Das Bukkehorn: Vom Signalhorn zum Musikinstrument

Ursprünglich sollte der Ruf des norwegischen Ziegenhorns nur Wölfe und Bären von der Herde vertreiben. Doch dann begannen findige Hirtinnen, Grifflöcher ins Horn zu bohren.

Tierhörner – die Urahnen aller Blechblasinstrumente

Tierhörner sind die Urahnen aller Blechblasinstrumente. Nicht nur am Namen, auch an der Form moderner Hörner (Waldhorn, Jagdhorn usw.) lässt sich das noch gut erkennen. Schon den Urmenschen dienten die Hörner wilder Rinder, Ziegen oder Antilopen als Jagdtrophäe und Kopfschmuck.

Wenn man so ein Horn vom Knochenzapfen des toten Tieres ablöst, erhält man einen konisch geformten Hohlkörper, der sich gleichermaßen als Trinkbecher oder – nach Absägen der Spitze – als Blasinstrument eignet. Auch der Stoßzahn von Mammut und Elefant oder das Gehäuse gewisser Meeresschnecken wurden vom Menschen als Blashörner entdeckt.

Später begann man, die tierischen Hornformen in Ton oder Metall nachzubauen und zu verbessern. Dennoch waren Hörner bis ins Mittelalter meistens nur Signalinstrumente und nicht zum Musizieren geeignet.

Wächter, Krieger, Jäger und Boten trugen traditionell das »Hifthorn« bei sich, ein geschmücktes Rinderhorn. Deshalb finden sich Abbildungen von Signalhörnern auf zahlreichen Stadtwappen wieder und schmücken bis heute die Logos europäischer Postbetriebe.

Das norwegische Bukkehorn

Der Schofar, das rituelle Blasinstrument in den Synagogen, wird noch immer aus dem Horn eines Widders (Schafbocks) gefertigt, zuweilen auch aus dem eines Kudus (einer Antilopenart). Ebenfalls noch in Gebrauch ist das norwegische Bukkehorn (schwedisch: »bockhorn«), für das man das Horn einer Ziege verwendet.

Ursprünglich ein reines Signalinstrument, diente das Bukkehorn den Hirten dafür, wilde Tiere zu vertreiben und andere Herden zu warnen. Die Signale wurden vielfältiger, als man begann, Grifflöcher ins Horn zu bohren – so wurde aus dem Bukkehorn ein Trillerhorn.

Im Jahr 1612, als ein feindliches Söldnerheer im Auftrag des schwedischen Königs in Norwegen anlandete, soll eine Ziegenhirtin mit einem solchen Trillerhorn das Signal zum Angriff auf die Invasoren gegeben haben.

Die norwegischen Bauern ließen vorbereitete Baumstämme von den Bergen ins Tal rollen. Es heißt, die Bläserin, in der Legende bekannt als »Prillar-Guri«, habe angesichts des Blutbads ihr Bukkehorn in den Fluss geworfen und bitter geweint.

Vom Signalhorn zum Musikinstrument

Es waren Almhirtinnen, die das Bukkehorn schließlich zu einem richtigen Musikinstrument machten. Bis zu acht Fingerlöcher und spezielle Tricks (zum Beispiel Stopftechnik) erlauben es, auf dem Ziegenhorn kleine Kirchenlieder, Schlaflieder oder einfache Polkas zu blasen. Der Ton des Instruments ist weich und fast flötenartig.

Die traditionelle Herstellung des Bukkehorns lässt sich im Internet in einem kleinen Film beobachten. Nachdem der Knochenzapfen aus dem Horn entfernt ist, wird der Hohlraum vermessen und das Horn kurz hinter dem Ende der Höhlung durchgesägt – hier wird das Anblasloch gebohrt.

Ist der Grundton bestimmt, werden fünf Löcher für Finger und Daumen ausgemessen, markiert und eingebohrt. Zum besseren Greifen werden die Fingerlöcher mit einer Feile abgeflacht. Es ergibt sich eine nahezu diatonische Tonleiter.

Allerdings sind Ziegenhörner Naturprodukte – jedes ist verschieden. »Die Hörner sind nicht temperiert und gestimmt«, sagt Karl Seglem. »Also dauert es einige Zeit, bis man lernt, wie sie reagieren.«

Das Bukkehorn in der Musik heute

Karl Seglem gehört zu den Bläsern, die das alte Bukkehorn heute in ganz neue musikalische Zusammenhänge einbringen. Der Norweger ist Jazzsaxofonist und verknüpft seine Musik gerne mit Folk-Elementen seiner Heimat. Seglem bläst das Bukkehorn, sein Zweitinstrument, mit einem Rohrblatt an, singt oder prustet auch hinein und verbindet sein Spiel mit Effektpedal und Elektronik.

Auch Einar Selvik, der im Hauptberuf Heavy-Metal-Schlagzeug spielt, machte in jüngerer Zeit als Bukkehornist von sich reden. Berühmt wurde die klassische Hornistin Sissel Morken Gullord, die auf Naturhörner spezialisiert ist. Im Auftrag der Firma Walt Disney spielte sie 2013 ihr Bukkehorn auch für den Trickfilm »Die Eiskönigin« (»Frozen«).

  • 25.07.2018
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 7-8/2018
  • Seite 46

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