(5) Der Weg durch die Partitur

  • 16.10.2012
  • Probenarbeit
  • Rainer Serwe

Es gehört zum Alltag eines Dirigenten, Partituren vorzubereiten, sie zu bearbeiten und zu analysieren. Doch worauf muss ich achten, welche Details sind wichtig, wie gut muss ich die Partitur kennen, um sie meinem Orchester weiterzugeben? All diese Fragen muss sich der Dirigent stellen, lange bevor das Stück zum ersten Mal auf dem Pult der Musiker liegt.

Eine Partitur ist wie ein gutes Buch, sie enthält viele wichtige Informationen, bietet aber auch genügend Raum für Interpretationen. Je besser ich als Dirigent die Partitur und damit das Stück kenne, umso leichter kann ich es den Musikern nahebringen und umso mehr kann ich mich in der Probe auf das Wesentliche konzentrieren und bin nicht mir selbst und der Partitur beschäftigt.

Im Folgenden will ich der Frage nachgehen, wie eine mögliche und sinnvolle Beschäftigung mit der Partitur im Vorfeld der ersten Probe aussehen könnte.

Zunächst möchte ich davor warnen, eine Partitur mit Hilfe einer CD-Aufnahme vorzubereiten, wie es viele Dirigenten praktizieren. Der Nachteil liegt auf der Hand: Durch eine Aufnahme lernt man zwar Ablauf und Aufbau des Stücks kennen, dies geschieht aber nur sehr oberflächlich. Außerdem lebt jede Art von Musik von einer eigenen Interpretation. Diese geht natürlich weitestgehend verloren, wenn man sich an einer Aufnahme festhält und mehr oder weniger automatisch diese nachspielen will. Daher sollte die CD mit Beginn der Vorbereitung auf ein Werk im Schrank bleiben und höchstens bei einzelnen Stellen als Ideengeber fungieren, um eventuell auch verschiedene Möglichkeiten der Interpretation zu vergleichen.

Grob könnte man den Bearbeitungsprozess einer Partitur in folgende fünf Punkte gliedern:

  1. Der Hintergrund des Stücks
  2. Der grobe Überblick
  3. Die Arbeit im Detail
  4. Die Umsetzung (dirigiertechnisch und probentechnisch)
  5. Die Vorstellung des Stücks im Orchester (vgl. Artikel „Die erste Probe mit einem neuen Werk“)

1. Der Hintergrund des Stücks

Liegt eine neue Partitur auf meinem Schreibtisch, interessiere ich mich zunächst dafür, wer die Musik geschrieben hat und welchen Hintergrund die Musik hat. Wenn es Programmmusik ist, frage ich nach der Geschichte oder der Inspiration, dann kann ich als Dirigent ansatzweise den Prozess des Komponierens nachvollziehen und verstehen, welche Gedanken an welcher Stelle verarbeitet sind.

Interessant ist auch die Frage, ob es sich bei dem Werk um ein Originalwerk der Blasmusik oder eine Bearbeitung von Kompositionen für Brass Band, Sinfonieorchester oder andere Formationen handelt. Hier wäre es durchaus hilfreich, sich die Originalpartitur zu besorgen und zu schauen, wie die Musik für Blasorchester verändert wurde. Hiermit geht dann auch die Frage einher, wie ich das Stück klanglich umsetze. Eine Bearbeitung einer Sinfonieorchesterpartitur muss anders klingen und interpretiert werden als beispielsweise eine Bearbeitung moderner Musik. Auch in Sachen Artikulation ist es gut, das Original zu kennen. Bei moderner Musik gibt meist der Text sehr genau vor, wie ich eine Melodie artikulieren sollte.

2. Der grobe Überblick

Nachdem ich nun den Hintergrund des Stücks kenne, verschaffe ich mir einen groben Überblick. Welche Form hat das Stück, aus welchen Teilen besteht es? Aus welchen Melodien besteht das Stück, wann und wie treten sie im Verlauf des Stücks wieder auf? Wie ist das harmonische Gerüst, in welchen Tonarten bewegen sich die einzelnen Teile? All dies könnte ich in einer Art Ablaufplan festhalten, den ich später noch um Besetzung und Besonderheiten ergänzen kann.

Ein Beispiel für einen solchen Plan könnte so aussehen:

Dieser Plan lässt sich natürlich ausbauen oder einschränken. Damit kann er einen groben Überblick  oder auch Auskunft bis ins Detail geben.

3. Die Arbeit im Detail

Nach diesem Überblick über das Stück steht die genaue Analyse auf dem Plan. Hierbei schaue ich zunächst auf die Melodien: Wo und wie tauchen sie auf, welche Besetzung, Dynamik, Artikulation und Charakter haben sie? Je nach Geschmack kann ich mir auch jetzt schon Gedanken über die Interpretation machen, das heißt, wo sind Höhepunkte der Melodie, wie lasse ich die Musiker phrasieren, setze ich bewusst Atempausen oder soll die Melodie durch chorisches Atmen durchlaufen, bleibt das Tempo stabil oder nehme ich mir Freiheiten in der Gestaltung? All diese Gedanken sollte ich mir vor der Probe machen, denn es spart viel Zeit und vor allem Konzentration, die ich dann auf andere Dinge verwenden kann. Außerdem merken die Musiker sehr schnell, ob ich als Dirigent eine genaue Vorstellung der Musik habe oder nicht.

