was also brachte die Mauern zum Einsturz? Die Archäologen glauben, dass Jericho in seiner mehr als 10000-jährigen Geschichte mehrfach durch Feuer und Erdbeben zerstört wurde. Bliesen gerade die Schofarhörner, als ein Erdbeben die Stadt heimsuchte?

Werner Bodendorff schreibt, der raue Klang des Schofars symbolisiere grundsätzlich auch Erdbeben, Naturkatastrophen und Krieg. Sind die Schofarhörner vielleicht nur eine legendenhafte Umschreibung für ein Erdbeben?

Psychologische Kriegsführung?

Der ehemalige Schweizer Ministerpräsident Pascal Couchepin glaubt, dass die »Posaunen« von Jericho vor allem der psychologischen Kriegsführung dienten. Mit jedem Tag, an dem die Belagerer die Schofarhörner bliesen, aber die Stadt nicht angriffen, stieg bei den Bewohnern die Spannung und die Angst.

Am Ende gingen den Menschen in Jericho möglicherweise einfach die Nerven durch. Vielleicht öffneten sie freiwillig die Tore, leisteten keinen Widerstand – und die Mauern wurden erst danach geschleift.

Noch bei den Eroberungszügen der Osmanen verbreiteten Militärkapellen mit ihren lauten Kegeloboen (Zurnas) so viel Angst und Schrecken, dass die europäischen Fürsten im 18. Jahrhundert ihre Heeresmusik nach türkischem Vorbild zu reformieren begannen.

Apropos psychologische Kriegsführung: Die Nazis brachten im Zweiten Weltkrieg an ihrem Sturmkampfflugzeug (Ju 87) Sirenen an, die durch den Flugwind betrieben wurden. Das scheußliche Geheul dieser »Stukas« sollte die feindliche Bevölkerung einschüchtern. Man nannte diese Sirenen tatsächlich »Jericho-Trompeten«.

Eine realistische Erklärung

Vor rund 50 Jahren versuchte sich der amerikanische Bauingenieur Jacob Feld an einer realistischen Erklärung für den Mauerfall von Jericho. Er wies darauf hin, dass das Mauerfundament nach archäologischen Erkenntnissen auf weichem Lehmboden stand und mancher Grundstein gelockert war.

Feld war überzeugt davon, »dass hier jemand die Erde von außen unter den Steinen fortgeschaufelt hat«. Die »Posaunen«, meinte er, wurden nur deshalb eine Woche lang geblasen, um die Geräusche dieser Schaufelarbeiten zu übertönen. Am siebenten Tag gaben die Hörner dann das Signal zur Attacke – und beim Ansturm des israelitischen Heeres stürzten die gelockerten Mauern tatsächlich ein.

Eine grausame Geschichte

Komponisten verstehen die Geschichte von Jericho immer wieder als eine Steilvorlage, um heroische und triumphale Musik für Bläserstimmen oder Blasorchester zu schreiben. Die schrecklichen Details der biblischen Legende werden dabei meistens ausgeblendet.

Laut Josua, Kapitel 6, wurden nämlich sämtliche Bewohner der Stadt sowie alle ihre Tiere »mit der Schärfe des Schwerts« niedergemetzelt. Danach wurde die komplette Stadt mit allen Leichen darin abgebrannt.

  • 22.10.2018
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2018
  • Seite 38

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