Der Bostoner Solistenverbund

  • 10.11.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurden in Europa die finanziellen und technischen Mittel knapp. Der Komponist Igor Strawinsky (1882 bis 1971) reagierte darauf und stellte mit Freunden in der Schweiz ein eigenes kleines Wandertheater auf die Beine. Ein Erzähler, zwei Schauspieler, eine Tänzerin und sieben Musiker mussten genügen.

Strawinskys "Geschichte vom Soldaten"

Für sie komponierte er die "Geschichte vom Soldaten", eine Art Melodram, das in Text und Musik den kulturellen Kahlschlag des Krieges thematisiert – Melodie und Harmonie sind beschädigt, Moral und Tradition zerbrochen. Strawinskys Musik verfremdet populäre Formen wie Marsch, Tango, Walzer, Ragtime und Choral, der Zusammenklang ist karg und holzschnittartig, das Ensemble eine Versammlung von Einzelstimmen, die Musik eine bittersüße Parodie und eine kleine Revolution. "Unüberhörbar sind die Elemente des Jazz", schreibt der Kritiker Heinz Becker und nennt den Jazz sogar die "stilprägende Kraft" dieser Musik. Vier Bläser und ein Perkussionist dominieren das Klangbild.

Die "Geschichte vom Soldaten" wurde ­eines von Strawinskys populärsten Werken – auch wegen des anschaulichen Bühnentextes. 1975, vier Jahre nach dem Tod des Komponisten, veröffentlichte die Deutsche Grammophon eine Neuaufnahme des Stücks, bei der die deutsche Textversion von drei damals prominenten Theaterschauspielern gesprochen wurde: Boy Gobert, Kurt Meisel, Peter Striebeck.

Die Boston Symphony Chamber Players

Für die Musikeinspielung, die schon 1972 entstand, waren die Boston Symphony Chamber Players zuständig, eine 1964 gegründete Formation, die noch heute besteht. Führende Solisten des Boston Symphony Orchestra arbeiten in diesem Ensemble auf kammermusikalischer Ebene zusammen. Der Kern des Ensembles umfasst rund zehn Musiker, die bei Bedarf weitere Orchesterkollegen hinzurufen.

Die Bläser bei der Aufnahme von 1972 waren Trompeter Armando Ghitalla (1925 bis 2001), Klarinettist Harold Wright (1926 bis 1993), Fagottist Sherman Walt (1923 bis 1989) und Posaunist William Gibson (1916 bis 2002).

Noch im Jahr 1975 präsentierten die Boston Symphony Chamber Players ein zweites Album mit Kammermusik von Strawinsky. Die Werke darauf reichen vom Ragtime für elf Instrumente (1918), der Strawinskys frühe Beschäftigung mit dem Jazz reflektiert, über das "neoklassische" Oktett (1923), das Pastorale und das Concertino für zwölf Instrumente (beides Bearbeitungen früherer Arbeiten) bis hin zum Septett (1953), dessen Komposition von der Zwölftonmusik beeinflusst ist.

Wieder sind gleich mehrere der hervorragenden Bostoner Solobläser beteiligt – im Ragtime sind es fünf, im Oktett acht, im Pastorale vier, im Concertino zehn und im Septett drei. Vor allem Harold Wright und Sherman Walt kommen häufig zum Zuge, denn Strawinsky, der Sardoniker der Klangfarbe, setzte Klarinette und Fagott gerne auch für bizarr-parodistische Effekte ein. Das Album "Chamber Music" enthält einige der lustvollsten und unterhaltsamsten Bläserstellen im Werk von Strawinsky.

Eine Hommage an den Ragtime

Der "Geschichte vom Soldaten" klanglich und stilistisch am nächsten steht natürlich der Ragtime von 1918. Die Besetzung ist praktisch ein erweitertes "Soldaten"-Ensemble – mit Horn und Flöte anstelle des Fagotts, mit zwei zusätzlichen Streichern und obendrein einem Cimbalom (Hackbrett), dessen Klangfarbe an ein Banjo oder Nagelklavier erinnern soll.

In der "Geschichte vom Soldaten" hatte Strawinsky noch versucht, die ungebärdige, synkopierte, "zerrissene" Phrasierung der Ragtime-Musik durch ständige Taktwechsel wiederzugeben. Der Ragtime für elf Instrumente dagegen ist – wie die Ragtime-Musik Amerikas – durchgängig im ⁴/₄-Takt gehalten. Das Melodische scheint dabei durch den Rhythmus gefesselt zu sein und befreit sich nur in kurzen Motivphrasen. Eine Hommage an den Ragtime, die fast eine Apotheose ist.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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