Die Freuden der Renaissance

  • 02.11.2015
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Geblasene Renaissance-Musik kann richtig spannend sein. Schließlich mussten die Musikanten damals nicht nur den lieben Gott feiern, sondern auch beim Festmahl gute Laune verbreiten oder zum fröhlichen Tanz aufspielen. Neben den kirchlichen Blaskapellen gab es die Stadtpfeifer, die auf Hochzeiten, Straßenumzügen und Gildenfesten für Unterhaltung sorgten.

Bläsergruppen konnten polyphone Delikatessen spielen wie kleine Fugen, Kanons und Ricercares, aber sie durften auch mal einen frechen Saltarello oder eine lustige Gaillarde blasen. Ganz besonders mochte man im 16. Jahrhundert den Canzone, eine instrumentale Umformung des französischen Liedes, des Chansons. An die 200 verschiedene Blasinstrumente waren in der Renaissance-Zeit in Gebrauch, wenn man die verschiedenen Baugrößen mitzählt. Von der Blockflöte oder vom Zink, der Griffloch-Trompete, damals auch Kornett genannt, kursierten Instrumententypen in bis zu zehn verschiedenen Registern.

Aus dem 16. Jahrhundert sind zahlreiche Bläserstücke erhalten, aber nicht immer ist die genaue Instrumentierung klar, denn die Kapellen spielten mit ständig wechselnder Besetzung. Der Instrumentierungs-Fantasie heutiger Nachahmer sind also keine Grenzen gesetzt.

Ensemble Musica Antiqua

Besonders einfallsreich zeigte sich da das Ensemble Musica Antiqua Wien auf dem Album »Posaunen zwo und auch zwen Zinken« (1987). Zuweilen verbinden die Wiener drei oder vier Posaunen (Alt und Tenor) mit dem Bassdulzian oder dem Zink – das klingt noch recht homogen. Vitaler wird das Klangbild, wenn höhere Holzbläser dazukommen, etwa der samtige Tenordulzian, der näselnde Altpommer oder das schnarrende Altkrummhorn. In »Laeta Dies« und »Haec Est Dies« hören wir ein Sextett bzw. Oktett, bei dem sich Holz- und Blechbläser sogar die Waage halten.

Josquin-Ensemble

Wie flott und beschwingt Renaissance-Musik klingen kann, zeigt das Josquin-Ensemble Wien in den ersten sechs Stücken desselben Albums. Kein Wunder, denn diese Melodien stammen aus dem italienischen Karneval. Bei »Nui Siamo Segatori« werden drei Blechbläser von zwei Schalmeien (Diskant- und Altpommer) und Schlagwerk unterstützt, bei »Ha Lucia« vergnügen sich zwei Pommer und ein Zink miteinander im Trio.

The New York Cornet & Sacbut Ensemble

Mehr von der vitalen italienischen Bläsermusik bietet das Album »Venezianische Stadtpfeifermusik und Canzonen (1500 bis 1600)«, das The New York Cornet & Sacbut Ensemble 1983 eingespielt hat. Hier hören wir kunstvolle, aber mit forschem Schwung geblasene Canzonen, vor allem von Giovanni Gabrieli (1557 bis 1612), dazu schlichtere Tanzstücke, teils mit Perkussion, und eigenwillige Stadtpfeifermusik. Bei Letzterer werden die Blechbläser (Zink, Zugtrompeten, Posaunen) gelegentlich auch von einem Diskantpommer (Sopranschalmei) aufgemischt.

Verwendung historischer Instrumente

Sowohl die beiden Wiener Ensembles als auch die New Yorker Bläser verwenden historische Instrumente bzw. solche, die historischen Vorbildern nachgebaut sind. Das ist im Zuge der Alte-Musik-Bewegung zur Regel geworden, garantiert aber keineswegs mehr historische Authentizität.

Viel wichtiger ist, dass man im Spiel »die Musik in ihrer Vitalität und Glut wiedererstehen« lässt, wie Nicolaus Harnoncourt einmal schrieb. Und das ist durchaus auch (oder leichter) mit modernen Instrumenten möglich und bietet dabei zudem eine wunderbare Herausforderung an die eigene Fantasie und Spielhaltung.

Wer keine Ambitionen in Richtung Historismus hegt, kann mit dieser Renaissance-Musik nämlich ganz neue, überraschende Ergebnisse hervorbringen. Es eröffnen sich da viele Möglichkeiten der Temperierung, Tongebung, Dynamik, Farbmischung usw. Für angeregte Diskussionen im Ensemble ist jedenfalls gesorgt.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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