Der fliegende Holländer: Johan de Meij in Spanien, Portugal und den Niederlanden

  • 12.09.2017
  • Szene & Leute
  • Johan de Meij
  • Ausgabe: 9/2017
  • Seite 58-59

Nach einer viermonatigen Zwangspause begann Anfang Juli wieder eine Zeit des Reisens. Wer sich an die vergangene Ausgabe von "Der fliegende Holländer" erinnert, der weiß, dass ich aufgrund eines gebrochenen Beins eine Zeit lang nicht reisen konnte. Einige Auftritte mussten abgesagt werden, sowohl in Amerika als auch in Europa. Für mehrere Wochen war ich ans Bett gefesselt, sodass ich eher ein "liegender Holländer" war!

Eine effektiv genutzte Zwangspause

Aber ich habe die Zeit zu Hause gut nutzen können und einige Arrangements für großes Blechbläserensemble, Klavier oder Harfe und umfangreiches Schlagzeug geschrieben. Anlass ist ein Konzert mit den Blechbläsern und Schlagzeugern des Sinfonieorchesters Basel, alles auf Einladung von dessen Soloposaunist Henri-Michel Garzia. Ich habe aber nur ein einziges Originalwerk für diese Besetzung geschrieben, die "Ceremonial Fanfare".

In Anbetracht der Tatsache, dass das Ensemble ein reines de-Meij-Programm spielen wollte, habe ich nach Rücksprache mit Henri-Michel und der Orchesterleitung einige bereits existierende Werke von mir mit auf das Programm gesetzt, unter anderem drei Sätze aus "The Lord of the Rings" und die "Sinfonietta No. 1", ursprünglich für Brassband komponiert. Alle Bearbeitungen werden als Leihmaterial auch ins Programm von Amstel Music aufgenommen, sodass sie auch für andere Blechbläserensembles verfügbar sind.

1. Ziel: Muro de Alcoy im Südosten Spaniens

Mein erstes Reiseziel war Muro de Alcoy im Südosten Spaniens, wo ich zusammen mit José Rafael Vilaplana und dem Ungarn László Marosi einen Dirigentenkurs leitete. Zahlreiche enthusiastische Dirigenten aus allen Teilen Spaniens nahmen daran teil. Die örtliche Banda Unió Musical de Muro fungierte als Lehrgangsorchester.

Meine Aufgaben waren die Leitung eines Meisterkurses, Anwesenheit bei den Proben und eine Abschlusskonferenz mit José und László, bei der wir Fragen der Kursteilnehmer beantworteten.

Im Rahmen des Abschlusskonzerts fand auch die Preisverleihung für den Kompositionswettbewerb von Muro statt, bei dem ich im vergangenen Dezember für "Fifty Shades of E" mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde. Das Stück wurde von zwei talentierten Kursteilnehmern dirigiert, die es angemessen aufgeteilt hatten. So hatten beide die Gelegenheit, ihre Dirigierkunst öffentlich zu präsentieren.

2. Ziel: Porto in Portugal

Die nächste Station war die portugiesische Stadt Porto, die von Valencia aus direkt mit dem Flugzeug erreichbar ist. Hier war ich Gast der Banda Sinfónica Portuguesa (BSP). Eingeladen hatte mich mein guter Freund Henk van Twillert, ein niederländischer Saxofonist, der seit Jahren in Aveiro wohnt und dort schon zahlreiche Schüler ausgebildet hat.

Die BSP unter Leitung ­ihres Gründers Francisco Ferreira (selbst ebenfalls Saxofonist) ist eines der besten europäischen Orchester und besteht ausschließlich aus Berufsmusikern.

In Porto fand das Festival EurSax statt, zu dem etwa 600 Saxofonisten aus allen Teilen der Welt angereist waren. Henk war der auserwählte Solist in "Fellini", meiner neuen Komposition für Altsaxofon, Zirkusband und Blasorchester. Das Galakonzert fand in der wunderschönen Casa di Musica statt, die vom niederländischen Architekten Rem Koolhaas erbaut wurde.

Es wurde ein Riesenerfolg für alle Ausführenden, besonders für die Musiker der Zirkusband, die in der Halle – unsichtbar für das Publikum – fröhlich drauflos bliesen.

