Die Blockflöten-Orgel

  • 02.12.2015
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Die meisten Menschen kennen die Blockflöte nur aus der musikalischen Früherziehung. Dort wird zwar auch gerne mit mehreren Blockflöten gleichzeitig musiziert, aber dieses "Chorspiel" ist eigentlich nur eine Koordinations-Übung und meist von eher mechanischem Charakter. Künstlerische Aspekte spielen dabei in der Regel keine Rolle. Mancher Musiker entdeckt daher erst als Erwachsener, dass es sich bei der Blockflöte um ein vollwertiges Instrument handelt, das eine Vielfalt von Spiel- und Artikulationstechniken erlaubt.

Die Blockflöte – ein vollwertiges Instrument

In der Renaissance- und Barockzeit wusste man das: Damals wurde die Blockflöte in bis zu 21 Größen hergestellt, dabei in der Bauweise immer wieder verändert und damit den damals aktuellen Klang- und Ensemblepraktiken angepasst. Führende Komponisten wie Monteverdi, Vivaldi, Purcell, Händel und Bach haben auf hohem Niveau für die Blockflöte komponiert. Das Erforschen der Blockflöte – zum Beispiel als Zweitinstrument – ist daher auch heute eine ernsthafte Option für jeden Blasmusiker. Jazzsaxofonisten haben das gelegentlich demonstriert – etwa Barbara Thompson, John Surman oder Jiří Stivín.

Das Wiener Blockflötenensemble "Live"

1972 gründete Hans Maria Kneihs, Professor für Blockflöte in Wien, mit fünf seiner Studenten das Wiener Blockflötenensemble: sechs Blockflöten, sonst nichts. In den 13 Jahren seines Bestehens veröffentlichte das Ensemble ein halbes Dutzend Plattenproduktionen, überwiegend mit Renaissance-Musik aus Deutschland, England und Italien. Man gab Konzerte in vielen europäischen Städten sowie in Japan, Kanada und den USA.

Das Album »Live« erschien erst 1982 – es gibt einen repräsentativen Konzertquerschnitt durch das Schaffen des Ensembles. Der Schwerpunkt der ersten Plattenseite sind Bearbeitungen deutscher Renaissance-Lieder, etwa aus dem Glogauer Liederbuch, das um 1480 in Schlesien entstand. Die zweite Plattenseite versammelt dagegen Flötenstücke aus dem 17. bis 20. Jahrhundert, in denen das Ensemble teilweise auch auf eine oder zwei Blockflöten reduziert ist.

Sechs Blockflöten mit erstaunlichem Sound

Sechs Blockflöten in verschiedenen Registern können im Satz Zusammenklänge von einer erstaunlichen Wärme hervorbringen. Der plastische Sound lässt an Klarinetten oder eine Tischorgel denken. Da die alten deutschen Lieder meist von Liebessehnsucht und Liebesleid handeln, durchströmt die Melodien eine träumerische, sanft tänzerische Melancholie. Einmal macht das Ensemble in einer mehrstimmigen Vokaleinlage auch den Liedtext hörbar, in einem Praetorius-Tanz wird zusätzlich Percussion eingesetzt.

Beschwingte Höhepunkte bieten die Liedverflötungen »Die Brünnlein die da fließen« und »Auff den Schäfferstantz«. Weitere stilistische Facetten des Ensemblespiels eröffnen dann ein Telemann-Duett (für zwei Altblockflöten) sowie drei Haydn-Stücke, die ursprünglich für eine Flötenuhr geschrieben wurden. Aber auch eine einzelne Sopranblockflöte – so häufig der Schrecken von Weihnachtsfeiern – kann wunderbar elegant und ausdrucksvoll tönen. Ulrike Groier beweist es in einem Stück von J. J. van Eyck.

Neue Musik

Das Wiener Blockflötenensemble beschäftigte sich daneben auch mit Neuer Musik – hier vertreten durch Berios Solostück »Gesti«, Georg Mittermayr ist der Solist. Der Ensembleleiter Hans Maria Kneihs beschreibt die Idee der Komposition: »Die klassischen Funktionen des Bläsers: Atmen, Fingerbewegung, Zungentätigkeit, treten im Laufe des Stücks mehr und mehr miteinander in Beziehung.«

Aus dem Geist solcher Avantgarde-Stücke hat das Ensemble hier auch eine kleine, freie Kollektiv-Improvisation hingezaubert – hellwach und sensibel, eine Werbung für den kreativen und erfinderischen Umgang auch mit diesem Instrument. Übrigens: Was sechs Blockflöten können, können sechs andere Bläser auch...

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

« zurück