Die Bedeutung der Hand für das Spielen eines Blasinstruments

  • 22.12.2015
  • Tipps & Praxis
  • Klaus Härtel

"Ohne sensible und künstlerische Steuerung der Hand und Finger wäre ein Spiel eines Blasinstruments auf hohem Niveau unmöglich", erklärt Prof. Dr. med. Jochen Blum. Aber welche "Hand-Krankheiten" können bei Bläsern auftreten und wie kann man diesen vorbeugen?

Ein Pianist hat einmal gesagt: "Wir spielen nicht mit der Hand, wir spielen mit dem Kopf!" Wird die Beachtung der Hand beim Musizieren vernachlässigt?

Pauschal lässt sich nicht sagen, dass die Beachtung der Hand beim Musizieren vernachlässigt wird. Eine Reihe von Instrumentalpädagogen - auch im Bläserbereich - legen durchaus Wert darauf, dass im Spielfluss nicht alles vom Gefühl oder vom Gehirn aus vorbestimmt ist, und die Hände schon "automatisch" dies ausführen. Allerdings ist es richtig, dass ein nicht kleiner Teil der Pädagogen das nicht so sieht. Klar ist, die Hand beinhaltet einen erheblichen Teil des Nervensystems, welches unabdingbar mit dem Kopf, dem Gehirn, verknüpft ist und die Hand beinhaltet vor allem die ebenso damit verknüpften motorischen und sensorischen Einheiten, die für das Öffnen und Schließen von Klappen oder Bohrungen direkt verantwortlich sind. Wie in vielen anderen Bereich auch: das Eine kann nicht ohne das Andere.

Geht es da um orthopädische Fragen oder auch um den Tastsinn?

Aus musikermedizinischer Sicht geht es auch bei Bläsern sowohl um orthopädische wie auch neurologische Phänomene. Ich vermute in Ihrer Frage eher motorische = orthopädische und sensorische = Tastsinn-Aspekte. Im Falle der hoffentlich weitgehend gesunden Hände von Bläsern betrifft dies auch beide Bereiche, deren Verständnis aus meiner Sicht auch im instrumentalpädagogischen Bereich von grundlegender Relevanz sind.

Bei Pianisten oder Gitarristen ist es offensichtlich, dass die Hand eine sehr wichtige Rolle spielt. Wie wichtig ist die Hand beim Bläser?

Aus meiner Sicht ist die Wichtigkeit der Hand nicht nur bei Pianisten, Gitarristen, Streichern sondern auch bei Bläsern hoch. Selbstverständlich kommt bei den Bläsern zur Tonerzeugung und Modulation noch der Mund/Kiefer-Bereich wesentlich hinzu, was bei den anderen Instrumenten entfällt. Dennoch - ohne sensible und künstlerische Steuerung der Hand und Finger wäre ein Spiel eines Blasinstruments auf hohem Niveau unmöglich.

Welche "Hand-Krankheiten" können Bläser bekommen und woher rühren diese? Können das Fehlhaltungen, Überlastungen oder auch angeborene Störungen sein?

Ich sehe in meiner Musikersprechstunde deutlich weniger Bläser im Vergleich zu Streichern mit Störungen der Hand - aber dies liegt natürlich auch an den Proportionen ihrer numerischen Repräsentanz in den Orchestern. Tatsächlich gibt es bei Bläsern durchaus nicht nur Ansatzdystonien, sondern auch Dystonien im Bereich der Hände, aber auch Überlastungsprobleme der Sehnen und Muskeln an Unterarm und Händen sowie Gelenküberlastungen z.B. am Daumen bei Haltebelastung des Instrumentes. So habe ich auch - zum Glück sehr selten - schon Fingergelenksprothesen bei Holzbläsern implantieren müssen, deren Daumensattelgelenke völlig arthrotisch verändert waren und bei denen andernfalls keine Haltefunktion des Instrumentes mehr möglich gewesen wären.

Was kann man dagegen tun? Und vor allem: Was für prophylaktische Möglichkeiten gibt es?

Prävention ist sicher ein großes Thema auch bei Bläsern. So halte ich das Nutzen von Haltegurtsystemen oder Stativen nicht für ein Sakrileg - schon beim Üben, aber auch im Konzert. Außerdem sind Themen wie Physioprophylaxe - also präventive Übungen vor dem Einspielen - durchaus auch für Bläser von Bedeutung. Im Zimmermann-Verlag Frankfurt hat die Flötistin und Physiotherapeutin Alexandra Türk-Espitalier ein sehr anschauliches Buch (Musiker in Bewegung: 100 Übungen mit und ohne Instrument, 2008) zu diesem Thema der Prävention verfasst.

Prof. Dr. med. Jochen Blum

Prof. Dr. Jochen Blum studierte Medizin in Siena, Mainz, Boston und London nach einer Ausbildung zum Geigenbauer bei M. Stelio Rossi in Siena/Italien und einem Violastudium bei S. Wolvington am Conservatorio di musica di Firenze.

Promotion im Bereich Neurochirurgie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dort dann auch Habilitation (Traumatologische Biomechanik) und geschäftsführender Oberarzt an der Unfall- und Handchirurgischen Universitätsklinik Mainz. Seit 1995 Professor (apl.) für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Aktuell auch Professor (apl.) für Unfall- und Handchirurgie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sowie Chefarzt der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Klinikum Worms, akademisches Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Über 250 Fachpublikationen sowohl im Gebiet der Unfall- und Handchirurgie, wie auch im Bereich Musikphysiologie und Musikermedizin. Herausgeber des im Thieme-Verlag publizierten Lehrbuches "Medizinische Probleme bei Musikern". Mitherausgeber der Fachzeitschrift "Musikphysiologie und Musikermedizin". Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM) 1994 in München, seit 1994 Vizepräsident, von 1999 bis 2005 Präsident der DGfMM. Wissenschaftlicher Leiter diverser Kongresse und Symposien für die DGfMM und Mitglied mehrerer nationaler und internationaler Gremien.

Schwerpunktthema "Die Hand"

In der Ausgabe 1/2016 haben wir uns ausführlich mit dem Thema "Hand" beschäfigt. Die komplette Sammlung "Handlungsbedarf? Wie 27 Knochen Musik machen" können Sie hier downloaden.

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