Das Tárogató

Foto: Arent (CC BY-SA 3.0)

Kurz vor dem Jahr 900 sollen die Magyaren ihr Land erobert haben. Zur 1000-Jahr-Feier Ungarns entstand 1896 das moderne Tárogató – ein Nationalsymbol.

Die europäischen Schalmeieninstrumente im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sind durchweg von der Zurna, der islamischen Oboe, inspiriert. Im Westen waren es die Araber, auf dem Balkan die Osmanen, die die Zurna nach Europa brachten.

Symbol ungarischer Selbstbehauptung

Auch ein großer Teil Ungarns war rund 150 Jahre lang (von ca. 1530 bis ca. 1680) von den Türken besetzt. Nach dem Vorbild der türkischen Zurna entstand damals in Ungarn das Tárogató, auch »Töröksíp« (Türkenpfeife) genannt – eine Schalmei mit doppeltem Rohrblatt, laut und durchdringend im Ton, rund 35 cm lang, oben zylindrisch, unten konisch gebohrt. Frühe Exemplare waren noch ohne Grifflöcher.

Als die Truppen der Habsburger die Osmanen endlich zurückdrängten und ihrerseits Ungarn besetzten, wurde das Tárogató zum Symbol ungarischer Selbstbehauptung. Schon bei der Krönung von Leopold I. zum ungarischen König (1655) soll das Instrument eine wichtige Rolle gespielt haben.

Auch beim sogenannten Kuruzenaufstand gegen die Habsburger (1703 bis 1711) war der schrille Klang des Tárogatós identitätsstiftend. Man nannte es seitdem auch die Rákóczi-Pfeife – Ferenc Rákóczi war der Anführer des Aufstands. Die Österreicher haben nicht nur diesen Aufstand niedergeschlagen, sondern danach auch das symbolträchtige Tárogató verboten – die Autonomiebestrebungen der Ungarn sollten keine Stimme mehr haben.

Als das ungarische Nationalbewusstsein im 19. Jahrhundert neu an Kraft gewann, war das Tárogató nur noch eine alte Legende. Die letzten erhaltenen Instrumente hat man fürs Museum eingesammelt.

Im Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 wurde den Ungarn endlich eine Teil-Autonomie zugebilligt. Damals kam die Idee auf, das ungarische Nationalinstrument Tárogató wieder zu bauen oder neu zu erfinden.

Schundas Neuentwicklung: Kombination aus Oboe, Klarinette und Fagott

Einer, der sich daran versuchte, war der Budapester Geigenbauer Vencel Jószef Schunda (1845 bis 1923), der auch das moderne Cimbalom entwickelt hat. Weil der durchdringende Ton des alten Tárogatós nicht mehr so recht in die Klangwelt des 19. Jahrhunderts passte, hat Schunda die ursprüngliche Schalmei immer weiter modifiziert.

Am Ende landete er bei einem klarinettenartigen Instrument, das beim Überblasen aber in die Oktave springt. Das Griffsystem war der damaligen Konzertoboe nachgebildet. Manche nennen Schundas modernes Tárogató mit einfachem Rohrblatt eine Mixtur aus Saxofon und Englischhorn.

Schunda selbst schrieb: »Ich brachte ein Mundstück an, das dem der Klarinette ähnelt, und so viele Klappen, dass die chromatischen Töne leicht spielbar wurden. Das Instrument wurde größer und bauchiger. Nun ist es beinahe wie eine Kombination aus drei Instrumenten: Oboe, Klarinette und Fagott.«

Das Tárogató vom 20. Jahrhundert bis heute

Der wichtigste frühe Tárogató-Hersteller (bis 1917) hieß János Stowasser – er bot das  Instrument in sieben Baugrößen an. Am gebräuchlichsten war das Sopran in Bb, rund 70 Zentimeter lang. Es klingt weicher als ein Sopransaxofon und springt nicht so leicht ungewollt in die Oktave – angeblich dank einiger kleiner Löcher in der Stürze.

Gustav Mahler soll das Instrument an der Budapester Oper in Wagners »Tristan und Isolde« als »Tristanschalmei« verwendet haben. Durch einen Musiker namens Luţă Ioviţă kam das »hölzerne Saxofon« 1910 auch nach Rumänien.

Dort und in der Slowakei ist es noch heute bei Gypsykapellen sehr beliebt – als leicht zu spielende Alternative zur Klarinette. Meist hört man das Tárogató dabei mit breitem Vibrato.

In Ungarn war das Instrument nach 1945 verpönt – heute gibt es dort immerhin wieder ein halbes Dutzend ernsthafter Hersteller. Auch in der Jazzwelt ist das Instrument auf Interesse gestoßen. Einige berühmte Saxofonisten wie Peter Brötzmann, Charles Lloyd, Joe Lovano und Evan Parker spielen das »ungarische Saxofon« als Nebeninstrument.

  • 17.01.2020
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 12/2019
  • Seite 41

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