Das Rohrblatt-Chamäleon

  • 03.06.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Das erste Rohrblatt-Quintett der Welt

Die englische Tageszeitung "The Times" sprach vom wahrscheinlich "besten musikalischen Format auf diesem Planeten". Gemeint war die Besetzung des Calefax Reed Quintet, des "weltweit ersten Rohrblatt-Quintetts".

Anders als beim klassischen Holzbläserquintett, zu dem mit Horn und Flöte auch zwei Instrumente ohne Rohrblatt gehören, sind die Musiker von Calefax tatsächlich alles Rohrblattbläser. Das Ensemble besteht aus zwei Instrumenten mit doppeltem Rohrblatt (Oboe und Fagott) und drei Instrumenten mit einfachem Rohrblatt (Saxofon, Klarinette, Bassklarinette), dazu kommen Alternativen wie Englischhorn, Oboe d'amore, Bassetthorn oder verschiedene Saxofongrößen.

Es ist eine zwar ausschließliche, aber dennoch differenzierte Rohrblatt-Besetzung. Das erlaubt zwar eine klangliche Geschlossenheit, die einem Streichquartett oder Saxofonquartett nahekommt, aber andererseits auch Möglichkeiten klarer Kontrastierung in Timbre und Farbe – je nach Wunsch und Arrangement. Genau diese Flexibilität demonstriert das Ensemble Calefax seit 1985.

Durch Zufall entstanden: Das Calefex Reed Quintet

Die ungewöhnliche Instrumentierung entstand durch einen Zufall. Vier junge Holzbläser eines niederländischen Schulorchesters bekamen Kontakt zu dem Komponisten Willem van Manen und baten ihn mutig um eine Komposition. Van Manen erfüllte ihnen tatsächlich diesen Wunsch, schrieb aber noch eine fünfte Stimme dazu – für Klarinette. Das Rohrblatt-Quintett, sagt die Band, war also eigentlich van Manens Idee.

In der Anfangsformation von Calefax wechselte einer der fünf Musiker noch zwischen Saxofon und Bassklarinette. "Als er die Gruppe verließ, mussten wir uns entscheiden, ob wir ihn durch einen Saxofonisten oder durch einen Bassklarinettisten ersetzen", sagt Alban Wesly, der Fagottist. Die Wahl fiel dann auf die Bassklarinette – "und erst dann ging es richtig voran mit Calefax".

Grenzenloses Repertoire

Das Repertoire der fünf Niederländer kennt kaum Grenzen: Ihre Transkriptionen reichen von Renaissance- und Barockstücken bis hin zu Jazz und Neuer Musik. Der Rohrblatt-Klangfächer passt ausgesprochen gut zu streng polyfonen Werken wie Ockeghems Motetten oder Schostakowitschs Präludien und Fugen – er scheint aber auch für Mozart-Serenaden oder für Klavierzyklen von Debussy wie gemacht zu sein.

Das Album: 600 Years Calefax

Diese Vielseitigkeit war die Idee hinter dem Album "600 Years Calefax", das nicht etwa eine Compilation aus verschiedenen Produktionen ist, sondern komplett im Sommer 2000 in einer Kirche in Lienen (Nordrhein-Westfalen) eingespielt wurde. Die hierfür ausgewählten Werke entstanden in der Tat über einen Zeitraum von 600 Jahren hinweg und wurden ursprünglich für ganz unterschiedliche Besetzungen geschrieben: Sinfonieorchester, Soloklavier, Orgel, Vokalquartett, Jazzband, Consort. Darunter befinden sich eine Tschaikowsky-Ouvertüre, ein Debussy-Walzer, fiktive Balkantänze, ein neutönerischer Marsch, Jazz-Standards oder auch Gassenhauer der ­Renaissance.

Den unterschiedlichen Stilistiken passt sich das Calefax Reed Quintet in erstaunlicher Weise an. Mal scheinen die fünf Rohrblatt-Instrumente zur Orgel zu werden, mal zum Barockensemble, dann wieder zu einer Bigband oder einer Blaskapelle. Kleine Varianten in der Instrumentierung helfen dabei mit: "Wenn du zum Beispiel ein Sopransaxofon nimmst statt des Altsaxofons und das Englischhorn statt der Oboe, bekommt das Ensemble einen barocken Klang", sagt Jelte Althuis, der Bassklarinettist. Die fünf Niederländer nehmen sich dabei die "Beweglichkeit der Pop-Musiker" zum Vorbild. Und genau darum schwärmte die "Times" vom "besten musikalischen Format auf diesem Planeten".

Im November 2015 hat übrigens ein neues amerikanisches Ensemble namens Splinter Reeds sein Debütalbum veröffentlicht. Die Besetzung: Oboe, Saxofon, Klarinette, Bassklarinette, Fagott. Ihre Vorbilder: das Calefax Reed Quintet.

www.calefax.nl

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

« zurück