Birth of the Cool

Ein gewisser Claude Thornhill leitete in den 1940er Jahren eine Swing-Bigband in New York. Das war sanfte, eher harmlose Tanzmusik, aber klanglich sehr fein ausgehört, weich und wolkig, mit Klarinetten und Waldhörnern darin. Einer von Thornhills Arrangeuren hieß Gil Evans. Der wiederum hörte 1947 im Radio eine Aufnahme von Charlie Parker mit dem Titel »Donna Lee« und wollte unbedingt die Noten dazu haben. Er fragte Parker, der auf der Platte als Komponist angegeben war, aber Parker verwies ihn an seinen Trompeter. Denn tatsächlich hatte Miles Davis das Stück geschrieben – eine Tatsache, die sich in der Jazzwelt bis heute nicht recht herumgesprochen hat. Miles gab Evans die Noten, wünschte sich aber im Gegenzug das Arrangement von »Robbins’ Nest«, wie es Thornhills Band spielte. Miles bewunderte diese raffinierten, weichen Klänge.

So begann die jahrelange Zusammenarbeit zwischen Miles Davis und Gil Evans. Die erste Frucht ihrer Kooperation waren die Aufnahmen, die auf »Birth Of The Cool« zu hören sind – ein Experiment von 1949, inspiriert von der Tanzmusik Claude Thornhills. »Wir wollten diesen Sound, aber im Unterschied zu Thornhill mit möglichst wenig Leuten«, so Miles. Gemeinsam mit Gil Evans und Gerry Mulligan stellte Miles dafür ein Nonett aus Musikern zusammen, die teilweise auch schon bei Thornhill gespielt hatten. Neben der Rhythmusgruppe beschränkte man sich dabei auf nur sechs Blasinstrumente: Trompete, Altsax, Baritonsax, Posaune, Waldhorn und Tuba. Die Arrangements schrieben Gerry Mulligan (5), John Lewis (3), Gil Evans (2), Miles ­Davis (1) und Johnny Carisi (1). Als die Aufnahmen 1957 erstmals auf einer LP zusammengefasst wurden, ließ sich im Rückblick sagen: Das war damals der Startschuss zum Cool Jazz – »Birth Of The Cool«.

Miles Davis erklärt dazu: »Bird und Diz [Charlie Parker und Dizzy Gillespie] spielten diese schrägen, wirklich schnellen Sachen, aber wer nicht genauso schnell hörte, dem entging der Humor und das Gefühl in ihrer Musik. Ihr Sound war nicht weich, und es fehlten die Harmonien, die man auf der Straße vor sich hin summte, um sein Mädchen aufs Küssen einzustimmen. Aber Birth konnte man nicht nur summen, es spielten auch Weiße mit, und zwar in wichtigen Positionen. Wir spielten uns etwas sanfter in die Ohren der Leute als Bird und Diz. Das Ganze kam von Duke Ellington. Duke und Billy [Strayhorn] benutzten die gleiche Verdoppelung der Akkorde wie wir. Ich wollte, dass die Instrumente wie menschliche Stimmen klangen.«

Die meisten der zwölf Kompositionen wurden speziell für diese Aufnahmen geschrieben, Mulligan und Miles waren hier am fleißigsten. Keines der Stücke ist länger als dreieinhalb Minuten. Die originell gemischten Bläser erzeugen schillernde Klänge, trennen sich in Harmonie und Melodie, umspielen einander in Satz-Blöcken. Wie im Bebop sind die Tempi meist hoch, aber die Soli und die Themen bleiben dabei weich in Bläserakkorden gebettet. Melodien wie das halbschnelle »Boplicity« und der Blues »Israel« haben Ohrwurm-Qualität, daher wurden einige der Stücke später auch betextet. Am eindrucksvollsten hört man die farblichen Möglichkeiten der Bläser in Gil Evans’ Arrangement der langsamen Ballade »Moon Dreams«. Es ist ein pastellenes, modern-romantisches Klangbild, das ständig changiert, dynamisch atmet, sich in Einzelstimmen auflöst und wieder zusammenfindet. Mit nur sechs Bläserstimmen entsteht hier ein mysteriöses, orchestrales Gemälde. Das Rezept machte übrigens Schule im Cool Jazz: Formationen mit vier bis sieben Bläsern waren jahrelang angesagt. Aber die Möglichkeiten einer solchen Besetzung sind noch lange nicht ausgereizt.

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband... Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

  • 25.02.2015
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

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