Brass Palmas Festival in Kroatien:»Wie Urlaub mit guter Musik«

Der Beach Club aus der Vogelperspektive (Foto: Klaus Mittermayr)

Sommer, Sonne, Blasmusik! Während hierzulande die Festival-Saison bereits zu Ende war, packte der »harte Kern« unter den Fans Ende September noch einmal Instrument und Bade­hose in den Koffer und machte sich auf den Weg nach Kroatien. Im malerischen Städtchen Baška auf der Insel Krk residierte bereits zum zweiten Mal der Woodstock Beach Club. Auch die CLARINO-Redaktion war dieses Jahr zu Gast bei diesem Festival der wirklich ganz besonderen Art…

Nur eine gute Stunde mit dem Flugzeug braucht man von München nach Rijeka. Am Donnerstagvormittag um 11.20 Uhr steigen wir hier aus dem Flieger. Die warme September-Sonne lässt uns einen Moment innehalten und die Sonnenstrahlen ge­nießen, die uns ins Gesicht scheinen. Also nichts wie runter mit dem dicken Kapuzen-Pulli, Sonnenbrille auf die Nase und rein ins Vergnügen.

Schon im Flugzeug haben sich die ersten Festival-Besuchergrüppchen zusammengefunden. Die meisten sind erkennbar an Lederhosen und Festival-T-Shirts vom Woodstock der Blasmusik, der Brass Wiesn und vielen mehr. Munter wird beratschlagt, wie man am besten die letzten knapp 70 Kilo­meter bis zum Veranstaltungsort bewältigt.

Die Straße führt durch eine hügelige Landschaft mit kleinen Dörfern und verschlafenen Städtchen. Die meisten Touristen sind bereits abgereist, die Saison auf Krk ist fast schon zu Ende. Immer wieder erhaschen wir durch grüne Bäume und Sträucher einen Blick aufs blaue Meer, das glitzernd die strahlende Mittagssonne reflektiert. Und dann ist es da, das schöne Gefühl von Sommer und Urlaub…

Als wir in Baška vor dem Hotel Corinthia aus dem Taxi steigen, wandelt sich das idyllische Bild schlagartig: Hier herrscht reges Treiben. Vor der Rezeption hat sich eine Schlange gebildet, Zimmerschlüssel werden ausgegeben, mehrere Grüppchen junger Leute stehen zusammen und diskutieren gut gelaunt, wo es als erstes hingehen soll, am Infopoint werden erste Fragen beantwortet – und: mittlerweile ist nicht mehr zu überhören, dass wir hier auf einem Blasmusik-Festival sind. Überall im und ums Hotel herum hört man kleine Melodien, fanfarenartige Trompeten-Signale oder auch nur einzelne Töne erklingen. Die ganze Atmosphäre wirkt und klingt wie ein riesiges Blasorchester auf Klassenfahrt.

Nicht nur Festival, sondern Festival-Reise

Tatsächlich ist der Reise-Gedanke ein großer Teil der Philosophie hinter Brass Palmas. Kerstin Pröll, Geschäftsführerin der Anklang Event & Marketing GmbH, die Brass Palmas in Kooperation mit dem Event-Reiseveranstalter Splashline durchführt, erklärt: »Man kauft sich nicht nur ein Festival-Ticket, sondern man bucht eine komplette Reise für die gesamte Dauer der Veranstaltung. Tagestickets gibt es nicht.« Die Festivalgäste haben die Möglichkeit, bei der Unterkunft zwischen Hotel, Ap­parte­ment, Mobile Home und Campingplatz zu wählen.

Der große Erfolg des Woodstock der Blasmusik in Österreich brachte die Festival-Macher auf die Idee, einen Woodstock Beach Club ins Leben zu rufen. »Wir wussten, dass es diesen eingefleischten Kern unter den Fans gibt, die das ganze Jahr über Woodstock im Kopf haben. Und daraus ist dann die Idee entstanden: Nehmen wir doch einfach ein paar Bands, setzen uns ans Meer und musizieren.«

Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Hinter Brass Palmas steckt ein gewaltiger organisatorischer Aufwand. Auf der Suche nach einer Location gab es im ersten Jahr einiges zu beachten. Kerstin zählt auf: »Wie ist die Qualität im Hotel? Welche Zimmerkategorien gibt es? Wie ist die Verpflegung? Wie ist die Anreise? Und wie ist das Preis-Leistungs-Verhältnis? Und wenn das alles passt, dann überlegt man, wie man hier ein Festival veranstalten kann.«

Sämtliche Festival-Unterkünfte gehören zur Hotelgruppe Valamar. Bei vielen Dingen werde auf die Infrastruktur des Hotels zurückgegriffen, beispielsweise beim Strom oder der Gastronomie. Die Partnerschaft mit Valamar funktioniert Kerstin zufolge sehr gut, die Qualität entspreche weitestgehend österreichischen bzw. deutschen Standards und da das Personal überwiegend perfekt Englisch und teilweise sogar sehr gut Deutsch spreche, sei auch die Sprachbarriere kein Problem.

