Der Tod aus dem Dudelsack: Schimmelpilze sind der Feind des Bläsers

  • 28.03.2017
  • Schwerpunktthema
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 4/2017
  • Seite 38-39

Die Erkrankung heißt EAA und ist lebensgefährlich. Möglicher Auslöser sind Schimmelpilze im Blasinstrument. Wird die Diagnose gestellt, ist Abhilfe leicht zu leisten: einfach das Instrument gründlich reinigen.

Sind Blasinstrumente heilsam…

Ein Blasinstrument zu spielen stärkt die Atemorgane und regt den Kreislauf an. Viele Musiker haben als Kinder nur deshalb mit dem Blasen begonnen, weil ein Lungenarzt es als Therapie gegen ihre Atemprobleme empfahl.

Der klassische Oboist Anthony Camden (1938 bis 2006) zum Beispiel litt von klein auf an Asthma und sollte deshalb die Oboe ausprobieren. »Beim Oboenspiel übt man einen enormen Druck aus, um die Luftröhre zu öffnen. Schon nach sechs Wochen ging es mir besser. Seitdem spiele ich Oboe.« Der legendäre »Posaunengeneral« Johannes Kuhlo (1856 bis 1941) empfahl das Blasen sogar zur sportlichen Ertüchtigung: »In kürzester Zeit kannst du viel weiter tauchen.« Und der japanische Flötist und Zen-Meister Watazumi Doso (1910 bis 1992) meinte ganz grundsätzlich: »Um deine Lebenskraft zu stärken, musst du das Ausatmen verlängern. Meine Flöten sind Werkzeuge für bewusstes Atmen.«

…oder gesundheitsgefährdend?

Nur leider lauern in Blasinstrumenten nicht nur Vorteile, sondern auch Gefahren für die Gesundheit. Wer sich viel mit Musikerbiografien beschäftigt, könnte zum Beispiel den Eindruck gewinnen, dass professionelle Holzbläser häufiger an Herz- und Lungenversagen sterben als der Durchschnitt der Bevölkerung – während bei Blechbläsern der Tod durch Hirnschlag und Hirnblutung leicht überrepräsentiert ist.

Statistiken dazu sind mir nicht bekannt. Es leuchtet jedoch ein, dass zum Beispiel Jazzmusiker im »Gefecht« einer heißen Improvisation ihrem Körper zuweilen etwas zu viel zumuten. Man sieht sie geradezu vor sich: den Saxofonisten, der in der Ekstase eines modalen Solos nicht abbrechen will, obwohl er sich schon vor Atemnot krümmt, oder den Trompeter, der vor der pushenden Bigband in immer höheren Höhen bläst, während sein Gesicht rot wird und die Stirnadern anschwellen...

EAA - die Saxofonlunge

Keine Spekulation ist die Erkrankung, die in der Medizin als EAA (exogen-allergische Alveolitis) oder auch HP (Hypersensitivitäts-Pneumonitis) bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine Entzündung und Vernarbung des Lungengewebes, die sich in Husten, Keuchen, pfeifenden Atemgeräuschen und Atemnot äußert. Bei fortschreitendem Verlauf kann diese Erkrankung zu Lungenfibrose und übermäßiger Herzbelastung führen und letztlich zum Tod des Patienten.

Ausgelöst wird die EAA durch das regelmäßige Einatmen von Pilz- und Bakteriensubstanzen, auf die der Betroffene übersensibel oder allergisch reagiert. In den meisten Fällen geschieht dieses Einatmen am täglichen Arbeitsplatz, etwa in der Landwirtschaft, in Chemiefabriken oder in Betrieben, wo organische Stoffe verarbeitet werden. Die Mediziner kennen die Krankheit zum Beispiel als »Farmerlunge« – meist ausgelöst durch Pilzsporen im Futterheu oder Staubpartikel bei der Geflügelhaltung.

In der angloamerikanischen Literatur findet man längst auch den Begriff »saxophone lung« – Saxofonlunge. Jedes Jahr berichtet die Presse davon, dass Blasmusiker an EAA erkrankt sind, weil sie beim Spielen ihres Instruments regelmäßig Schimmelpilze eingeatmet haben. Wir alle wissen, dass sich beim Blasen Kondenswasser im Instrument bildet – der Niederschlag unseres Atems. Die angesammelten Wassertropfen können beim Spielen sogar blubbern, was etwa bei einem »rauchigen« Tenorsaxofonisten beinahe interessant klingt.

Als Bläser hat man sich angewöhnt, die Feuchtigkeit zwischendurch aus dem Instrument zu schütteln – beim Blech gibt es dafür extra Wasserklappen. Um das Instrument aber komplett trocken zu bekommen, sollte es am Abend gründlich gereinigt werden. Geschieht dies nicht, können sich im feuchten Klima des Instruments irgendwann Pilzbeläge bilden, die beim Musiker womöglich eine hypersensitive oder allergische Lungenreaktion auslösen. Aus dem Bläser wird dann ein Patient.

Fallbeispiele

Fall 1: ein 61-jähriger Dudelsackbläser aus Nordengland. Er litt an Husten und Atemnot, hatte schon sieben Jahre zuvor die ­Diagnose EAA bekommen und wurde mit Cortison behandelt. Eine Ursache – etwa eine Taubenzucht, Asbestwände zu Hause, Staubpartikel am Arbeitsplatz – wurde nicht gefunden. Die Beschwerden verbesserten sich erst, als der Mann zwei Jahre nach der Diagnose nach Australien reiste – ohne seinen Dudelsack.

