David Krakauer hat das letzte Wort

  • 18.11.2014
  • Das letzte Wort

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit »Musikpuristen« die Frage diskutierten: »Was ist in der jüdischen Tradition erlaubt?«
Ich bin mir nicht sicher, wann das war – wenn ich darüber überhaupt mal diskutiert habe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute, die an »puristischen« Meinungen festhalten, auch sinnvollen und respektvollen Dialogen aus dem Weg gehen. Diese Denkweise steckt in der Nostalgie und der Vergangenheit fest. Die liebe­vollste Auseinandersetzung mit der Kunst ist meiner Meinung nach die Veränderung, mit der etwas Neues geschaffen wird. Ich habe gefühlt immer einen Fuß in der Vergangenheit und einen in der Zukunft. Auf der einen Seite studiere ich sehr sorgfältig – um Klezmermusik zu lernen – die Aufnahmen der Klezmermeister aus dem frühen 20. Jahrhundert, Dave Tarras und Naftule Brandwein (etwa mein »Rosetta Stone«). Auf der anderen Seite lasse ich andere zeitgenössische Einflüsse zu. Und dies erlaubt mir, meinen eigenen Stil zu kreieren, meinen Klang und meine Kompositionen. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie verschlafen haben – obwohl New York ja die Stadt ist, die niemals schläft?
Ich wünsche, ich könnte mal verschlafen! Normalerweise wache ich immer schon vor dem Alarm auf. Aber ich liebe es, ein kurzes Nachmittagsnickerchen zu machen, wenn dafür Zeit ist. Es ist großartig, sich ein Stückchen Schlaf im richtigen Moment zu schnappen, wenn du ihn am dringendsten brauchst. Das ist der Vorteil von »flexibler Arbeitszeit«. 

Wann war das letzte Mal, dass Ihnen die Unterschiede von Amerikanern und Europäern deutlich wurden?
Jedes Mal, wenn ich nach Europa fliege, stelle ich unglaublich viele kulturelle Unterschiede fest. Generell würde ich sagen, tendieren Europäer dazu, die Zeit mehr zu nutzen, das Leben zu genießen, als Amerikaner. Und ich liebe das! 

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Krakau waren?
Ich war vor ein paar Jahren dort und hoffe, im kommenden Sommer wieder zurückzukehren. Es ist die Stadt meines Namens und immer, wenn ich dort bin, kann ich die Leute in »meiner Stadt« willkommen heißen. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie an Sidney Bechet gedacht haben?
Ich denke jeden einzelnen Tag an ihn. Und das nicht nur, weil er so großartige Musik gemacht hat, sondern auch seine unglaubliche Leidenschaft und seine künstlerische Integrität inspirieren mich ständig.

Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, Arzt geworden zu sein wie Ihr Vater?
Das habe ich mir wirklich noch nie gewünscht. Meine Mutter war klassische Geigerin. Sie war also mein Vorbild, was meine Karrierepläne anging. Den Klang ihrer Violine höre ich ständig in meinem Kopf.

Wann war das letzte Mal, dass Sie von ­einem Ihrer Schüler mehr gelernt haben als der von Ihnen?
Ich hatte viele unglaublich talentierte Schüler über viele, viele Jahre. Und Unterricht ist für mich niemals Einbahnstraße, sondern immer sehr interaktiv. Ich lerne so viel dabei, den Schülern beim Lösen ihrer Probleme zu helfen – vor allem bei Themen, um die ich mich noch gar nicht gekümmert hatte. Das hilft mir stets, Wege zum besseren Spielen zu finden.

Wann war das letzte Mal, dass Sie geweint haben?
Ich habe kürzlich eine Sendung auf Arte ­gesehen, in der Daniel Barenboim Beet­hovens 9. Sinfonie dirigiert hat mit seinem fantastischen West-Eastern Divan Orchestra, in dem jüdische und arabische ­Musiker spielen. Dieser Auftritt war hin­reißend und das ganze Konzept ist unglaublich be­wegend. Beim langsamen Satz kamen mir die Tränen. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit Frank London auf die Klezmatics angestoßen haben?
Genau weiß ich das nicht mehr, aber Frank und ich laufen uns von Zeit zu Zeit hier und dort über den Weg. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Kollegen beneidet haben?
Wenn ich jemanden schön spielen höre, werde ich neidisch. Neid ist ein starkes Gefühl und ich denke, jeder hat damit schon mal zu kämpfen. Ich halte ständig Ausschau nach neuen Wegen. Wenn ein Kol­lege mit etwas auftaucht, was nicht mir eingefallen ist, werde ich immer ein bisschen nervös. Aber wie sagt man: »Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite.«

Wann war das letzte Mal, dass Sie ein Kino wegen der Musik verlassen haben?
Das ist mir noch nie passiert. Selbst wenn ich die Musik eines Films hasse, kann ich das ausblenden. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, in einem Spielfilm mitzuspielen?
Ich habe noch nie darüber nachgedacht, in einem Film mitzuspielen, der schon ab­gedreht war – ich träume immer davon, irgend­wann einmal eine kleine Rolle in ­einem Film zu spielen, die extra für mich geschaffen ist. Soweit ich das beurteilen kann, ist die Komödie die stärkste Kunstform überhaupt. Wenn ich die Rolle hätte spielen können, die Robin Williams so meisterhaft in »Good Morning Vietnam« gespielt hat, wäre das ein echter Nervenkitzel gewesen.

Seit rund 20 Jahren verfolgt David Krakauer (Jahrgang 1956) seine musikalische Vision als Brückenbauer zwischen jüdischer Tradition und deren Fortschreibung mit zeitgenössischen, modernen Mitteln – längst ist der New ­Yorker nicht nur einer der besten Klarinettisten, sondern der führende Ver­treter des Klezmer überhaupt. Sein Werk, angefangen bei seiner Zeit mit den Klezmatics, unterstreicht dabei sein umfassendes, aufgeschlossenes Verständnis seines kulturellen Erbes und sein vielseitiges künstlerisches Verständnis. Für »Checkpoint« hat er mit Ancestral Groove eine neue, so versiert wie inspiriert agierende Truppe aus ­neuen und alten Gesichtern formiert. 

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