Der fliegende Holländer: Johan de Meij auf der italienischen Insel Procida

  • 15.12.2017
  • Szene & Leute
  • Johan de Meij
  • Ausgabe: 12/2017
  • Seite 48-49

Alles begann vor einem Jahr mit einer E-Mail von Francesco Trio, einem Dirigenten, der von der italienischen Insel Procida stammt, jener Insel im Golf von Neapel, die etwas weniger bekannt ist als die anderen beiden, Capri und Ischia.

Procida ist die sonnengeküsste Insel, auf der "Il Postino" (Der Postmann) gedreht wurde, und an diesem idyllischen Ort zu sein, fühlt sich an, wie an einem Filmset zu sein. Die meisten Inselbewohner würden dies am liebsten geheim halten. "Wir sagen Touristen, dass sie nach Capri reisen sollen", erzählte ein Einwohner.

Zu Gast beim Jubiläum der "Banda Musicale Città di Procida"

Francesco war bereits vertraut mit meiner Musik. Sein Blasorchester, die Banda Musicale Città di Procida, hatte einige meiner Werke bereits aufgeführt und nun wollte das Orchester, dass ich bei seinem 35. Jubiläum als Gastdirigent zugegen bin. Ohne zu zögern nahm ich die Einladung an. In der Vergangenheit hatte das Orchester bereits mit berühmten Kollegen wie Eugene Corporon, Lorenzo Della Fonte und Timothy Reynish gearbeitet.

Wir entschieden uns für ein komplett italienisches Programm mit Giacomo Puccini als Mittelpunkt, um Musik an einem Ort zu spielen, an dem sie ursprünglich geschrieben und von dem sie inspiriert wurde. Das allein schien mir schon mehr als perfekt, doch ich konnte ja nicht ahnen, dass die Erfahrung auf dieser bezaubernden Insel meine persönliche Ruhmeshalle "Favorite Musical Gigs of All" Time bereichern würde.

Wie eine Reise in die Vergangenheit

Und dafür gibt es mehrere Gründe. Es mag seltsam und irrelevant klingen, aber ich konnte nicht anders als zu merken, dass jeder glücklich war. Procida ist eine eng verbundene Gemeinschaft von 10 000 Menschen, in der sich Kinder unter wachsamen Augen von älteren Bewohnern frei bewegen können, wo das Meer wie zerstoßene Diamanten funkelt und wo die Bewohner wie Könige die örtlichen Delikatessen genießen.

Wir hatten das Gefühl, durch eine Tür zu treten und in eine Zeit zurückzureisen, die Dekaden zurückliegt und in der die Leute ihre Türen nicht verriegelten, in der sie sich umeinander kümmerten und jeden liebten.

Als meine Frau Dyan und ich in der Nähe der Fähranlegestelle darauf warteten, abgeholt zu werden, als wir den Wellen lauschten und einen Aperol Spritz genossen, hörten wir eine Maschine langsam lauter werden und näherkommen. Bald schoss ein Motorroller um die Ecke und kam quietschend zum Stehen.

Giuseppe, der Präsident der Band, sprang ab, lächelte über das ganze Gesicht und schüttelte uns herzlich die Hände. "Lasst uns was essen gehen!", sagte er und führte uns zu einem kleinen Restaurant am Hafen, in dem wir ein ausgiebiges Mahl hatten. Danach rief er uns ein Taxi und nach ein paar Minuten waren wir in unserem Hotel.

Interessanterweise wechselte kein Geld den Besitzer. Ein Nicken und Lächeln dem Taxifahrer gegenüber reichte. Überhaupt scheint hier jeder mit jedem befreundet zu sein und sich am Glück der anderen zu beteiligen.

Unser großzügiges Hotelzimmer in der Casa sul Mare verfügte über breite Fensterläden, die sich zu einer gefliesten Terrasse mit Blick auf den Hafen hin öffneten. Das Hotel schmiegte sich mit vielen anderen bunten Gebäuden an die Klippen in der Altstadt. Von der Terrasse aus konnten wir den Probenraum sehen, eine hellgelbe Kirche, die wie ein Leuchtturm am Meer aufragte.

