CD-Tipps im August: Jonas Winterhalter Big Band, [:klak:], Ibrahim Maalouf und Kathrin Chistians

  • 28.07.2017
  • Rezensionen
  • Ausgabe: 7-8/2017
  • Seite 64

Elf Dinge hat die Jonas Winterhalter Big Band zu erzählen. Das Duo [:klak:] vereint auf seinem Album zwei Seelen, nämlich die klassische und die jazzige - die fröhliche und die melancholische Seite. Ibrahim Maalouf präsentiert seine Live-Höhepunkte der vergangenen zehn Jahre in Frankreich und Kathrin Christians ein äußerst unerschrockenes Debüt. Unsere Tipps für euren Sommer-Soundtrack 2017...

Jonas Winterhalter Big Band: Eleven Things to say

Bauer Studios/Neuklang

Elf Dinge will Jonas Winterhalter erzählen. Da muss man genau zuhören, denn die meisten der elf Titel sind schlicht nach ihrer Nummer benannt. Das gibt Raum – Raum für die Musik und den Ausdruck.

"One" startet mit langgezogenen Akkorden, Gitarrengeplänkel und Trompetenadagio im Austausch mit Bassklarinette. "Two" setzt sich zunächst in diesem Stil fort, bis schließlich Schlagzeug, Trompeten- und Tenorsaxofonsolos das neue Jazz-Zeitalter einführen.

Bei "Three" geht es allerdings schon wieder in die ruhigere, fast klassische Bigband-Richtung, wie auch Winterhalters Komposition "Honest Hypocrisy". Diese Wechsel zeigen die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten, die die Bigband so wunderbar präsentiert.

Die Band gründete Leader Winterhalter aus Absolventen der Musikhochschule Basel. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass hier ein Wiedersehen mit vielen Instrumentalisten des Sarah Chaksad Orchestra stattfindet – einschließlich der Bandleaderin.

Die Musiker sind eng verbunden, das spürt man. Auch bei den Soli der Kompositionen, die Jonas Winterhalter seinen Freunden auf den Leib geschrieben hat. Da ist eine Clique am Werk, die mehr verbindet als nur Musik und die sich viel zu sagen hat. Wohl auch mehr als elf Dinge. (ce)

[:klak:]: two souls

Klakmusicrecords

Ob Jazzpianist Chick Corea die österreichische Begrüßung "Griaß enk God" in seinem "Spain" verstehen würde? Vielleicht, aber wahrscheinlich wäre er über das unkonventionelle Konzept des Duos [:klak:] begeistert, bei dessen Mitgliedern Stefan Kollmann und Markus Fellner zwei Seelen – frei nach Goethe – in deren Brust wohnen.

Ach! Die klassische Seele und die jazzige Seele, die fröhliche und die melancholische Seite. Mit Akkordeon (Kollmann), Klarinette/Percussion (Fellner) und manchmal etwas Gesang, Geigenmusik und Gepfeife bewegen sich die beiden jungen Österreicher zwischen Renaissance und Jazz.

Virtuos, einfallsreich und teils sehr humorvoll interpretieren die Instrumentalisten die zwölf Stücke von Robert Schumann, Astor Piazzolla und eigenkomponiert. [:klak:] macht nicht nur Musik, [:klak:]erzählt Geschichten, Geschichten, denen man gerne und interessiert zuhört.

Gerade die Verbindung zwischen Akkor­deon und Klarinette, beides geeignete Instrumente für arabeske Spielweise, lassen die Tonmelodien nahezu ineinander verweben, sodass man beim Zuhören diese märchenhafte und magische Einheit spürt. (ce)

Ibrahim Maalouf: Live Tracks 2006-2016

Impulse Records

Manchmal – man weiß nicht warum – hört man den ersten Akkord des ersten Titels eines neuen Albums und man ist fasziniert. Auch wenn in diesem ersten Titel der französische Jazz-Trompeter Ibrahim Maalouf zunächst keinen Ton Trompete spielt. Ein leises Klavier ertönt, er spricht auf Französisch mit seinem Publikum und er singt. Leise, behäbig, ergriffen. Das erzeugt Gänsehaut.

"Live Tracks" enthält neun ­Audio-Titel und 14 zusätzliche Videos der Titel, die Ibrahim Maaloufs Live-Höhepunkte der vergangenen zehn Jahre in Frankreich zeigen. Der Künstler, der mit seinem Album "Kalthoum" in Deutschland mit dem ECHO Jazz ausgezeichnet wurde, pendelt zwischen poppigem und introvertiertem Jazz und begeistert damit nicht nur Jazzliebhaber.

Seine Alben sind in den Pop-Charts, bei ­seinen Konzerten füllt er weit mehr als nur kleine Clubs. Der in Beirut geborene 36-jährige Franzose lernte durch seinen Vater das westliche klassische Trompetenspiel gemischt mit Einflüssen der arabischen Musik kennen.

Dieses Wandeln zwischen Orient und Okzident, zwischen Pop und Jazz machen seine Musik so mitreißend. Besonders in Titeln wie "True Sorry" kommt Wehmut auf, dass man bei solch einem Live-Erlebnis nicht dabei war. (ce)

Kathrin Christians: Feld, Weinberg, Theodorakis

Hänssler Classic

Was! Für! Ein! Debüt! Die CD der Flötistin Kathrin Christians, die sie gemeinsam mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter Ruben Gazarian eingespielt hat, zeugt von großer Leidenschaft, immenser Neugier und einer gehörigen Portion Mut.

Denn bei ihrem Programm geht sie eben nicht auf "Nummer sicher". Jindřich Felds "Flötenkonzert" besticht durch die extremen, explosiven Ausbrüche, die man so nicht mit der Flöte in Verbindung gebracht hätte.

Das dramatische, kontrastreiche Werk mit bewegten und meditativen Teilen erklingt in einer spannenden, farbigen, emotionalen Interpretation. Es folgt klagend, flehend und hoffend Mikis Theodorakis’ Klangfarbenspiel "Adagio".

Ein düsteres Bild zeichnet dann das "Flöten­konzert Nr. 2" von Mieczysław Weinberg, der spätestens seit der posthumen szenischen Uraufführung seiner Auschwitz-Oper "Die Passagierin" die verdiente Beachtung fand. Es bleibt nicht schwarz – auch hier blitzt Hoffnung auf, die Musik macht Mut.

Wer solch ein fabelhaftes Debüt vorlegt, muss sich bei kommenden Projekten stets daran messen lassen. Zweifelsfrei steht fest, dass man von Kathrin Christians noch mehr hören will – und wird! (hä)

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