Alison Balsom hat das letzte Wort

Die clarino-Serie »Sie haben das letzte Wort« ist zwar in Interview-Form gehalten, sie soll aber einmal ­andere Fragen beinhalten, als man sie aus »normalen« Interviews kennt. Durch ungewöhnliche und nicht alltägliche Fragen will die Redaktion Neues vom Künstler erfahren. Die Fragen beginnen immer gleich. Wir sind gespannt auf nicht immer gleiche Antworten.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich gewünscht haben, in einer anderen Epoche geboren zu sein?

Das war gestern. Da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie es wohl in der barocken Periode gewesen ist, Naturtrompete zu spielen. Ich bin sicher, das wäre eine wunderbare Erfahrung gewesen. Die Trompeter waren zu dieser Zeit enorm angesehen – sowohl vom Hof als auch von der Öffentlichkeit –, weil es ein solch schwer zu spielendes Instrument war. Trompeter waren die Celebrities des Barock.

Wann war das letzte Mal, dass Sie in Royston/Hertfordshire waren?

Das letzte Mal war ich vor etwa zwei Wochen in meiner Heimatstadt. Dort fand ein großes Drachen-Festival statt und ich habe einfach mal allen »Hallo!« gesagt. Es wird viel Musik gemacht und es macht einfach Spaß, meine alte Brassband spielen zu hören. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie in einer Brassband mitgespielt haben?

Witzig ist, dass ich, wenn ich schlafe, davon träume, in einer Brassband zu spielen. Im »echten Leben« ist das bestimmt schon zehn Jahre her. Allerdings habe ich danach schon ein paar Soli mit Brassbands gespielt.

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich Gedanken über die Unterschiede der englischen und deutschen Mentalität gemacht haben?

Vor fünf Minuten vielleicht! (lacht) Immer, wenn ich Interviews gebe und beispiels­weise über das deutsche Bildungssystem befragt werde, kommt auch mein eng­lischer Hintergrund dazu. Ich spreche auch über die Unterschiede des englischen und deutschen Publikums. In Deutschland gibt es ein sehr musikbegeistertes Publikum. Und dann ist da der Humor. Der britische Humor ist einzigartig. Wir sind fähig, über uns selbst zu lachen. Wir machen uns selbst lächerlich. Wir benutzen gerne die Ironie. Und wenn ich im Ausland unterwegs bin, vermeide ich die Ironie. Nicht einmal in Deutschland, aber in den USA zum Beispiel.

Wann war das letzte Mal, dass Sie mit ­einem Dirigenten gestritten haben?

Das ist etwa drei Jahre her. Es war allerdings keine aufgeregte, harte Auseinandersetzung vor dem Orchester, aber es gab definitiv einen Zusammenprall von Ideen und Persönlichkeiten. Wir konnten auf jeden Fall nicht weiter zusammenarbeiten. Ich werde seinen Namen nicht nennen. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie gewünscht haben, das Saxofon anstelle der Trompete gewählt zu haben?

Das habe ich mir noch nie gewünscht. Ich denke, die Trompete ist das coolste Instrument. Ich habe kein Problem mit dem Saxo­fon, aber die Trompete war immer schon meine Vorliebe. Ich habe nie irgend­etwas anderes ins Auge gefasst. Mit sieben habe ich angefangen. In der Schule habe ich Trompete gelernt und in der Brassband habe ich Kornett gespielt. Saxofone gibt es da ohnehin nicht. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie Ihre Auszeichnungen gezählt haben?

Noch nie. Natürlich ist es eine große Ehre, diese zu bekommen, weil es eine öffent­liche Anerkennung dafür ist, viel Energie und Zeit in meine Projekte gesteckt zu haben. Allerdings arbeiten wir Musiker ja für die Musik, für das Live-Erlebnis. Eine Auszeichnung ist eine schöne Zugabe – aber nicht so wichtig wie das Konzert. 

Wann war das letzte Mal, dass Sie einen Kollegen beneidet haben?

Eine meiner besten Freundinnen ist die Vio­linistin Nicola Benedetti. Die war neulich auf der Titelseite des Telegraph, einer der größten Zeitungen Großbritanniens. Da habe ich gedacht: »Da will ich auch hin!« Aber ich habe mich für sie gefreut.

Wann war das letzte Mal, dass Sie enttäuscht waren, dass der begehrte Junggeselle Prinz William vom Markt ist?

Ich war nicht wirklich enttäuscht. Denn er wäre doch ein klein wenig zu jung für mich gewesen. Doch natürlich habe ich die Hochzeit von William und Catherine verfolgt. Wie jeder auf der ganzen Welt. 

Wann war das letzte Mal, dass jemand Sie auf Ihr Äußeres reduziert hat? 

Mir sagt das niemand ins Gesicht. Und ­Leute, die das hinter meinem Rücken sagen, interessieren mich nicht. Je mehr du tust und je mehr öffentliche Aufmerksamkeit du hast, desto mehr Leute gibt es, die das mögen, was ich tue – und natürlich gibt es auch viele Neider. Meine Aufgabe ist es natürlich, mit Interviews und Konzerten Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch eine wichtigere Aufgabe ist es, diese Aufmerksamkeit zu halten. Vor allem für die tiefgreifende und  wunderbare Musik. Es wäre Verschwendung, diese Aufmerksamkeit durch mein Aussehen zu bekommen, um sie dann innerhalb von fünf Minuten zu verlieren. Das einzige, was ich mache ist, die Musik mit großer Integrität zu spielen. Was jemand über mein Aussehen sagt, interessiert mich in keiner Weise. Ich glaube, Erfolg ist keine Frage des Geschlechts oder  des Aussehens. Es geht um dein musikalisches Können. Was man auf der Bühne braucht, ist eine gewisse Aura. Du musst nicht schön sein – du brauchst Charisma. Als Solist ist es prinzipiell egal, ob du Mann oder Frau, alt oder jung bist. Denn die ­Leute wollen von der Musik verzaubert werden. Du bist nur so gut wie dein letztes Konzert.

Alison Balsom wurde 1978 in Hertfordshire geboren und gehört in ihrem Heimatland England zu den populärsten Klassik-Künstlern überhaupt und hat sich auch hierzulande als erfolgreiche Trompetenvirtuosin etabliert. Im Mai 2011 wurde sie bereits zum zweiten Mal als »Female Artist of the Year« vom Classic Brit Awards ausgezeichnet, in Deutschland erhält sie zum zweiten Mal den »ECHO Klassik« – als Instrumentalistin des Jahres 2012. Mit ihrer aktuellen CD »Kings & Queens« holt Alison Balsom die klangüppigen Festlichkeiten des Barock ins 21. Jahrhundert – zumeist mit eigenen Arrangements für die Naturtrompete. Mit dem Ensemble »The English Concert« präsentiert sie Musik von Händel und Purcell. Purcell setzte mit leuchtenden Trompetenklängen die adligen Helden seiner Opern in Szene – etwa in »King Arthur« oder in »The Fairy Queen«. Händel ging in seinen Opern den gleichen Weg, sorgte aber für üppige Klangräume rund um die Lustbarkeiten des eng­lischen Königs George II. Zu dessen Bootsfahrten auf der Themse ließ er die berühmte, von Trompetenklängen gekrönte Wassermusik spielen.

  • 25.10.2012
  • Das letzte Wort

« zurück