Arien für Flügelhörner

  • 13.05.2016
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal

Nach der Französischen Revolution nahm die Blasmusik in Europa einen enormen Aufschwung. Napoléon, der Erbe der Revolution, ließ seine Siege mit gewaltigen "Friedensfeiern" zelebrieren, bei denen große Militärkapellen aufmarschierten und sich Zehntausende von Zuhörern drängten. Der Nationalismus im 19. Jahrhundert förderte die Blasmusik und die Weiterentwicklung der Blasinstrumente.

Zivile Gemeindekapellen: Die "Banda Municipale"

Neben Militärkapellen entstanden aber auch zahlreiche zivile Gemeindekapellen – vor allem in Frankreich, Italien und Spanien. Eine typische "Banda Municipale" in Italien umfasste um 1850 ungefähr 20 Holzbläser (überwiegend Klarinetten), 20 Blechbläser und drei oder vier Trommler. In manchen Gegenden Italiens und Spaniens begleiten solche Blasorchester noch heute die feierlichen Prozessionen in der Karwoche. Im 19. Jahrhundert waren sie auch eine wichtige Institution für die demokratische Popularisierung von Musikgut.

Der süditalienische Jazztrompeter, Banda-Erneuerer und Festivalmacher Pino Minafra schrieb dazu: "Eines der größten Verdienste der Banda besteht darin, dass sie die musikalische Kultur der Sinfonien und Opern weit übers ganze Land verbreitet hat, besonders unter den ärmsten und isoliertesten Menschen – und dies in einer schwierigen Epoche, als es kein Radio, kein Fernsehen, keine überregionalen Massenmedien gab. Weil die Theater im ländlichen Mittel- und Süditalien selten waren und Tausende von Menschen durch soziale und ökonomische Diskriminierung von der Welt der Opernhäuser ferngehalten wurden, hat die Banda für sie tatsächlich den Platz der Belcanto oder Opernwelt eingenommen. Sie hat eine gründliche musikalische Revolution durchgeführt und einen eigenständigen und originellen Sound geschaffen" – einen Sound, dessen unakademische Robustheit und Emotionalität in den 1990er Jahren international (wieder) entdeckt wurde.

Das Album: "La Banda"

Zum Beispiel hat man die traditionelle Banda (Blaskapelle) der apulischen Kleinstadt Ruvo di Puglia 1996 zu den Donaueschinger Musiktagen eingeladen. Dort wurde die Musik für das Doppelalbum "La Banda" mitgeschnitten.

Den ersten Teil des Albums bildet ein Programm, wie es für eine italienische Banda typisch ist: eine Kollektion populärer Opernmelodien und Opernpotpourris. Natürlich finden sich darunter beliebte Gassenhauer wie "La Donna È Mobile" (Verdi), "Nessun Dorma" (Puccini) oder "Toreador" (Bizet). Die Banda Città Ruvo di Puglia spielt ihre gepflegten Arrangements mit insgesamt 36 Musikern. Die größte Instrumentengruppe bilden die Klarinetten (Es-Klarinette bis Bassklarinette), denen traditionell die Streicherparts zufallen.

Die zehn Klarinettisten werden hier zudem von vier Saxofonen, zwei Flöten und einer Oboe unterstützt. Die Blechbläser-Abteilung besteht aus zwei Trompeten, drei Waldhörnern, fünf Flügelhörnern, zwei Posaunen und vier Tuben. Die Flügelhörner übernehmen dabei die Gesangspartien der Opernstücke. Drei Perkussionisten vervollständigen das Blasorchester.

Dass sich ein so wunderbarer Klangkörper auch für ganz andere Musikabenteuer eignet, beweist der zweite Teil des Albums. Dafür haben namhafte europäische Jazzmusiker drei große Suiten-Kompositionen für die Banda geschrieben – starke Klänge zwischen Archaik und Neuer Musik – und bringen sich außerdem als Solisten ein.

Alle der beteiligten Jazzmusiker hatten einen starken, gewachsenen Bezug zur volkstümlichen Blasorchestermusik. Der Niederländer Willem Breuker (Sopransaxofon, Bassklarinette) leitete jahrzehntelang selbst eine aufmüpfige Bläserband – das Willem Breuker Kollektief. Und der Franzose Michel Godard (Tuba) sagt: "Auch in Frankreich ist die Tradition der Amateur-Blasorchester noch immer stark. Das sind meine Wurzeln."

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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