Der fliegende Holländer: Singapur

  • 11.04.2017
  • Szene & Leute
  • Johan de Meij
  • Ausgabe: 3/2017

Mein erstes großes Reiseziel 2017 war Singapur, auf Einladung des Singapore Wind Symphony Orchestra. Das Programm bestand aus vier Proben, einem Treffen mit lokalen Komponisten, einem Meisterkurs und einem großen Konzert in der SOTA-Halle, dem großen Saal der Singapore School of the Arts.

Singapur: Eine Stadt mit Charme

Singapur ist eine großartige Stadt, die ich sehr gerne besuche. Es gibt dort eine Menge interessante Attraktionen, so zum Beispiel das unglaublich schöne S.E.A. Aquarium auf Sentosa Island, die tropischen Gardens by the Bay, das Singapore Art Museum, die Nationalgalerie, das ArtScience Museum, das spektakuläre Hotel/Casino Marina Bay Sands, verschiedene gigantische Einkaufszentren und zahlreiche ausgezeichnete Restaurants. Außerdem ist das Wetter dort immer angenehm – wenige heftige Regenschauer ausgenommen –, die Temperatur sinkt dort nie unter 22 Grad Celsius.

Es war nicht mein erster Besuch in Singapur: 2001 hatte ich dort ein großes Projekt mit den Philharmonic Winds, mit Jörgen van Rijen als Solist an der Posaune und Roeland Duijne am Cello. 2010 war ich eines der Jurymitglieder beim Singapore International Band Festival und 2012 habe ich ein Gemeinschaftskonzert der KLM Harmonie aus den Niederlanden mit dem Singapore Wind Symphony Orchester dirigiert.

Das Singapore Wind Symphony Orchestra (SWS)

Chefdirigent und künstlerischer Leiter des SWS ist Adrian Tan, ein sehr inspirierter und enthusiastischer Musiker, der sich stark für junge Komponisten aus der ganzen Region einsetzt. Dank ihm wurden bereits mehr als 150 Aufträge an junge Komponisten aus Singapur und den Nachbarländern wie Südkorea und Malaysia vergeben.

Das Programm bestand neben einigen meiner eigenen Kompositionen und Bearbeitungen auch aus zwei Werken von lokalen Komponisten, nämlich "Malay Dances" von Peter Gale (Singapur) und "Garak Dance" von Soo Hyun Park (Südkorea).

Die asiatische Erstaufführung von "Fellini"

Das Hauptwerk des Konzerts war die asiatische Erstaufführung von "Fellini", einem groß angelegten Werk für Solo-Altsaxofon, Blasorchester und Zirkus-Band. Unser Solist war mein guter Freund Hans de Jong, für den ich das Konzert geschrieben habe. Hans ist Saxofon-Dozent am Konservatorium in Antwerpen und gibt Konzerte und Meisterkurse auf der ganzen Welt. "Fellini" ist ihm buchstäblich auf den Leib geschrieben und es war eine unglaublich spannende Aufführung.

Die Filme von Federico Fellini sind gespickt mit Clowns und Zirkusszenen, daher die Wahl eines Off-Stage-Zirkusorchesters. Diese Zirkus-Band ist für das Publikum nicht sichtbar, sie spielt aus dem Foyer des Theaters. Das bringt einen sehr besonderen Effekt und gibt sehr gut die surrealistische Atmosphäre und die Traumwelt von Fellinis Filmen wieder.

Eine weitere asiatische Premiere war die charmante "Fantasia Napoletana" des niederländischen Komponisten und Musikwissenschaftlers Anthony Fiumara. Als Zugabe hatten wir eine spezielle Überraschung in petto: Ein anderer guter Freund, der schon oben genannte Jörgen van Rijen, Soloposaunist des Koninklijk Concertgebouworkest und international berühmter Solist, war zufällig auch in Singapur auf Tournee mit dem KCO.

Ich hatte ihn für das Konzert eingeladen, woraufhin er spontan anbot, ein Stück zu spielen, was wir dann auch machten. Und so endete das Konzert mit Jörgen und mir als Posaunensolisten in einem neuen Arrangement des berühmten Duetts aus der Oper "Die Perlenfischer" von George Bizet. Ein schöner Schluss eines tollen Konzerts, das mit Standing Ovations belohnt wurde!

