Die Brassband ist zurück

  • 05.01.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

In den psychedelischen 1970er Jahren hätte man Brassband-Musik aus New Orleans für reaktionär und abgestanden gehalten – ähnlich wie Militärmärsche und Dixieland. Musikhistoriker kannten zwar die Bedeutung der Brassbands für die Entstehung des Jazz, doch der Jazz der Seventies – ­Fusion, Funk und Esoterik – hatte mit seinen Wurzeln nur noch herzlich wenig zu tun.

Dennoch gründete die New-Orleans-Legende Danny Barker 1972 eine neue Brassband – sie sollte die Jugendlichen davon abhalten, Dümmeres zu treiben. Das war dann etwa so, als wollte man mit den Hell’s Angels Weihnachtslieder singen.

Einige der Jugendlichen aber hielten tatsächlich durch bis ins Erwachsenenalter und versuchten dann, ihre Band zu professionalisieren. Sie hieß eine Zeitlang Hurricane bzw. Tornado Brass Band – ein Publikum für diese Musik gab es dennoch nicht. Die ganze Geschichte kam 1977 zu einem Ende.

The Dirty Dozen

Nicht ganz. Ein paar Unverbesserliche rund um die Brüder Charles und Kirk Joseph (Posaune und Sousafon) probten weiterhin zusammen. Weil sie keine vollzählige Brassband auf die Beine brachten, nannten sie sich "the dirty dozen", das "dreckige Dutzend" – sie waren ja nur zu acht.

Und weil es ohnehin keine Chance für kommerzielle Auftritte gab, begannen sie einfach das zu spielen, worauf sie am meisten Lust hatten: Ellington, Bebop, Rhythm & Blues, eigene Sachen. Ironie der Modetrends: Genau damit lagen sie um 1980 voll im Zeitgeist.

Zwar galt eine Brassband an sich als langweilig, aber eine Brassband, die Bebop spielt, war absolut hip. Es war die Zeit, als die Jazzwelt gerade an ihren Rändern und Grenzen Feuer fing – mit Punk-Jazz, Tango Nuevo, Zydeco, Klezmer und World-Sounds.

1982 spielte die Dirty Dozen Brass Band erstmals in einem "weißen" Club, dann folgten auch schon Auftritte auf großen Jazzfestivals in Europa. Mit ihren tanzbaren New-Orleans-Rhythmen wurde die Band zum Liebling der Medien.

Das Album : "My Feet Can’t Fail Me Now"

Das erste offizielle Album erschien 1984 auf einem modernen Jazzlabel: "My Feet Can’t Fail Me Now". Die eigenen Stücke darauf schöpften tief aus dem musikalischen "Gumbo"-Eintopf von Louisiana: Mardi-Gras-Rhythmen, Funk-Riffs, gackernde Stakkati, Blues und tänzelnde Marschparade. Dazu kamen ein paar Brocken Sprechgesang, die eine Brücke zum alten R&B, zum James-Brown-Funk und zum damals neuen Rap schlugen.

Die Tuba und die zwei Drummer sorgten dabei für einen mächtigen Groove, der 1984 noch neuartig war. Das Jazzpublikum ergötzte sich daran, dass bekannte Swing- und Bebop-Standards in einem ganz ungewohnten Sound erklangen.

Duke Ellingtons "Caravan", Charlie Parkers "Bongo Beep" und Thelonious Monks "Blue Monk" passten als Brassband-Nummern zum damals angesagten »postmodernen«, frech-lauten Crossover-Trend. Anything goes, Hauptsache anders.

Eine Erfolgsstory, die ein Brassband-Revival auslöste

Das zweite Studioalbum der Dirty Dozen Brass Band sollte bereits auf einem Major-Label erscheinen: Die Band war ein kleiner Hit, Dizzy Gillespie und Dr. John gehörten zu den Gästen.

In der Folgezeit "verbrasste" das "dreckige Dutzend" etliche Klassiker aus Jazz, Soul und R&B, man sprang von Jelly Roll Morton zu Marvin Gaye und weiter zu Rihanna und kooperierte mit Pop-Größen wie Elvis Costello und Norah Jones.

Inzwischen ist die Brassband-Jugend der Seventies in die Jahre gekommen und eine ehrwürdige Veteranen-Truppe. Damals, 1984, haben diese Musiker allen Staub aus dem Genre hinausgeblasen und bewiesen, dass die Brassband ein universal verwendbares Ensembleformat ist. Im davon ausgelösten Brassband-Revival entstanden auch die Rebirth und die Youngblood Brass Band.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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