Balkan Brass Madness

  • 20.09.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 9/2017
  • Seite 38

Balkan Brass: Abtanzen zu Gypsy-Funk

Viele musikalische Quellen flossen auf dem Balkan zusammen: indische Ragas und arabische Sufi-Tänze, ägyptische und armenische Melodien, die Musik türkischer Janitscharen und jüdischer Klezmorim. Wenn die Roma-Kapellen heute serbische Kolos, bulgarische Horos oder rumänische Sirbas blasen, scheint irgendwie der ganze Globus mitzuschwingen.

In Serbien, Mazedonien, Bulgarien und Rumänien liebt man vor allem die Blechbläser-Band, das "Orkestar". Man mietet es für Taufen, Hochzeiten, Geburtstage, Begräbnisse, kirchliche Feiertage und andere Freiluft-Festlichkeiten.

Die Wurzeln der Balkan-Brassbands reichen zurück bis zu den Militärkapellen der k.u.k. Monarchie und des Osmanischen Reichs. Im Ausland berühmt geworden ist der wilde Balkan-Brass-Sound in den 1990er Jahren dank der Filme des serbischen Regisseurs Emir Kusturica. Das Kino machte "Balkan Brass" zum Worldmusic-Renner und zur Partymusik auch in westlichen Metropolen. Motto: Abtanzen zu Gypsy-Funk!

Das Boban i Marko Marković Orkestar

Boban Marković aus Vladičin Han – das liegt in Südserbien zwischen Kosovo, Bulgarien und Mazedonien – wurde damals der Superstar des Balkan Brass. Schon 1981 ist der Trompeter in Guča beim jährlichen serbischen Woodstock der Blasorchester aufgetreten.

Die Wettbewerbe dort hat er so oft gewonnen, dass er irgendwann gebeten wurde, nicht mehr an der Konkurrenz teilzunehmen. Stattdessen bekam Boban Marković als lebende Guča-Legende jedes Jahr seinen einstündigen Festival-Auftritt und eroberte durch CD-Aufnahmen und Tourneen auch die westliche Weltmusik- und Dancefloor-Szene.

Sein Können gab er an seinen Sohn Marko weiter, der schon mit neun Jahren Trompetenunterricht vom Vater bekam. Mit 13 war Marko bereits Mitglied im Boban Marković Orkestar. Mit 18 übernahm er die Verantwortung in der Vater-und-Sohn-Band.

Das Album "Go Marko Go"

Das Album "Go Marko Go" feierte 2007 die Stafettenübergabe. Alle zwölf Stücke darauf wurden von Sohn Marko komponiert oder arrangiert: "Ich mag serbische, bulgarische, türkische und indische Musik", sagte der junge Mann damals. Entsprechend vielseitig ist das Programm dieser CD.

Das turbulente Eröffnungsstück "Rromano Bijav" basiert auf einer Hochzeitsmusik der Roma, "Şina Nari" und "Çığ" stammen vom türkischen Klarinettisten Hüsnü Şenlendirici, "Bori" ist ein Lied des kosovarischen Tallava-Sängers Dzemail Gashi.

Den raffinierten "Džumbus Funk" schrieb der serbische Geiger Félix Lajkó, "Atlantis" kommt vom türkischen Kanun-Virtuosen Göksel Baktagir. In Marko Markovićs eigenen Stücken klingen auch amerikanische Bigband-Sounds, Salsa-Techniken und Popmusik-Ambitionen an. Beim Drinking-Song "Pijem" hat DJ Shantel mitgeholfen.

Der mitreißende Balkan-Funk des Boban i Marko Marković Orkestars beruht auf zehnfachem Blech, unterstützt von drei Trommlern. Die fünf Flügelhörner übernehmen im Satz die Führung, vier Tenorhörner sorgen für ruhige Harmonien oder verschränkte Riffs, die Helikontuba liefert den rhythmisch tanzenden Bass.

Musik zum Feiern, Schmausen, Trinken und Tanzen

Im Gegensatz zu den Turbo-Arrangements geraten die Improvisationen am Solo-Flügelhorn gerne etwas schwärmerisch. Die beiden Bandleader sind natürlich die Hauptsolisten – Vater Boban improvisiert auch auf der gestopften Trompete.

Vereinzelt kommen noch Gastsänger und Gasttrommler oder ein Akkordeon hinzu. Der Solist an Saxofon und Klarinette ist Erol Demirov, der auch mit dem mazedonischen Kocani Orkestar bekannt wurde.

In den rasanten Nummern dominiert der universale 3+3+2-Rhythmus – es gibt aber auch Latin-Beats und Rhythmus-Breaks. Diese laute, wild tobende, schwindlig machende "bleh muzika" ist ideal, um dabei zu feiern, zu schmausen, viel Raki zu trinken und den Čoček zu tanzen.

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