Proben wie am Filmset

Mit wenigen Ausnahmen war jeder bei den Proben anwesend. Selbst die Proben fühlten sich wie ein Filmset an. Die Kirche, heute als Kulturzentrum genutzt, befand sich in der Nähe des alten Gefängnisses, das angeblich Gefangenen Hoffnung geben sollte, wenn die die Kirche von ihren eisernen Gitterfenstern aus sehen konnten. Aber die weiß gestrichenen, hohen Wände der Kirche machten den Raum übermäßig akustisch.

Ich musste Musiker ermutigen, weicher zu spielen. Das war besonders für einige der jüngeren, begeisterten Blechbläser nicht einfach.

Die ganze Stadt schien sich am Konzert zu beteiligen; es waren nur noch Stehplätze zu ergattern, die Kirchenbänke der prächtigen Kirche des heiligen Michael aus dem 17. Jahrhundert quollen über. Der Erzengel kam einst vom Himmel herab, um die Insel vor Piraten zu schützen. Das gab mir die Hoffnung, dass er unser Konzert vor schlechter Akustik bewahren würde.

Ein himmlisches Konzert

Das – überwiegend – Puccini-Konzert fühlte sich fast heilig an. Das Licht war gedämmt und schimmerte golden von den Kronleuchtern. Die melodiösen Eröffnungsakkorde von Puccinis "La Fanciulla del West" schienen in der Abtei aufzusteigen, als die Musiker sich zum Anlass erhoben. Die Akustik war brillant.

"Echoes of San Marco" erfordert ein komplexes Timing und zwei Blechbläserquartette hinter den Kulissen, aber es war makellos. Während des "Te Deum" aus Puccinis "Tosca" stellte ich mir Scarpia vor, der durch das Seitenschiff zum Altar schreitet. Der Applaus kannte keine Grenzen, so wenig wie mein Stolz, in diesem herrlichen Umfeld mit diesen höchst tüchtigen Musikern zu spielen.

Italiener und das Essen

In den Tagen vor dem Konzert wurden wir mit frischem Hummer und hausgemachter Pasta verwöhnt, die oft mit Greco di Tufo, einem neuen Lieblings-Weißwein und flaschenweise Prosecco, den meine Frau wie Wasser trank, heruntergespült wurden.

Während unserer Mahlzeiten sprachen unsere großherzigen und geselligen Gastgeber Francesco und Giuseppe oft über Musik – doch früher oder später drehte sich die Unterhaltung um das Essen. Beide gaben zu, dass Italiener oft in hitzige Diskussionen über die Feinheiten der Zubereitung von Speisen geraten und welche Zutaten besser schmecken und warum. Es ist fast eine Gewohnheit.

Nach stundenlangen Gesprächen und Erwähnung aller Details darüber, welche Melanzana (Aubergine) die bessere sei, würde jemand den Diskurs mit einer Äußerung beenden, einer Art verbaler Waffenruhe, die so befriedigend ist, dass beide Debattierer damit leben können. Die schlüssige Erklärung aller Geschmacksunterschiede der in Italien angebauten Dinge: "Es muss am Wasser liegen."

Es muss am Wasser liegen…

Woran lag es nun, dass das Konzert so wunderbar klappte? War es die Musik Puccinis, die in dessen Heimatland gespielt wurde? War es die Orchesterversion beliebter neapolitanischer Volkslieder, arrangiert vom Holländer Anthony Fiumara, die Inspiration von Giovanni Gabrieli, der das Kernstück meiner eigenen "Echoes of San Marco" bildet?

War es der Gemeinschaftssinn und die Leidenschaft für Musik, die diese Kirche erfüllten? War es die Kathedrale, die so großartig und voller Geschichte ist, dass sie ein Museum an sich ist?

War es die tiefe Verbundenheit der Musiker, die sich einander jahrelang kennen und miteinander spielen, die es zu einer himmlischen Erfahrung machten? Ich werde es nie erfahren. Meine einzige Theorie: "Es muss am Wasser liegen."

P.S.: Ich wurde für das Frühjahr 2019 wieder nach Procida eingeladen, wenn die Osterfeierlichkeiten, eine wichtige Tradition der Insel, mit einer aufwendigen religiösen Prozession und ähnlichen Festen verbunden sind. Ich kann es kaum erwarten!

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