Das Trompetenkonzert

Anton Weidinger (Foto: Alchetron)

Erst im 16. Jahrhundert entdeckte man, dass Trompeten nicht nur für Jagd- und Militärsignale taugen. Man kann auf ihnen doch tatsächlich »richtige« Musik machen!

Das Clarinspiel auf der Trompete

Der italienische, in Wien und München tätige Trompeter Cesare Bendinelli (1542 bis 1617) soll es gewesen sein, der für die vierte Oktave auf der Trompete den Begriff »Clarino« geprägt hat. In diesem Register liegen die Naturtöne nahe genug beieinander, um mit ihnen schöne Melodien bilden zu können.

Allerdings kann die Naturtrompete in dieser Höhe nicht mehr schmettern – sie zwitschert eher, so wie eine Pikkoloflöte. Dieses kunstvoll-zierliche Clarinspiel (vom 8. Naturton aufwärts) wurde zu einer eigenen Disziplin, ihre Virtuosen waren vom lauten Fanfarenblasen befreit.

Etwa von 1630 bis 1780 entstanden Hunderte virtuoser Konzerte für die Clarintrompete, vor allem durch Komponisten aus Italien (Corelli, Torelli, Vivaldi) und Deutschland (Biber, Telemann, Fasch). In Einzelfällen hat man auch Oboenkonzerte großer Meister (Albinoni, Händel) für die Clarintrompete adaptiert.

Das Instrument der Könige wurde zur Königin der Instrumente. (Auch der junge Mozart soll 1762 ein Trompetenkonzert präsentiert haben, und zwar für einen talentierten Knaben oder Jugendlichen – es gilt als verschollen. Aus dem gleichen Jahr stammt das Trompetenkonzert seines Vaters Leopold, das auffällig »leicht« gehalten ist. Sind die beiden womöglich identisch?)

Schwerpunkt des Trompetenkonzert-Repertoires

Die zahlreichen barocken und früh­klassischen Werke bilden noch immer den Schwerpunkt im Trompetenkonzert-Repertoire. Heute spielt man sie meistens auf der hohen Ventiltrompete (Piccolotrompete).

Zu den beliebtesten dieser Clarin-Konzerte gehören die von Telemann, Fasch und Molter. Noch beliebter ist eines, das nominell gar keines ist: das 2. Brandenburgische Konzert (1721) von Johann Sebastian Bach. Es ist eines der schwierigsten, nicht nur wegen des klingenden g³ im ersten Satz.

Die »Weltrekordhöhe« hält indes das 1. Trompetenkonzert in D-Dur (ca. 1768) von Michael Haydn: ein klingendes a³. Sein 2. Trompetenkonzert in C-Dur (1763) ist ein weiterer Höhepunkt der barocken Trompenkonzert-Literatur – mit großen Intervallsprüngen und vielen hohen Tönen. Trompetenkenner Friedel Keim nennt es »das virtuoseste Werk, das wir kennen«.

Meilenstein der Trompetenkonzerte: Anton Weidingers Klappentrompete

Dann aber setzte Michael Haydns älterer Bruder Joseph den größten Meilenstein: Er schrieb für Anton Weidingers Klappentrompete, eine Vorläuferin der Ventiltrompete, sein Konzert in Es-Dur (1796). Joseph Haydns Schüler Johann Nepomuk Hummel tat es ihm nach und lieferte Weidinger ein E-Dur-Konzert (1803).

In diesen beiden Konzerten wird die Trompete zu einem neuen Instrument – sie tummelt sich nicht nur in der Höhe, sondern meistert endlich chromatische Melodien in allen Tonlagen, klingt weich in mittlerer Lage (Haydn!) und resolut in den Tiefen (Hummel!).

Kurz danach wurde die Ventiltrompete erfunden, und man sollte denken, eine Blütezeit der Trompetenkonzerte sei angebrochen. Aber weit gefehlt! Das 19. Jahrhundert schätzte zwar die »neue« Trompete für ihre Vielseitigkeit im Orchester, aber seine Zuneigung gehörte vielmehr dem Horn und der Klarinette. Die Werke von Haydn und Hummel blieben Solitäre. Sie sind noch heute die meistgespielten Trompetenkonzerte auf internationalen Bühnen.

Einflüsse des Jazz im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert hat der Jazz schließlich die Emanzipation der Trompete vollzogen. Nahezu alle Trompetenkonzerte, die nach 1900 entstanden sind, wurden ein Stück weit vom Jazz beeinflusst und inspiriert.

Unter den bekanntesten sind Konzerte von André Jolivet (1948 und 1954), Henri Tomasi (1948), Alexander Arutjunjan (1950), Alfred Desenclos (1953), Bernd Alois Zimmermann (1954), Wilhelm Killmayer (1977), Harrison Birtwistle (1987) und Peter Maxwell Davies (1988).

Zimmermann hatte ursprünglich den Auftrag, ein Klavierkonzert zu schreiben. Es heißt, er habe den Auftraggeber überzeugen können, dass es schon zu viele Klavierkonzerte gibt und zu wenige Trompetenkonzerte.

  • 02.10.2019
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 10/2019
  • Seite 49

« zurück