Kerstin erinnert sich schmunzelnd an die Planungen vor dem ersten Festival: »Am Anfang waren die Betreiber uns gegenüber gar nicht so positiv eingestellt, als sie gehört haben, dass wir 700 bis 800 Leute herbringen und den ganzen Tag Musik spielen wollen. Aber: Unser Publikum ist extrem angenehm. Der Besitzer des Beach Clubs hat uns letztes Jahr nach dem Festival erzählt, dass es unfassbar sei, wie wenig Probleme es gebe bei der Menge an Alkohol, die konsumiert werde – nämlich keine. Mit einem kroatischen Publikum sei das gar nicht möglich. Dieses Jahr haben sich dann schon alle sehr auf uns gefreut.«

Urlaubs-Feeling pur!

Natürlich wollen auch wir uns ins Getümmel stürzen und uns von diesem besonderen Flair selbst überzeugen. Laut Festival-Guide ist der Beach Club ganz in der Nähe des Hotels. Wir machen uns also auf den Weg und schon nach wenigen Metern ist deutlich hörbar, wo die Musik spielt. Ein kleiner Durchgang ist mit einer Festival-Beachflag gekennzeichnet, wir überqueren die Strandpromenade, betreten schließlich den Beach Club – und dann verschlägt es uns für einen Moment einfach den Atem.

Tatsächlich weiß man nicht so richtig, wo man eigentlich zuerst hinschauen soll. Direkt vor uns liegt das türkisblaue Meer, am Horizont sieht man die Berge. Rechts von uns geht’s zu der kleinen, aber feinen Bühne, vor der das Publikum gerade den Musikern von »Schnopsidee« zujubelt, erste Paare schwingen bereits jauchzend das Tanzbein. Wer es etwas ruhiger angehen lässt, sitzt bei einem kühlen Getränk unter dem Pavillon und beobachtet gebannt das bunte Treiben.

Zwischen den feiernden Festival-Besuchern stehen vereinzelt immer wieder auch gewöhnliche Touristen, die offenbar nicht richtig fassen können, was hier eigentlich vor sich geht und etwas planlos versuchen, das Geschehen mit ihrer Smartphone-Kamera einzufangen. Die Szenerie erinnert ein bisschen an Mallorca – nur wirkt alles viel gemütlicher.

Relaxte Stimmung und familiäre Atmosphäre

Die entspannte und gelassene Grundstimmung ist ein Punkt, der von allen Seiten immer wieder thematisiert wird. Das liegt zum einen mit Sicherheit an der Urlaubs-Atmosphäre, zum anderen aber auch an der überschaubaren Größe des Festivals: 1500 Tickets wurden dieses Jahr verkauft. Veranstalterin Kerstin bestätigt: »Mit Crew und Bands sind vermutlich etwa 2000 Leute vor Ort. Das sind etwa doppelt so viele wie im ersten Jahr.«

19 Bands stehen an den vier Tagen auf der Bühne. Einige von ihnen sind dementsprechend mehrmals auf unterschiedlichen Stages zu hören. Der Gedanke dahinter: Man muss nicht so viele Bands anreisen lassen, zugleich hat das Publikum die Möglichkeit, sich auch wirklich jede Band einmal anhören zu können. Bei vielen Woodstock-Kritikern, denen das Festival in den letzten Jahren zu groß, zu unpersönlich oder zu stressig geworden ist, dürfte dieses Konzept gut ankommen.

Kerstin ergänzt: »Die meisten unserer Bands sind Woodstock-Fans und kennen sich untereinander. Brass Palmas ist für sie wie ein gemeinsamer Sommer-Abschluss.« Eine dieser Bands ist »PS:reloaded«. Wir unterhalten uns mit Saxofonist Wolfgang Egger am Freitag kurz nach dem Soundcheck auf der Main Stage.

