Das Alphorn-Fa

Traditionelle Alphorn-Melodien klingen manchmal seltsam – das liegt an den Naturtönen des Instruments. Einer von ihnen ist besonders berüchtigt – das sogenannte Alphorn-Fa…

Zu den Wahrzeichen der Schweiz gehören Wilhelm Tell, Alpenkäse und Schokolade – und außerdem zwei ganz verschiedene Hörner: das Matterhorn (4478 Meter) und das Alphorn (2,5 bis 4 Meter). Welches dieser beiden Hörner leichter zu bezwingen sei, ist durchaus umstritten.

Ein ungewöhnliches Blasinstrument

Auf jeden Fall ist das Alphorn ein ungewöhnliches Blasinstrument – nicht nur wegen seiner Größe. Das Alphorn ist ein Naturhorn ohne Wenn und Aber. Keine Grifflöcher, keine Klappen, keine Ventile. Selbst das Mundstück (meist aus Ahorn) benutzt man erst seit etwa 100 Jahren.

Man bläst also hinein und erzeugt mit Glück einen Ton. Man bläst stärker hinein und erzeugt mit Glück einen höheren Ton. Man bläst noch stärker hinein und erzeugt mit Glück einen noch höheren Ton. Die Töne, die herauskommen, entsprechen der Naturtonleiter. Es sind die Obertöne des Stimmtons.

Töne und Tonerzeugung

Als Leopold Mozart um 1755 fürs Alphorn komponierte, verlangte er von dem Instrument sicherheitshalber nur vier verschiedene Tonhöhen. Üblicherweise spielt man das Alphorn aber vom 2. bis zum 13. Naturton, selbst der 16. Naturton ist machbar.

Allerdings lassen sich die Töne nicht mit dem Ansatz korrigieren. Eine temperierte Tonleiter oder ein chromatisches Spiel sind daher ausgeschlossen. Gleichgültig, auf welchem Ton man beginnt: "Alle meine Entchen" klingt immer ein bisschen falsch.

Schuld daran sind jene Naturtöne, die ein bisschen (zu) weit von den temperierten entfernt liegen. Der 13. Naturton ist mehr eine kleine als eine große Sext, der 7. und 14. Naturton sind eine deutlich verminderte kleine Sept ("Naturseptime").

Das berüchtigte Alphorn-Fa

Am auffälligsten aber klingt der 11. Naturton, der "zu hoch" liegt. Er entspricht etwa dem Viertelton zwischen Quart und übermäßiger Quart, ist also eine "very flatted fifth". Auf einem Alphorn in C ist der Ton F zu hoch, auf einem Alphorn in F ist das B zu hoch.

Der Musikkritiker Peter Rüedi schreibt deshalb übers Alphorn: "Die für die Funktionsharmonik notwendige Subdominante fällt weg." Dieser 11. Naturton ist so charakteristisch fürs Alphorn, dass er geradewegs als "Alphorn-Fa" bekannt wurde.

Auf einem C-Instrument liegt das Alphorn-Fa bei etwa 719,466 Hertz. Das temperierte F (f²) schwingt dagegen mit 698,456 Hz, das Fis mit 739,989 Hz. Für die Kenner der Appenzeller und Schwyzer Folklore bündelt sich im Alphorn-Fa – der alpenländischen "Blue Note" – die Magie dieses "urchigen" Instruments. Deshalb schätzt die Alphorn-Gemeinde die alten, überlieferten Melodien und ihre "traditionell schönen Naturtöne".

Eine strengere Schule allerdings hat das Alphorn-Fa zum "unerwünschten Ton" erklärt. Die Schweizer spielen das Instrument vorwiegend in Ges – da ist das Alphorn-Fa dann ein etwas zu hohes H oder ein etwas zu tiefes C.

Das Zusammenspiel

Übrigens werden die langen Holzhörner meistens zu dritt oder zu viert geblasen. Aufgrund der Naturtonleiter gilt da natürlich die Regel: "Beim mehrstimmigen Spiel können nur Instrumente mit dem gleichen Grundton zusammenspielen, also zum Beispiel immer nur Hörner in F oder nur Hörner in Ges!"

Aber der Fortschritt macht auch vor dem Alphorn nicht Halt. Denn seine "urchigen" Naturtöne kann man nicht nur lieben oder verbieten, man kann sie auch austricksen oder umfunktionieren. Falls man – ganz gegen die Regel – Alphörner verschiedener Größen zusammenbringt, können sie einander nämlich gegenseitig die fehlenden Leitertöne liefern oder gemeinsam ganz neue Harmonien aufbauen.

In den Worten von Peter Rüedi: "Durch bewusste Verwendung von Instrumenten in verschiedenen Grundstimmungen entstehen komplexe Intervallverhältnisse, da jede verwendete Grundstimmung ein zusätzliches Obertonspektrum hinzufügt."

  • 20.03.2018
  • Bläsermythen
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 3/2018

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