Ein Saal voller Saxofonisten: Eine bessere Werbung für mein neues Stück als an diesem herrlichen Abend in Porto konnte ich mir nicht vorstellen.

3. Ziel: WMC in Kerkrade…

Der letzte Teil meiner Reise brachte mich in mein Heimatland Holland zurück, Austragungsort zweier wichtiger Großereignisse: des berühmten Wereld Muziek Concours (WMC) in Kerkrade und die WASBE-Konferenz in Utrecht.

Leider konnte ich nur ein einziges Wochenende in Kerkrade sein, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich habe zahllose alte Freunde und Bekannte getroffen und konnte auch einige schöne Konzerte hören.

Unbestrittener Höhepunkt war der Auftritt der Koninklijke Fanfare Kempenbloei aus dem belgischen Achel unter ihrem Stardirigenten Ivan Meylemans. Sie erreichten 97,7 Punkte und wurden damit Sieger in der Konzert-Abteilung Fanfare.

…und die WABE-Konferenz in Utrecht

WASBE steht für World Association for Symphonic Bands and Ensembles und ist eine Vereinigung von Dirigenten, Komponisten, Verlegern und anderen Freunden der sinfonischen Blasmusik. Ich bin seit der Gründung 1981 in Manchester dort Mitglied und habe bislang an 14 der 21 Konferenzen teilgenommen, die in der Regel alle zwei Jahre stattfinden, jedes Mal in einem anderen Land. Die nächste ist für Juli 2019 in Tokio geplant.

Die Konferenz in Utrecht war für mich eine der besten von allen: perfekt organisiert durch Wens Travel aus Baarn und Musidesk aus Arnheim. Neben verschiedenen Vorträgen, Präsentationen und Diskussionen standen täglich zwei bis drei Konzerte in hervorragender Qualität im Mittelpunkt des Interesses. Sie fanden alle im großen Saal des Tivoli Vredenburg statt.

Die Koninklijke Militaire Kapel Johan Willem Friso gab unter Leitung von Tijmen Botma ein herausragendes Konzert, unter anderem mit dem "Concerto for Trombone" von Steven Bryant. Starsolist war Jörgen van Rijen, Soloposaunist des Concertgebouw Orkest. Zusammen mit Alexander Verbeek spielte er auch mein "Two-Bone Concerto", vorbildlich begleitet von der Harmonie St. Michael aus Thorn unter Leitung von – schon wieder – Ivan Meylemans.

Nach dem Schlussakkord hatte man das Gefühl, dass das Dach des Saales herunterkommen würde. Diese spritzige Aufführung war für mich der Höhepunkt der Woche­ – und gemessen an den jubelnden Reaktionen für viele andere ebenfalls.

Auch mein "UFO Concerto" wurde gespielt, und zwar vom brillanten Solisten Devid Ceste am Eufonium, begleitet vom flammenden Dirigenten Denis Salvini und dem Orchestra di Fiati Valle Camonica.

Außerdem konnte man die Konzerte zweier spanischer Orchester genießen: Banda Municipal de Bilbao unter der vortrefflichen Leitung von José Rafael Vilaplana und die Banda Municipal de Barcelona unter ihrem Chefdirigenten Salvador Brotons, der komplett auswendig dirigierte.

Zu meiner großen Enttäuschung wurde die Tournee des  Simón Bolívar Youth Wind Orchestra im letzten Moment abgesagt. Geplant waren Auftritte in Kerkrade, Aachen und Utrecht, aber die instabile politische Situation in Venezuela war der Grund, dass dieses tolle Orchester (bei dem ich seit 2010 regelmäßig als Gastdirigent auftrete) seine Konzerte annullieren musste.

Ich hatte den jungen Musikanten diesen Ausflug so gegönnt, einfach um einmal aus dem unruhigen Caracas fliehen zu können, wo es momentan fast täglich Tote bei Demonstrationen gegen die Regierung gibt. Ich hoffe von ganzem Herzen für meine Freunde, dass in ihrer Heimat Ruhe und Ordnung bald wieder hergestellt sind...

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