Bird hoch fünf

  • 11.05.2015
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Jazzstudenten müssen sich heutzutage durch die ganze Jazzgeschichte arbeiten. Sie lernen Hunderte von Standards auswendig, üben die Akkordfolgen, kennen stiltypische »Licks« und spielen berühmte Soli nach. Zu eigenständigen Jazzsolisten werden sie dadurch zwar (noch) nicht, aber es gibt durchaus Möglichkeiten, dieses Studienmaterial selbst schon auf originelle und künstlerische Weise umzusetzen. Und ohne dabei einfach nur schlechte Kopien der Originale zu liefern. 

Med Flory (1926 bis 2014) hatte da zum Beispiel eine gute Idee. Flory war Schauspieler und Sänger, aber vor allem ein gefragter Studio- und Bigband-Saxofonist, auch wenn er es nicht zum namhaften Solisten brachte. Natürlich studierte Flory (wie alle) die Improvisationen von Charlie Parker, dem Vater des modernen Jazz. Flory hat die Soli des Saxofonisten reihenweise transkribiert und nachgespielt. Schon 1956 kam ihm dabei der Gedanke, dass mit ein paar Saxofonkollegen zusammen das Nachspielen noch mehr Spaß machen müsste. Also hat er Parkers Soli harmonisch eingerichtet: für zwei Alt-, zwei Tenor- und ein Baritonsax. Die fünf Musiker bliesen regelmäßig ihren harmonisierten »Bird« in Florys Wohnzimmer und feilten an der fünfstimmigen Exaktheit jeder Zweiunddreißigstelnote. Es dauerte eine Weile, bis sie den Einfall hatten, dass man damit auch öffentlich auftreten könnte. Das Publikum liebt ja die berühmten Soli von berühmten Jazzplatten – und so hatte man diese Soli auf jeden Fall noch nie gehört! Der fünffache »Bird« brachte jeden Jazzclub zum Kochen.

1972 machte Med Florys Projekt – er nannte es »Supersax« – seine erste Platte: »Supersax Plays Bird«. Die zweite hieß dann »Supersax Plays Bird, Volume 2: Salt Peanuts«. 1974 gab es sogar einen Grammy, es folgten Tourneen bis nach Japan. Natürlich hatte man immer eine erstklassige Rhythmsection dabei, meist mit Lou Levy am Piano und Jake Hanna an den Drums. Für spontane Highlights sorgten zudem einige Blechbläser-Kollegen, die man sich als Gäste einlud: die Trompeter Blue Mitchell oder Conte Candoli, die Posaunisten Frank Rosolino oder Carl Fontana. Saxofonsolisten dagegen gab es keine, jedenfalls nicht auf Platte: Der einzige Saxofonsolist hier war Charlie Parker hoch fünf. Denn dem großen Idol blieb man immer treu: Supersax spielten nur und ausschließlich Parker-Soli – Ton für Ton, in ganzer Länge, in den originalen, oft haarsträubend schnellen Tempi, aber eben im orgelartigen, hochvirtuosen Saxofonsatz. Auch namhafte Jazzsaxofonisten wurden Teil des Fünferclubs: etwa Warne Marsh, die Cool-Jazz-Legende, Lanny Morgan, der lange Zeit verschwundene »weiße Bird«, oder Jack Nimitz, einer der renommiertesten Baritonspieler. Die Band bestand bis in die 1990er Jahre und veröffentlichte ein Dutzend Alben.

Schon auf der ersten Platte findet man eines von Birds extremsten Stücken, das halsbrecherische »Ko-Ko« (308 bpm) mit Parkers legendärer Improvisation, einem 128-taktigen Schnellfeuer von Achtelnoten. Weitere echte Parker-Klassiker auf den ersten Platten sind »Parker’s Mood«, »Yardbird Suite«, »Moose The Mooche« oder »Scrapple From The Apple«. Einige seiner betörenden Balladen-Interpretationen durften ebenfalls nicht fehlen, etwa »Just Friends«, »Embraceable You« oder »Lover Man«. Auch in langsamen Stücken glänzt der Sound der »Saxofonorgel«.

Das Konzept von Supersax ließ sich sogar mit Streichern kombinieren oder mit einer Vokalgruppe. Aber es sind noch ganz an­dere Varianten denkbar – und für die Harmonisierung eignen sich natürlich auch Soli von Musikern, die weniger Töne spielten und ruhigere Tempi bevorzugten als Charlie Parker. Zum Beispiel ein Johnny Hodges, Lester Young, Miles Davis oder Chet Baker. Wie wäre es denn mit einem fünfstimmigen »Super-Miles«?

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband... Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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