Doch kaum war er zurück in England, verschlimmerten sich die Symptome sofort – er spielte ja wieder Dudelsack. Erst drei Jahre später geriet bei den Ärzten in Manchester das Blasinstrument in Verdacht: Man fand in dem Dudelsack Schimmel- und Hefepilze. Für den Hobbybläser kam die Entdeckung leider zu spät, er starb im Oktober 2014. Dabei hatte es nur zwei Jahre vorher einen ganz ähnlichen Fall in Wiltshire gegeben (Fall 2).

Fall 2: ein 78-jähriger Dudelsackbläser aus Südengland. Er war 2012 wegen einer lebensgefährlich fortgeschrittenen EAA wochenlang in stationärer klinischer Behandlung. In seinem Instrument wurden Schimmelpilze der Gattungen Rhodotorula und Fusarium gefunden. (Als Dudelsack-Instrumente noch aus echten Tierhäuten gefertigt wurden, musste man sie sehr gewissenhaft reinigen. Die heutigen synthetischen Materialien können dagegen zu leichtsinniger Pflege verführen.)

Fall 3: ein 68-jähriger Klarinettist aus Atlanta (Georgia/USA). Wegen seines Hustens und Keuchens wurde er ein Jahr lang mit Antibiotika und Steroiden behandelt – vergebens. Dann erwähnte er sein Hobby: Klarinette spielen in einer Dixieland-Band. Seine Klarinette war wohl nicht die jüngste. Man entdeckte in ihr den Exophiala-Pilz, der sich in verfaulendem Holz findet, außerdem die Schimmelpilze Alternaria und Curvularia. Eine Laborärztin meinte: »Es gab ein eindrucksvolles Pilzwachstum. Der Mann hat diesen Pilz praktisch eingeatmet.«

Fall 4: ein 48-jähriger Saxofonist aus Belgien. Der Büroangestellte litt seit fünf Monaten an EAA. In seiner Freizeit spielte er Saxofon, das Instrument wurde 2010 untersucht. Man entdeckte darin Schimmelpilze der Gattungen Utocladium botytis und Phoma. Daraufhin hat man eine »Reihenuntersuchung« an Saxofonen aus privaten Haushalten durchgeführt und wurde erstaunlich häufig fündig. Unter anderem fand man die Pilzgattungen Fusa­rium, Penicillium und Cladosporium.

Fall 5: ein 35-jähriger Posaunist aus Texas. Der Mann litt seit 15 Jahren an einem Husten, den die Ärzte nicht erklären konnten. Erst als die Symptome plötzlich weg waren, löste sich das Rätsel: Ausnahmsweise hatte der Mann zwei Wochen lang nicht in seine Posaune geblasen. Auch dieses Instrument war von Pilzen und Bakterien besiedelt. Es wurde mit 91-prozentigem Isopropyl-Alkohol gereinigt, und der Husten kehrte nicht wieder.

Pilzangriff und Pilzabwehr

Wie verbreitet die Pilzgefahr in Blasinstrumenten ist, weiß man nicht genau. Es ist durchaus denkbar, dass in der Vergangenheit Blasmusiker aufgrund von EAA oder HP ernsthafte Atemprobleme bekamen oder sogar gestorben sind, ohne dass man damals den Auslöser gefunden hätte. Eine Untersuchung in Boston erbrachte 2011, dass Bakterien und andere Keime mehrere Tage lang in und auf Blasinstrumenten überleben können – übrigens auch der Tuberkulose-Erreger, dem mancher Bläser vor der Einführung des Penicillins zum Opfer fiel.

Als es noch keine Klimaanlagen gab, mag auch feuchtwarmes Wetter das Wachstum von Pilzkulturen in Instrumenten befördert haben. Greg McCutcheon, ein junger Klarinettenlehrer aus Texas, meint dazu: »Als ich in Houston unterrichtete, wurde oft das Air Conditioning abgeschaltet. Auf vielen Instrumenten bildete sich Schimmel innen und außen.« In einem Fachblatt für Lungenmedizin war zu lesen: »Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Problem der Saxofonlunge schon seit vielen Jahren besteht, weil viele Musiker ihre Instrumente unzureichend reinigen.«

Um sicherzustellen, dass das Instrument nicht von Pilzen befallen wird, muss man es gewissenhaft pflegen. Für die tägliche Routine genügen Durchziehwischer, Flaschenbürsten und Tücher. Damit keine feuchten »Verstecke« bleiben, sollte man das Instrument dabei in seine Teile zerlegen. Für eine ganz gründliche Reinigung von Metallinstrumenten empfehlen sich eine Chlorlösung, Isopropyl-Alkohol oder eine Ultraschall-Behandlung.

Um das In­strument bakteriell nicht übermäßig zu belasten, sollte man beim Blasen auch auf Mundhygiene achten. Der Musiklehrer Greg McCutcheon sagt: »Was immer man vor dem Spielen isst, und selbst wenn man nur Kaugummi kaut: Der ganze Zucker wird ins Instrument geblasen. All das Zeug klebt dort und steckt die ganze Zeit drin. Die Kids in der Highschool, die es ernst meinen mit dem Blasen, putzen ihre Zähne, bevor sie spielen.«

Das PDF enthält alle fünf Artikel des Schwerpunktthemas "Die Hardware: Sind die Instrumente ausentwickelt?":

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