Auf die Frage, was denn so besonders an Brass Palmas sei, antwortet er ohne zu zögern: »Unter uns Musikern ist Brass Palmas wie eine Art Familientreffen. Hier kommt man mit den Kollegen anderer Musikgruppen zusammen und hat tatsächlich auch mal die Zeit, das ein oder andere Bier miteinander zu trinken und sich auszutauschen.«

Und natürlich sei die Location einfach sehr exotisch und habe deshalb einen ganz besonderen Reiz. »Die Um­gebung hier, das Meer, das Wetter, das mediterrane Flair passen extrem gut zur Blasmusik. Eine super Mischung!«

»PS:reloaded« spielen während des Festivals insgesamt dreimal: einmal auf der Main Stage im Zelt und zweimal auf der Pool Stage – jedes Mal mit einem anderen Programm. Wolfgang schwärmt regelrecht vom Auftritt auf der Pool Stage am Donnerstag: »Das war für uns alle einer der entspanntesten und coolsten Gigs, den wir jemals gespielt haben.

Das Publikum war total relaxt und gut gelaunt. Wir haben ein klassisches Dämmerschoppen-Programm gespielt, was wir in der Form sicher schon seit 15 Jahren nicht mehr gemacht haben. Aber ich glaube, man hat uns angesehen, dass wir viel Spaß dabei hatten.«

Party vor der Pool Stage

Im Laufe des Wochenendes sind auch wir immer wieder aufs Neue fasziniert von der Stimmung vor der Pool Stage. Dabei ist der Begriff Pool Stage etwas missverständlich, denn nicht die Bühne, sondern das Publikum gruppiert sich im und um den Pool herum. Bei den Gigs der »Voixxbradler« und »Fättes Blech« wurden hier gewaltige Wasserschlachten ausgetragen, angeheizt von schnellen Rhythmen und heißen Beats der Bands auf der Bühne.

Erwachsene Männer und Frauen werden hier wortwörtlich wieder zu Kindern, spritzen wild mit Wasser um sich, planschen laut singend zur Musik und werfen sich gegenseitig jauchzend ins Wasser. Und das alles bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein.

Mit dem Wetter haben die Veranstalter dieses Jahr gewaltiges Glück. 2018 hatten sie mit einem Sturm und Windspitzen von bis zu 130 km/h zu kämpfen, sodass das Programm auf der Hauptbühne sogar abgebrochen werden musste. Kerstin erklärt uns, dass man sich deshalb entschieden habe, 2019 ein Zelt aufzustellen:

»Zum einen als Main Stage, zum anderen aber auch als Ausweich-Location.« Falls es wirklich dauerhaft regnen sollte, könnte man die Gigs auf der nicht überdachten Bühne im Beach Club und die Pool Stage ins Zelt, also auf die Brass Palmas Stage, verlegen.

Außergewöhnliche Programmpunkte

Dass Brass Palmas durch und durch ein außergewöhnliches Festival ist, zeigt sich auch anhand von einigen sehr speziellen Programmpunkten: Nach dem Gesamtspiel am Samstagmittag mit 600 Musikern direkt am Strand geht es auch schon weiter zum nächsten Höhepunkt.

Ein letzter Tipp von Seiten der Veranstalter lautet: »Gute Schuhe und Durst mitbringen!« Dann marschieren rund 400 Musikanten mit Stabführer und Marketenderinnen im Gleichschritt die Strandpromenade entlang und lassen so manchen Touristen staunend und mit offenem Mund zurück. Dass die Musiker am hinteren Ende des Zugs weitestgehend das gleiche Stück spielen wie die Musiker am Anfang, grenzt an eine organisatorische Meisterleistung.

Durch die Straßen und Gässchen von Baška führt die Musikwanderung schließlich hinauf auf den zentralsten Berg der Bucht und belohnt die Teilnehmer mit einer atemberaubenden Aussicht über die gesamte Kvarner Bucht.

Ein absoluter Höhepunkt für viele Festival-Besucher waren auch die Fahrten mit dem Partyboot. Drei Touren mit jeweils zweieinhalb Stunden Fahrzeit und jeweils 200 Passagieren wurden am Freitag angeboten, eine mehr als im letzten Jahr, und alle waren laut Veranstalterin Kerstin sofort ausgebucht. »Keine Ahnung, nächstes Jahr müssen wir wahrscheinlich eine ganze ­Flotte chartern.« Die Anklang-Geschäftsführerin zuckt mit den Schultern und lacht.

