Der fliegende Holländer: Mexiko

Der holländische Komponist und Dirigent Johan de Meij verbringt eine Menge Zeit damit, um den Globus zu reisen und seine eigene Musik zu dirigieren. In dieser zweimonatlichen Kolumne berichtet er über seine jüngsten musikalischen Erfahrungen.

Neuland: Mexiko

Eine simple Facebook-Nachricht führte zu einer erstaunlichen Reise in ein Land, in das ich in meiner bisherigen Karriere noch nie einen Fuß gesetzt hatte: Mexiko. Der Absender war der liebenswürdige Luis Arturo García, Chemieprofessor der UDLAP (Universidad De Las Américas Puebla) und begeisterter Hobby-Klarinettist.

Luis Arturo hatte eine ambitionierte Initiative ins Leben gerufen, indem er das erste Bandfestival organisierte und veranstaltete: das Encuentro de Bandas Sinfónicas (ein Blasorchestertreffen) an seiner Universität. Ich antwortete unverzüglich mit einem enthusiastischen "Ja!".

Ein Blasorchester mit 140 Musikern und ein anspruchsvolles Programm

Die Reise stellte sich als erfreulich große Erfahrung heraus: Eine sehr herzliche Begrüßung meiner Gastgeber am ersten Tag, zwei Tage intensiver Proben und ein aufregendes Konzert am letzten Tag. Die Teilnehmer kamen aus ganz Mexiko, sogar einige Gäste aus El Salvador und Kuba waren dabei. Zusammen bildeten sie ein riesiges Blasorchester mit 140 Musikern – inklusive sieben Fagotten und sieben Kontrabässen. Was für ein Luxus!

Das ausgewählte Programm war eine ziemliche Herausforderung, etwa die komplette "Venetian Collection" in der ersten Hälfte und "Skyline" aus "Symphony No. 2 The Big Apple" sowie "Hobbits", dem Schlusssatz aus "Symphony No. 1 The Lord of the Rings" im zweiten Teil.

Während meines Besuchs stellte sich mir die Frage, warum dieses Land mit dermaßen vielen talentierten Musikern so ­wenig Interaktion mit dem Rest der Blasorchesterwelt hat? Während einer der zahlreichen wunderbaren Mahlzeiten, die ich mit meinen Gastgebern teilte, habe ich Luis Arturo und meinen Assistenz-Dirigenten Luis Manuel Sanchez danach gefragt.

Die Blasorchesterszene in Mexiko

Sie antworteten mit einigen faszinierenden Informationen. Es gibt ungefähr 700 Musikvereine über ganz Mexiko verteilt; die Staaten mit den meisten sind Oaxaca, Michoacán, Puebla und Estado de México. Es gibt zwischen zehn und 15 professionelle Orchester in Mexiko. Die bekanntesten dürften sein: Banda Sinfónica de la Secretaría de Marina, Sinfónica de Alientos de la Policía Federal, Banda Sinfónica de la Defensa Nacional, Banda Sinfónica del ­Estado de Oaxaca, Banda Sinfónica del Estado de Veracruz, Banda Sinfónica Municipal de Puebla und Banda de Música del Estado de Zacatecas. Hinzu kommen schließlich noch mindestens zehn Universitätsblasorchester sowie 30 College- und Highschool-Blasorchester.

Die Blasorchesterszene Mexikos wächst stetig. Außerdem wollen die meisten Bands mehr Originalliteratur spielen und sich künstlerisch weiterentwickeln. Dank des Internets haben sie die Möglichkeit, Originalwerke aus anderen Ländern zu hören, was dann im Umkehrschluss ihre eigenen Ambitionen befeuert.

Das Projekt an der UDLAP war das erste Mal, dass mehr als 140 Musiker die Möglichkeit hatten, mit einem Gastdirigenten und -komponisten zu arbeiten. Nach Angaben der Organisatoren scheint es das erste Event dieser Art gewesen zu sein. Ich fühlte mich einzigartig geehrt und privilegiert.

Im Moment hat Mexiko keinerlei regionale oder nationale Wettbewerbe für Blasorchester. Es gibt lediglich einen jährlichen Marching-Band-Wettbewerb und einen für Militärorchester. Fünf Institutionen in Mexiko bieten Studiengänge für das Dirigieren an, ein Programm für Blasorchesterleitung gibt es nicht. Auch gibt es nur wenige mexikanische Komponisten, die für Blasorchester geschrieben haben.

Der Mexikaner Arturo Marquez ist natürlich weltbekannt für seinen "Danzón No. 2", und er hat einige seiner Orchesterwerke für das Blasorchester arrangiert. Einer der wichtigsten Komponisten, Arrangeure und Dirigenten war Velino M. Preza (1866 bis 1944). Preza hat einige berühmte mexikanische Märsche geschrieben und war außerdem der Gründer des Polizeiorchesters in 1904, dem ältesten Blasorchester in Mexiko.

Ein gelungener Abschluss

Die Proben für das Schlusskonzert waren sehr intensiv. Aber all die Anstrengung hat sich gelohnt, als wir vor ausverkauftem Haus vor einem sehr anerkennenden Publikum spielten.

Ich kann mich nicht daran erinnern, so viele Fotos gemacht und so viele Konzertprogramme signiert zu haben. Es gab Selfies, Fotos mit jedem Register und Aufnahmen mit einzelnen Musikern – 140 insgesamt. Mein Kiefer schmerzt immer noch vom ständigen Grinsen an jenem Tag!

Fortsetzung folgt

Ich habe mir auf meiner Reise noch einen Zusatztag gegönnt, um die erstaunliche Umgebung von San Andrés Cholula zu sehen, inklusive der Pyramiden sowie die atemberaubend schöne Kirche von Santa María Tonantzintla. Während des Essens fing Luis Arturo schon ernsthaft an, Pläne für das nächste Jahr zu schmieden. Er will jeweils drei Konzerte in Puebla, Querétaro und Mexico City einbauen. Wir haben darüber diskutiert, wie man das Ereignis verbessern kann.

Meine größte Sorge war die riesige Besetzung: Es ist unmöglich, eine angemessene Balance zwischen – zum Beispiel – 14 Altsaxofonen herzustellen. Auch andere Register müssen verkleinert oder vergrößert werden. Um dies zu schaffen, haben wir ein »Dream Team« gegründet, das die nächste Besetzung gewährleisten soll. Das Kernstück wird »Symphony No. 3 Planet Earth« sein. Es wird die erste Aufführung in Mexiko. Ich kann es ehrlich gesagt gar nicht mehr erwarten.

www.johandemeij.com

  • 18.11.2016
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