Das Zwerchfell und die Bläser

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Das Zwerchfell ist ein ziemlich mysteriöser Körperteil. Kaum jemand hat ihn jemals gesehen, wir spüren ihn selten, er ist nur einige Millimeter dick – aber das Glück der Bläser soll von ihm abhängen.

Für Bläser ist das Atmen besonders wichtig. Das Einatmen, weil es Gehirn und Muskeln mit Sauerstoff versorgt. Das Ausatmen, weil es das Instrument zum Klingen bringt. Bläser sollten deshalb alles daran setzen, das Volumen ihrer Lungen möglichst groß zu machen. Merklich vergrößern lassen sich die Lungen nur in eine Richtung: nach unten, zur Bauchhöhle hin.

Das Zwerchfell: Trennung von Brust und Bauch durch einen Muskel

Und hier kommt das Zwerchfell ins Spiel. Das Zwerchfell – wörtlich: »Querhaut« (oder Diaphragma, etwa: »Trennwand«) –ist ein großer Muskel um eine Sehnenplatte herum. Er trennt den Brustkorb von den Organen im Bauchraum und ist nur durchlässig für einige Blutgefäße, Nerven und die Speiseröhre.

Durch die Trennung von Brust und Bauch wird es möglich, in den Lungen den Unterdruck zu erzeugen, der das Atmen erlaubt. Eine Entzündung oder ein Bruch des Zwerchfells kann daher lebensgefährlich sein – die Lunge selbst hat keine Muskeln. Bei den alten Griechen galt das Zwerchfell wohl nicht umsonst als der Sitz der Seele.

Was macht das Zwerchfell, wenn wir atmen?

Das Zwerchfell arbeitet ohne unser bewusstes Zutun: Wir atmen ganz nebenbei, auch im Schlaf. Wir tun dies, indem wir den Zwerchfellmuskel beim Einatmen kontrahieren, also zusammenziehen. Er drückt dann die Organe der Bauchhöhle nach unten und schafft auf diese Weise Platz für die Ausdehnung der Lunge.

Das Zwerchfell senkt sich dabei bis zur siebten Rippe hinab, der Oberrand der Leber verschiebt sich um mehr als fünf Zentimeter nach unten. Beim Ausatmen entspannt sich das Zwerchfell wieder – es steigt nach oben, hebt sich bis zur vierten Rippe hoch, die Bauchorgane drängen nach, die Lunge wird zusammengedrückt und entleert sich. Dann kann die Luft aus der Lunge durch Mund und Nase nach draußen strömen.

Die Zwerchfellatmung

Die Crux mit dem Zwerchfell ist: Bläser atmen beim Blasen ja nicht ein, sondern aus. Während sie sich also blasend anstrengen müssen, sollen sie gleichzeitig das Zwerchfell entspannen. Um dieses Paradox zu meistern, brauchen sie eine bewusste Atemtechnik, die beim Einatmen beginnt.

Das Ziel des Atemtrainings sollte sein, die Lungen beim Einatmen möglichst weit nach unten in den Bauchraum auszudehnen – man spricht von Bauch- oder Zwerchfellatmung. Man kann ihr nachhelfen, indem man den Bauch locker vorwölbt, die Schultern fallen lässt, den Körper aufrecht hält, bequem steht.

Manche empfehlen als Trockenübung ein Einatmen gegen Widerstand – etwa im Liegen mit einem Stapel Bücher auf dem Bauch. Beim Ausatmen kann man dann die entspannte Hebung des Zwerchfells unterstützen, indem man den Bauch einzieht. Es ist letztlich aber der Versuch, einen Muskel, der dem Einatmen dient, beim Ausatmen zu manipulieren.

Atemstütze

Bläser brauchen fürs Instrument einen gleichmäßigen, dauerhaften, verdichteten Luftstrom – mit starkem Druck für hohe Töne oder mit viel Volumen für tiefe Töne. Die Technik, die dieses gesteuerte Ausatmen kontrollieren soll, ist die berüchtigte und umstrittene »Atemstütze«. Die Sänger nennen sie »Appoggio«.

Hier nähern wir uns vollends der Quadratur des Kreises. Denn das Zwerchfell und andere Muskeln, die dem Einatmen dienen, sollen doch tatsächlich für die Dosierung des Ausatmens herhalten! Das »Erlernen« dieser Atemstütze mit angespanntem Bauch hat schon zahllose Blasinstrument-Anfänger an den Rand der Verzweiflung gebracht.

Der erfahrene Flötenprofessor Werner Richter (1924 bis 2010) meinte dagegen: »Die Atemstütze ist mehr ein Körpergefühl und eine innere Einstellung als eine erlernbare Technik. Sie ist kein Zustand, sondern sie beruht auf Aktion.« Fragt sich nur, ob dieser kluge Hinweis einem Anfänger letztlich wirklich weiterhilft.

  • 05.12.2019
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 11/2019
  • Seite 20

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