Brass-Workshops mit »Fättes Blech«

Workshops auf einem Festival – kann das gutgehen? »Wir wollten schon immer mal so etwas machen, waren uns aber nicht sicher, ob das beim Woodstock klappt. Brass Palmas ist allerdings genau der richtige Rahmen dafür«, erläutert Andreas Putz von Buffet Crampon.

Andreas Joos, Florian Hatzelmann, Bartholomäus Natter und Isabella Lingg von »Fättes Blech« waren schnell überzeugt und stellten sich als Dozenten zur Verfügung. Und tatsächlich liegen Buffet Crampon und die Veranstalter mit ihrer Einschätzung genau richtig. Als wir am Freitagmorgen um kurz vor halb elf über den noch sehr ruhigen Campingplatz zum Workshop für Posaune, Tenorhorn und Bariton mit Andi Joos schlendern, sitzen tatsächlich schon etwa 20 Workshop-Teilnehmer spielbereit auf ihren Plätzen.

Obwohl er selbst am Abend zuvor bis 0.15 Uhr mit »Fättes Blech« auf der Brass Palmas Stage stand, begrüßt der Dozent die Teilnehmer gut gelaunt und startet mit einigen Warm-ups ins Programm. Der Workshop findet übrigens im Freien statt – zwar vor einer bombastischen Kulisse, aber auch unter erschwerten Bedingungen:

Zaungäste kommentieren im Vorbeigehen das Workshop-Geschehen, auf dem Campingplatz hört jemand laute Musik, andere spielen selbst, eine Kehrmaschine fährt vorbei… Andi lässt sich davon nicht beeindrucken und schafft es trotzdem, seinen Schülern etwas mit auf den Weg zu geben.

Johannes, Alex und Tobias aus Vöcklabruck sind am Ende des Workshops jedenfalls begeistert: »Super war’s! Wir haben uns angemeldet, weil uns das einfach interessiert hat. Lernen kann man ja immer was.«

Auch Bartholomäus Natter erzählt, dass der Brass-Palmas-Workshop sich von anderen Workshops stark unterscheidet: »Ich hatte beispielsweise zwei Teilnehmer, die eigentlich Horn spielen und schon seit Jahren keine Trompete mehr in der Hand hatten. Die Trompete hat aber einfach besser ins Gepäck gepasst.«

Die Atmosphäre sei viel lockerer. Zwar kommen die Teilnehmer mit einem Bier in der Hand zum Workshop, trotzdem seien alle sehr konzentriert bei der Sache. Er ergänzt grinsend: »Wenn man auf einem Festival morgens um 10.30 Uhr an einem Workshop teilnimmt, dann muss man auch extrem motiviert sein!«

Ein Herzensprojekt mit viel Potenzial

Der Spirit von Brass Palmas ist für alle spürbar und zieht Besucher, Crew und Bands gleichermaßen in seinen Bann. »Die Atmosphäre ist viel familiärer als bei anderen Festivals und man kann problemlos mit den Künstlern in Kontakt kommen, weil die meisten ja durchgängig vor Ort sind«, findet Andi Joos.

»Brass Palmas ist einfach anders, eher wie Urlaub mit guter Musik«, versucht Darius aus Tannhausen seine Begeisterung in Worte zu fassen.

Und auch für die 75 Crew-Mitglieder, die elf bis zwölf Tage vor Ort für einen reibungslosen Ablauf sorgten, ist das Festival ein ganz besonderes Event. »So richtig können wir gar nicht beschreiben, warum das so ist. Aber alle finden, dass es das beste Event im Jahr ist. Für uns ist Brass Palmas ein Herzensprojekt.«

Der besondere Charakter von Brass Palmas soll auch in Zukunft erhalten bleiben. Natürlich soll das Festival wachsen, riesige Bühnen mit vielen großen Headlinern wird es aber auch in Zukunft nicht geben. 5000 Personen sind am aktuellen Standort die Obergrenze.

Kerstin fasst zusammen: »Brass Palmas lebt von qualitativ hochwertiger Blasmusik und von verschiedenen kleinen Stages, wo man einfach einen schönen Tag miteinander verbringt. Und das soll auch so bleiben.«

  • 17.01.2020
  • Szene
  • Cornelia Härtl
  • Ausgabe: 12/2019
  • Seite 44-47

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