Das Saxofon-Altissimo

Der klassische Saxofonvirtuose Sigurd Raschèr war stolz auf seine vier Ok­taven Tonumfang. Sein Konkurrent Marcel Mule hielt davon gar nichts. 

Erweiterung des Tonumfangs durch Experimentieren

Für sein Studium der Klarinette wollte sich Sigurd Raschèr (1907 bis 2001) in einer Tanzband etwas dazuverdienen. So geriet er 1928 an das Mode-Instrument Saxofon, von dem er kaum eine Ahnung hatte. »Das gründliche Fehlen jedes Wissens, was auf dem Saxofon möglich ist und was nicht, gab mir das Bedürfnis, alles auszuprobieren, wie unwahrscheinlich es auch schien.« 

Schon 1932 hatte Raschèr durch Experimentieren den Tonumfang seines Saxofons von den üblichen zweieinhalb Oktaven auf dreieinhalb erweitert. 

Damit gewann er auch seriöse Komponisten für das Instrument. Glasunow musste die Solokadenz seines Saxofonkonzerts (1934) auf Raschèrs Drängen sogar im Altissimo-Register noch erweitern. Frank Martin machte in seiner »Ballade« (ca. 1939) ebenfalls von fast vier Oktaven Tonumfang Gebrauch. 

1937 veröffentlichte Raschèr eine erste Finger­satztabelle für die Saxofontöne des erweiterten Umfangs, also oberhalb des notierten hohen F. 1941 erschien seine Höhen­schule »Top Tones for the Saxo­phone«, die den vollen Vier-Oktaven-Tonumfang versprach. 

Skepsis und Kritik

Raschèrs großer Konkurrent Marcel Mule (1901 bis 2001), der am Saxofon eher das »Sangliche« schätzte, begegnete diesem Höhenrausch skeptisch. Auch den Kom­ponisten Jacques Ibert hatte Raschèr dazu gebracht, in sein »Concertino da Camera« (1935) die »Top Tones« einzubauen – Mule aber versuchte, es seinem Freund Ibert wieder auszureden. 

»Ich führte das Werk ohne die Altissimo-Töne auf, nachdem ich zu Ibert gesagt hatte, dass ich es nur auf diese Weise spielen würde«, erzählte Mule. »Er sagte, er akzeptiere das, er bestehe nicht auf den hohen Tönen. 

Monsieur Raschèr äußerte mir sein Missfallen darüber. Ibert hatte zwar nichts dagegen, wenn jemand sein Werk mitsamt der hohen Töne aufführen wollte, aber sie waren bei einem öffentlichen Auftritt keineswegs obligat. Jede Hochton-Passage im ›Concertino‹ ist mit ›ad libitum‹ bezeichnet. Bei meinem Auftritt in Elkhart [Indiana, 1958] nahm ich mir aber die Freiheit, einige dieser hohen Töne zu spielen.«

Raschèrs Methode: Top-Tones for Saxophone 

Sigurd Raschèrs »wissenschaftliche« und »systematische« Methode, den Tonumfang des Saxofons nach oben zu erweitern, beruht auf dem Prinzip der Obertöne. Selbst auf einem Saxofonkorpus, der gar keine Tonlöcher habe, könne man 15 Obertöne hervorbringen, sagte Raschèr. Schon Adolphe Sax, der »erste Saxofonist«, habe drei volle Oktaven beherrscht. 

Eine der Übungen in Raschèrs Buch »Top Tones for the Saxophone« besteht darin, das no­tierte tiefe B zu greifen und dabei den dritten Teilton (die Duodezime) zu blasen, das notierte F der zweiten Oktave – und zwar ohne die Oktavklappe einzusetzen. »Ohne zu drücken geht’s am besten; der Ton kommt ganz leicht. Manchmal sprechen verschiedene Töne an; das erlaubt uns eine Wahl zu treffen!« 

In der letzten Übung des Buches sind auf den fünf tiefsten ­Tönen des Saxofons sogar jeweils die Obertöne 4 bis 12 zu spielen. Allerdings klingen manche dieser natürlichen Obertöne gegenüber der gleichmäßigen Temperatur »verstimmt«.

Besondere Fingersätze

Um die richtig temperierten hohen Töne zu treffen, entwickelte Raschèr schon in den 1930er Jahren die besonderen Fingersätze, die er seine ganze Karriere lang beibehielt. Allerdings verlangen die »Top Tones« über dem hohen F neben gutem Ansatz und ­guter Atemtechnik auch eine lebhafte Tonvorstellung, ein inneres Ohr: Wir müssen den hohen Ton zuerst »denken« bzw. in uns »hören«, bevor wir ihn auf dem Instrument hervorbringen. 

Die Beherrschung des Altissimo-Registers könne, so schrieb Raschèr in den 1930er Jahren, durchaus einige Jahre Übung beanspruchen. Doch die Anstrengung lohnt sich auf jeden Fall. Raschèr meinte: »Sogar für einen Spieler, der nicht vorhat, später auch nur einen einzigen Ton über dem hohen F zu spielen, gibt es keine bessere Schulung, durch welche er saubere Tongebung und Stimmung entwickeln kann, als jeden Tag ein paar Obertöne zu spielen.«

  • 19.12.2018
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 11/2018
  • Seite 38

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