Der fliegende Holländer: 30 Jahre »The Lord of the Rings«

Es ist mitten im Sommer, wenn ich diese Zeilen schreibe, draußen ist es drückend warm. Ihr Fliegender Holländer hat Urlaub und wird endlich für ein paar Wochen auf dem Boden bleiben.

2018 – was war das bis jetzt für ein Jahr! In der ersten Jahreshälfte gab es eine Achterbahn von Ereignissen mit dem 30. Jahrestag meiner ersten Komposition, der Symphony No. 1 »The Lord of the Rings«. In den verschiedenen Fachzeitschriften und sozialen Medien wurde diesem Meilenstein schon viel Aufmerksamkeit geschenkt, doch ich möchte noch einige persönliche Überlegungen mit Ihnen teilen.

Konzert mit der United States Marine Band

Das Jubiläumsjahr begann mit einem Konzert der renommierten United States Marine Band »The President’s Own« in Washington, D.C., wo ich die ehrenvolle Einladung erhielt, meine Sinfonie zu dirigieren. Was für eine großartige Erfahrung war das!

Ich hatte nur zweimal eine Stunde Probenzeit, aber das war mehr als genug. Dieses Orchester ist von solch einer unglaublichen Klasse: ein wunderschöner, klarer und transparenter Klang, perfekte Balance in allen Registern, makellose Intonation – ich musste kaum etwas korrigieren.

Ich war ziemlich nervös vor der ersten Probe, aber dieses Gefühl war innerhalb von fünf Minuten verschwunden. Die Musiker waren sehr loyal und es hat viel Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten.

Eine nette Hilfe war, dass bestimmt sechs Orchestermitglieder zu mir kamen, um mir zu sagen, dass sie damals die Sinfonie in ihrer Highschool-Band gespielt hatten und dass dies der entscheidende Grund für sie gewesen war, ihr Hobby Musik zum Beruf zu machen. Das ist natürlich fantastisch und es erfüllt mich mit Stolz und Zufriedenheit, zu hören, dass meine Musik viele Menschen inspiriert. Das Orchester feiert in diesem Jahr seinen 220. Geburtstag.

Es ist in einem gigantischen Komplex in Washington untergebracht. Die Wände dort sind voll von schönen historischen Fotografien seiner glorreichen Vergangenheit, Porträts von Gastdirigenten wie Leonard Bernstein oder John Williams und Manuskripten berühmter Märsche von John Philip Sousa, der von 1880 bis 1892 Dirigent der Marine Band war.

Das gesamte Konzert wurde professionell aufgenommen und kann auf YouTube angesehen und angehört werden:

Konzert mit dem Großen Harmonieorchester der Belgischen Gidsen

Das nächste wichtige Ereignis im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums war das Konzert mit dem Großen Harmonieorchester der Belgischen Gidsen in Sittard. Auch das wurde eine tolle Party! Genau 30 Jahre später, das gleiche Orchester, derselbe Dirigent Norbert Nozy und das gleiche Programm.

Viele Freunde und Bekannte sowie diverse führende Persönlichkeiten aus der niederländischen und belgischen Blasmusikwelt waren vor Ort und es war eine wahre Wiedervereinigung.

Das originale Manuskript

Denken Sie daran: Das alles begann 1982 mit den ersten vagen Ideen, ein großartiges Werk für Blasorchester zu schreiben. Zu dieser Zeit gab es noch keine Notationsprogramme wie Finale oder Sibelius, die wir heute nutzen. Alles ging einfach mit Bleistift und Papier.

Ich habe die ganze Sinfonie in einem ordentlichen Manuskript notiert – sowohl die Partitur als auch die einzelnen Stimmenauszüge. Und einen großen Stapel mit Skizzen und separaten Notizen, die ich alle sorgfältig aufbewahrt habe.

Es schien eine gute Idee zu sein, einen geeigneten Platz für dieses Originalmanuskript zu suchen, damit die nächsten Generationen es studieren und ansehen können. Bei der Suche danach landete ich schließlich an der Marquette University in Milwaukee, Wisconsin. Sie haben eine beeindruckende Sammlung von Originalmanuskripten und Erstausgaben von J. R. R. Tolkien, dem Autor von »Der Herr der Ringe«, »Der Hobbit« und vielen anderen Werken.

Nach einigen E-Mails wurde beschlossen, alle Manuskripte – die Partitur, alle Stimmen und alle Skizzen – in der Universitätsbibliothek aufzubewahren. Ich habe es nicht gewagt, die Originale per Post oder Kurier zu schicken. Stellen Sie sich vor, sie würden verlorengehen! Dieses Material kann nicht ersetzt werden, auch nicht mit Fotokopien. Also habe ich nach Rücksprache entschieden, alles in einen Koffer zu packen, um es höchstpersönlich zur Universität zu bringen.

Es wurde mir ein sehr netter Empfang bereitet und ich hatte Gelegenheit, mit den Archivaren zu sprechen. Ich hielt auch einen Vortrag für eine Reihe von Musikstudenten der Universität. Von nun an können die Manuskripte dort besichtigt und studiert werden – aber Sie müssen dafür nach Milwaukee reisen.

Rückkehr nach Mittelerde nach 30 Jahren

Auch mein letztes großes Werk, die Symphony No. 5 »Return to Middle Earth«, wurde von Mittelerde inspiriert, der bezaubernden mythologischen Welt von Tolkien. Obwohl es einige thematische Verweise auf die erste Sinfonie gibt, handelt es sich nicht um eine Fortsetzung, sondern um ein gänzlich eigenständiges Werk.

Dieses Mal spielen eine Solosopranistin sowie ein gemischter Chor eine wichtige Rolle: Sie singen in Ilkorin, einer der Elbsprachen aus Mittelerde. Auch die Orks und anderes Gesindel werden besprochen, aber die bedienen sich nur an rauen Schreien aus ihrer eigenen Sprache, auch »schwarze Sprache« genannt.

Die Sinfonie wurde vom Middle Earth Consortium Project, organisiert von der Valparaiso Universität in Valparaiso, Indiana (USA), in Auftrag gegeben. Die Uraufführung findet am 3. November 2018 unter meiner Leitung statt, mit der ersten Sinfonie vor der Pause. Für 2019 sind weitere Premieren unter anderem in Singapur, Japan und Europa geplant. Das bedeutet wieder viele Reisen!

Der Komponist und Dirigent Johan de Meij verbringt eine Menge Zeit damit, um den Globus zu reisen und seine eigene Musik zu dirigieren. In dieser zweimonatlichen Kolumne berichtet er über seine jüngsten musikalischen Erfahrungen.

  • 23.10.2018
  • Szene
  • Johan de Meij
  • Ausgabe: 10/2018
  • Seite 46-47

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