Nach der Melodie nehme ich mir Gegenmelodien, Umspielungen und Rhythmen vor, kurz gesagt, alles, was um die Melodie herum passiert. Diesen Stimmen sollte ich in der Vorbereitung die gleiche Aufmerksamkeit schenken wie den Melodien. Viele Dirigenten stürzen sich zu sehr auf die Melodien und vernachlässigen alles andere, sowohl in der Vorbereitung wie auch in der Probenarbeit. Das hört man leider nicht selten an der Aufführung.

Ganz wichtig bei den Überlegungen des Dirigenten sollte immer auch das Schlagwerk sein. Oft genug hört die Partitur mit der Tuba auf, und solange man nicht unangenehm auffällt, hat man als Schlagzeuger Narrenfreiheit. Man sollte als Dirigent also darauf achten, das Schlagwerk nicht als Beiwerk zu verstehen, sondern als Teil des Orchesters, den man genauso einbaut wie jedes andere Register. Auch wenn dies bei vielen Stücken in der Vorbereitung mit viel Arbeit verbunden ist, lohnt sich das Bemühen um das Schlagwerk, um auch später im Orchester eine homogene Mischung zwischen Bläsern und Schlagwerk zu bekommen.

Bei komplexen Stellen mit vielen verschiedenen Elementen wie Begleitung, Nebenmelodie, Melodie, Umspielungen usw. sollte ich mir eine Gewichtung überlegen, also die Frage stellen, an welcher Stelle was wichtig ist, denn sonst gibt es schnell ein akustisches Chaos, in dem der Zuhörer sich nur schwer zurecht findet.

An vielen Stellen sollte man sich die Zeit nehmen, eine harmonische Analyse durchzuführen, die man im Idealfall selbst am Klavier spielen kann. Dies ist sehr hilfreich für das Verständnis des Stücks und beugt unliebsamen Überraschungen in der Probe vor. Denn es ist peinlich, wenn sich der Dirigent bei Dissonanzen erschrickt, um dann beim Blick in die Partitur während der Probe festzustellen, dass diese Dissonanz gewollt ist.

Wie viel man in seine Partitur einträgt, bleibt jedem Dirigenten selbst überlassen, wichtig ist nur, sie gut zu kennen. Wem hierbei Farben zur Verdeutlichung verschiedener Parameter helfen, der sollte diese auch nutzen. So könnte eine Farbe die Dynamik anzeigen, eine Farbe wichtige Einsätze und eine weitere Tempo oder Taktarten. Einen großen Gefallen tue ich mir selbst, wenn ich ein einheitliches System für alle Partituren nutze. Alles was ich eintrage, soll aber nicht das wirkliche Kennen der Noten ersetzen, denn sonst hängt mein Blick während der Probe zu viel in den Noten und der Kontakt zum Orchester kommt zu kurz.

4. Die Umsetzung

Nachdem ich die ganze Partitur so bearbeitet habe, bin ich der Musik einen großen Schritt näher und sie sollte ein Teil von mir sein. Doch die Vorbereitung ist noch nicht abgeschlossen, schließlich muss ich nicht nur die Partitur und die Musik kennen, sondern es ist meine Aufgabe, diese an die Musiker zu bringen, und auch darüber sollte ich mir im Vorfeld Gedanken machen.

Hierzu gehören zum Beispiel die Überlegungen, welche Einsätze ich geben möchte, wie ich Übergänge, aber auch andere Passagen dirigiere. Oft ist es hilfreich, sich selbst verschiedene Stellen vorzusingen, so kann ich gleichzeitig üben, wie ich sie dirigiere, aber auch, wie ich sie – falls nötig – meinen Musikern vorsingen kann, um möglichst verständlich auszudrücken, was ich gerne hätte.

Sollte es Besetzungsprobleme aufgrund fehlender Instrumente in meinem Orchester geben, überlege ich mir vorher, wie ich diese auffangen kann und schreibe gegebenenfalls Passagen um, falls keine Stichnoten vorhanden sind.

Welche anderen Probleme könnten bei dem vorliegenden Stück auftreten? Gibt es rhythmische oder technische Probleme, die ich vielleicht mit gezielten Übungen vorbereiten kann? Welche Tonarten oder Akkorde kann ich zum Einspielen nutzen, die später im Stück auftauchen und den Musikern vielleicht Probleme machen?

Auch hier gilt: Zu Hause ist kein Gedanke zu viel, sofern er mir Zeit und Konzentration in der Probe ersparen kann. Lieber habe ich über Stellen bereits nachgedacht, die dann doch keine großen Probleme bereiten, als dass ich in der Probe in die Situation komme, nicht mehr weiter zu wissen.

Alles in allem ist die Vorbereitung auf ein Stück durchaus zeitaufwendig, aber mindestens genauso spannend und abwechslungsreich. Außerdem ist es ein schönes Gefühl, wenn ein Stück Musik in einem wächst und Teil von einem wird. Darüber hinaus werden es die Musiker danken, da ich als Dirigent mit sorgfältiger Vorbereitung viel überzeugender und effektiver proben kann und so ein besseres Ergebnis erziele.

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