Bigband en Miniature: David Murrays "Ming"

Die überzeugendste Bläserbesetzung im Jazz ist zweifellos die "klassische" Bigband, wie sie sich zwischen den beiden Weltkriegen entwickelt hat. Weil die Tanzsäle in den USA damals immer größer wurden, wuchs auch die Größe der Bands.

Die drei Bläsersätze (Trompeten, Posaunen, Saxofone) waren zunächst zweistimmig, dann dreistimmig, später vier- und manchmal fünfstimmig. Auch nach dem Ende des Bigband-Booms um 1945 blieb das Format bis heute lebendig.

Abgespeckte Bigband-Versionen

Doch nicht immer gelingt es, ausreichend Musiker, Auftrittsmöglichkeiten und finanzielle Mittel für ein so großes Orchester zusammenzubringen. Dann behilft man sich im Jazz zuweilen mit "abgespeckten" Versionen von Bigbands.

Der Bebop-Saxofonist Phil Woods zum Beispiel formte 1960 ein Oktett aus drei Blechbläsern, zwei Holzbläsern und einer dreiköpfigen Rhythmusgruppe. Dasselbe Format wählte der Saxofonist David Murray 20 Jahre später. Sein "Octet" spielte auf zahlreichen Festivals zwischen Chicago und Berlin und wurde unter Fans zur Legende.

David Murray und sein Octet

Nicht dass David Murray es nicht mit Bigbands versucht hätte! Bereits 1978 trat er erstmals mit eigener Bigband-Besetzung auf (in Washington und New York), später machte er auch Platten in diesem Format (1984, 1991, 1992). Die logistischen und finanziellen Schwierigkeiten waren jedoch zu groß, um ein Jazzorchester auf Dauer am Laufen zu halten.

"Duke Ellington hat mich immer inspiriert, vor allem jetzt, da ich für größere Besetzungen schreibe", sagte Murray 1983. "Ich wünschte mir nur, ich hätte wie der Duke den Luxus, die Musiker immer zu beschäftigen und immer nur für sie zu schreiben. Ich würde am liebsten für Bigband komponieren, aber weil das im Moment nicht möglich ist, ist das Octet meine Bigband."

Was als Notlösung begann, erwies sich aber als Glückstreffer und Geniestreich. Der Kritiker Scott Yanow nannte das Octet das "perfekte Format" für Murray – groß genug, um starke Bläserpower und eine überwältigende Dynamik zu entwickeln, aber gleichzeitig so kompakt, dass auch kollektive Improvisationen und Stimmverflechtungen noch transparent bleiben.

Das erste Oktettalbum "Ming"

Von 1980 bis 1987 machte das David Murray Octet fünf Studioplatten – weitere Oktettalben entstanden 1992, 1996 und 1999. Obwohl Murray den Stil seiner "Mini-Bigband" immer weiter verfeinerte, war es "Ming" (1980), das allererste Oktettalbum, das – der Novität wegen – für das größte Aufsehen sorgte.

Viele Fans sahen in "Ming" DIE Jazzplatte der 1980er Jahre. Der Kritiker Jeff Dayton-Johnson schrieb 2006: "David Murrays lange Karriere gliedert sich für mich in zwei Phasen: in eine vor und und eine nach 'Ming', dem Album seines Durchbruchs."

Die Platte erhielt Höchstwertungen von zahlreichen Jazzkritikern. David Murray galt damals als "der Musiker der Dekade" und "der Tenor dieser Zeit". Benannt war das Album übrigens nach seiner damaligen Lebenspartnerin – Ming Smith, eine erfolgreiche Fotografin.

Auf dem Album "Ming" gelingen Murray und seinen hochkarätigen Mitstreitern völlig neue Brückenschläge zwischen Avantgarde und Swingbeat. Die Bläserthemen sind komplex und polyphon, die Rhythmusgruppe treibt unwiderstehlich an, die Improvisationen bewegen sich in gelockerter Tonalität.

Fünf Stücke wurden fürs erste Oktettalbum eingerichtet, alle wurden Murray-Klassiker. "Fast Life" ist der halsbrecherische Opener, "Ming" die ergreifende Ballade, "Jasvan" der ironische Walzer, "Dewey’s Circle" die bluesige Backbeat-Nummer – lediglich "The Hill" bleibt "out of time", eine kollektive, damals viel bewunderte Freejazz-Fantasie.

In Murrays Kompositionen klingen Einflüsse von Ellington, Mingus und dem New-Orleans-Jazz an, aber wie in eine Zukunftssprache übersetzt. Die britischen Kritiker Richard Cook und Brian Morton schreiben, das Album sei "geradezu eine Verdichtung von drei Generationen improvisierter Musik auf 40 Minuten völlig innovativen Jazz".

  • 18.12.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 12/2017
  • Seite 41

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