Der fliegende Holländer: Johan de Meij in Crevillent und Barcelona

Wie schon im vergangenen Jahr hatte ich das Glück, dass sich zwei Projekte im gleichen Land nahtlos aneinander anschlossen. Konnte ich 2016 Konzerte in Logroño, San Sebastian und Bilbao gut miteinander kombinieren, so ging die Reise nun nach Crevillent (Nähe Alicante) und Barcelona.

Dirigentenkurs in Crevillent

In der ersten Woche war ich Gast beim Orchester Sociedad Unión Musical de Crevillent, wo mein guter Freund José Rafael Pascual Vilaplana einen Dirigentenkurs mit acht aktiven Teilnehmern und zahlreichen Zuhörern aus ganz Spanien leitete.

José und ich arbeiten häufig als Dozenten zusammen, wobei er die dirigiertechnischen und theoretischen Aspekte behandelt und ich die betreffenden Stücke zusammen mit den Studenten analysiere, sowohl durch intensives Partiturstudium als auch anhand von Hörbeispielen oder Auszügen auf YouTube.

Talentierte und preisgekrönte Teilnehmer

Bei den Proben waren wir beide anwesend, um schlagtechnische oder probenpädagogische Hilfen zu geben. Es waren einige sehr talentierte Teilnehmer darunter, so auch der sympathische Carlos Ramón Pérez, Gewinner des Goldenen Dirigierstabs beim WMC Kerkrade 2017. Im gleichen Jahr hat er auch den 1. Preis beim Dirigentenwettbewerb der Brassband-Europameisterschaften in Oostende gewonnen.

Eindrucksvolles Konzert mit Gesangssolistin

Das Programm war eine sogenannte "Monographie", das heißt, dass alle Werke aus der Feder ein und desselben Komponisten stammten. Ich hatte die Ehre, dieser Komponist zu sein, und in Zusammenarbeit mit José und dem Chefdirigenten des Orchesters, Manuel Mondéjar Criado, wählte ich folgendes Programm aus (ohne Pause):

  • La Quintessenza (dirigiert von Manuel)
  • Extreme Beethoven (dirigiert von José)
  • Symphony No. 4 "Sinfonie der Lieder" (dirigiert von mir selbst)

Solistin in der "Sinfonie der Lieder" war die Mezzosopranistin Sandra Ferrández Penalva. Der Kinderchor kam aus der Region. Sandra wurde in Crevillent geboren und ist auch dort aufgewachsen, wohnt aber zur Zeit in Madrid. Es war wunderbar, mit ihr zu arbeiten.

Sie war sehr gut vorbereitet und sang den deutschen Text mit einer perfekten Aussprache. Es wurde ein herrliches Konzert, in dem alles glückte und in dem Orchester und Solistin über sich hinauswuchsen. Der nahezu ausverkaufte Saal des Auditorium de la Diputación de Alicante (ADDA) mit seiner warmen Akustik hatte auch seinen Anteil daran.

Wir beendeten den Abend mit einem herrlichen Abendessen, an dem auch mein guter Freund Bram Sniekers teilnahm. Er hatte eine achtstündige Autofahrt von Galizien aus auf sich genommen, um das Konzert anzuhören. Das sind noch Freunde!

Herzerwärmendes Wiedersehen in Barcelona

Mein nächster Halt war Barcelona, wo mich die Banda Municipal de Barcelona, eines der besten spanischen Berufsorchester, zum zweiten Mal eingeladen hatte. Man konzertiert dort in L’Auditori, einem herrlichen Gebäude, in dem man auch probt. Mit einer eigenen Konzertreihe hat man inzwischen ein festes Publikum an sich binden können. Man arbeitet mit vielen Gastdirigenten, darunter auch meine Landsleute Henrie Adams und Jan Cober oder ihrem eigenen Landsmann Ferrer Ferran.

Es gibt einem eine sehr große Befriedigung, wenn man innerhalb eines Jahres erneut als Gastdirigent eingeladen wird. Man hat beim ersten Mal dann wohl einen guten Eindruck hinterlassen. Es waren noch genau die gleichen Musiker wie 2016 und ich wurde mit offenen Armen empfangen. Herzerwärmend!

Das Programm bestand erneut aus drei meiner Kompositionen, die jeweils zwei Gemeinsamkeiten hatten: Die Ausführenden befanden sich nicht nur auf der Bühne und die Titel waren italienisch gefärbt.

Echoes of San Marco, Via Claudia und Fellini

Eröffnet wurde mit "Echoes of San Marco", wo zwei Blechbläserquartette im hinteren Teil des Saales aufgestellt sind und Motive aus dem "Canzo Septimi Toni a 8" des venezianischen Komponisten Giovanni Gabrieli  (1554 bis 1612) spielen.

Dieser Renaissance-Komponist, Organist im Markusdom von Venedig, wurde berühmt durch seine Werke für mehrchörige Ensembles. Verschiedene Gruppen im Orchester imitieren die beiden Blechbläserquartette und verlängern die Echos mit mysteriösen Clustern.

Danach erklang "Via Claudia", eine imaginäre Reise über die Alpen entlang der alten Römerstraße von Venedig nach Augsburg. Auch hier war ein Instrument "ausgegliedert". Vom zweiten Balkon im Saal aus spielte ein Alphorn und erzeugte einen herrlichen räumlichen Effekt.

Ähnlich war es bei "Fellini", wo eine komplette Zirkuskapelle im Foyer platziert war. Solist am Altsaxofon war Hans de Jong, dem dieses Werk auch gewidmet ist. Wir haben Fellini inzwischen zwölf Mal zusammen aufgeführt, unter anderem in Luxemburg, Belgien, Singapur, Italien, und auch für dieses Jahr sind schon einige Aufführungen geplant.

Der fliegende Spanier José Rafael Pascual Vilaplana

Eine Woche danach, als ich mich bereits auf der nächsten Station in Bangkok befand, erreichte mich eine tolle Nachricht: José Rafael Pascual Vilaplana war zum neuen Chefdirigenten der Banda Municipal de Barcelona ernannt worden, als Nachfolger des Komponisten und Dirigenten Salvador Brotons, der das Orchester zehn Jahre geleitet hatte.

José ist seit 2015 auch Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Banda Municipal de Bilbao. Seine Agenda ist nun also auch sehr voll! Ich hoffe für ihn, dass er diese zwei Jobs gut kombinieren kann. Er dürfte auf jeden Fall mein Pendant werden als "Der fliegende Spanier"...

  • 15.02.2018
  • Szene & Leute
  • Johan de Meij
  • Ausgabe: 2/2018
  • Seite 52-53

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