Problematischer Probenbesuch

Mit den Proben war ich deutlich weniger glücklich: Keine einzige Probe war voll besetzt, das einzige Mal, dass wir komplett waren, war am Konzert selbst! An einem Abend fehlten rund 20 Musiker. Proben hat dann nicht viel Sinn, es fehlen zu viele Stimmen, man kann nicht auf den Klangausgleich achten, keine Akkorde ausstimmen usw.

Viele der Musiker hatten Konzerte oder andere Termine an den Probenterminen. Ich musste es nachdrücklich deutlich machen, dass das nicht akzeptabel ist. Man kann einfach nicht gleichzeitig an zwei Projekten teilnehmen. Dort gibt es leider noch nicht die Beteiligung und Disziplin wie beispielsweise in Japan, wo solch ein Fehlen undenkbar ist.

Die Blasorchesterszene in Singapur

In Singapur gibt es zwei professionelle Sinfonieorchester, nämlich das Singapore Symphony Orchestra und das Singapore Chinese Orchestra. Beide Orchester spielen auf einem sehr hohen Niveau: Das SCO gehört beispielsweise zu den Top drei seiner Art. Es gibt rund 200 Blasorchester in diversen Schulen in Singapur und außerdem zwölf Amateurvereine. Mit Ausnahme der Armed Forces Band gibt es dort keine professionellen Blasorchester.

Philharmonic Winds und Singapore Wind Symphony gehören zu den tonangebenden Amateurorchestern und spielen auf einem hohen Niveau. Beide Orchester haben schon erste Preise beim WMC in Kerkrade gewonnen. Auch das Percussion-Schlagzeug-Ensemble der SWS hat vor vier Jahren den ersten Preis in der ersten Division gewonnen. Sie werden auch in diesem Jahr wieder teilnehmen.

Singapur hat eine der lebendigsten Blasorchesterszenen in Asien. Das jährliche Singapore Youth Festival ist ein Wettbewerb, der abwechselnd für Blasorchester und Marching Bands stattfindet. Dort müssen ein Pflichtstück und ein Selbstwahlstück vorgetragen werden und es gibt eine Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille zu gewinnen. Das zweijährlich stattfindende Singapore International Band Festival (www.sibf.sg) bekommt immer mehr Teilnehmer und sowohl lokale als auch internationale Orchester nehmen teil.

2005 war Singapur das Gastland für die Internationale WASBE-Konferenz. Es gibt zwei große Konservatorien in Singapur: The Yong Siew Toh Conservatory of Music, wo Studenten ihren Master in Orchesterdirektion absolvieren können, und die Nanyang Academy of Fine Arts (NAFA), an der Studenten sowohl einen Bachelor- als auch einen Masterabschluss erwerben können.

Eine vielschichtige Aufgabe: Gastdirigent des Singapore Wind Symphony Orchestra

Am Tag des Konzerts, dem 22. Januar, wurde ich offiziell zum ersten Gastdirigenten des Singapore Wind Symphony Orchestra ernannt. Diese Funktion ist vielschichtig: Neben dem Weiterbringen des Orchesters auf ein höheres Niveau wurde ich auch gebeten, junge Komponisten mit ihren neuen Werken zu coachen und das Ansehen der Blasmusik in Singapur im Allgemeinen zu fördern.

Das ist eine große Herausforderung, die ich aber mit Dankbarkeit angenommen habe. Das bedeutet, dass ich mindestens einmal im Jahr nach Singapur reisen werde, um verschiedene große Projekte zu leiten.

Ich hoffe sehr, dass ich das mit anderen Projekten in Asien kombinieren kann – die Flugzeit von rund 20 Stunden von meinem Wohnort New York findet dieser Fliegende Holländer nicht gerade schön. Auch das Überbrücken von 14 Stunden Zeitverschiebung verlangt viel Anpassungsfähigkeit und Energie. Aber ich habe es gern, wenn neue Abenteuer und Bühnen locken...

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