(4) Die Sitzordnung als Grundlage eines guten Blasorchesterklangs

  • 20.07.2012
  • Probenarbeit
  • Rainer Serwe

Jeder Orchesterklang resultiert auch aus der Sitzordnung. Grundlegend hierfür ist die Erkenntnis, dass es keinen perfekten Sitzplan für ein Orchester gibt und dass es die Aufgabe des Dirigenten ist, die optimale Lösung für sein Orchester zu finden. Dies kann durchaus durch Ausprobieren erfolgen – hierfür lässt sich kein Plan am Schreibtisch machen, denn die klanglichen Konsequenzen muss man hören können, dies lässt sich nicht in der Theorie durchführen.

Schaut man sich verschiedene Orchester an, wird man viele Ideen bekommen und oft auch hören, ob die jeweilige Sitzordnung gut oder weniger gut ist. In Büchern werden oft Sitzordnungen vorgegeben; es wäre allerdings ein großer Fehler, sie zu übernehmen, ohne sie vorher zu hinterfragen. Diese Vorschläge gehen meistens von einem ausgewogen besetzten Orchester aus, wobei auch dies eine schwierige Formulierung ist, denn verschiedenen Klangidealen liegen natürlich auch verschiedene Besetzungen zugrunde. Würde man also viele Dirigenten nach ihrer perfekten Orchesteraufstellung fragen, bekäme man wahrscheinlich auch viele verschiedene Besetzungen als Antwort. Daher kann es keine einheitliche Sitzordnung geben.

Manche Orchester sitzen auch noch in der traditionellen Sitzordnung, die aus dem Sinfonieorchester übernommen wurde, teilweise sogar mit Flöte und Oboe in der Mitte des Orchesters. Hier sollte man überlegen, ob diese Sitzordnung noch der heutigen Literatur angepasst ist.

Die Skizze zeigt eine mögliche Sitzordnung unter Berücksichtigung möglichst vieler angesprochener Aspekte.

Faktoren für einen guten Gesamtklang

Neben einer oft sehr unausgewogenen Besetzung kommen gerade bei Amateurorchestern noch andere Faktoren hinzu: Wie ist die Qualität der Einzelspieler, wie klingen die einzelnen Orchestermusiker und wie fügen sie sich in den Gesamtklang ein? Habe ich zum Beispiel ein Baritonsaxofon, das gerade in der Tiefe sehr laut spielt, setze ich es vielleicht eher weiter nach hinten. Habe ich eine Flöte, die unsicher in der Intonation ist, lasse ich sie vielleicht in der Nähe einer guten ersten Klarinette sitzen usw. Außerdem stellt sich die Frage, wer sicher seine Stimme spielt, oder wer vielleicht etwas Hilfe von anderen Instrumenten braucht, die oft eine ähnliche Stimme spielen. Habe ich beispielsweise ein unsicheres Tenorsaxofon, sollte ich es nahe zu den Altsaxofonen, aber auch zu den Tenorhörnern setzen, so dass der Tenorsaxofonist diese Instrumente auch im Tutti gut hören kann und diese ihm eine Stütze geben. Ein Argument für eine andere Sitzordnung kann natürlich auch die Begebenheit im Probesaal bzw. auf der Bühne sein. Jede Bühne ist anders und oft muss man die Sitzordnung anpassen, ohne dass das Orchester an Klangqualität verliert oder unsicher im Zusammenspiel wird.

Somit spielen viele Faktoren eine Rolle, wenn man zur bestmöglichen Sitzordnung finden will. So kann jede Theorie nur Ideen geben, die man im Einzelfall testen und dann selbst entscheiden muss, ob sie zum eigenen Orchester passt oder nicht. Man sollte als Dirigent immer weiter mit dem Klang experimentieren, auch wenn sich Musiker manchmal schnell oder auch mal sehr schlecht an neue Positionen im Orchester gewöhnen. Gerade die Tatsache, dass man als Musiker in der neuen Sitzordnung Instrumente hört, die man vorher kaum gehört hat oder andere im Gesamtklang fast verschwinden, die man vorher sehr deutlich gehört hat, verunsichert viele Musiker. Man sollte sie dazu ermuntern, es auszuprobieren und ihnen vielleicht auch erklären, wie man zu einer neuen Lösung kommt. Vor allem sollte man den Musikern ein bisschen Zeit geben, um sich an der neuen Position zurecht zu finden.

Einige Ideen möchte ich im Folgenden gerne aufführen. Ich empfinde es als sehr angenehm, wenn alle Instrumente quasi ins Orchester hineinblasen – also die Instrumente, bei denen sich der Ton nach rechts oder links richtet, immer so sitzen, dass der Ton in den Orchesterklang hinein und dann kompakt ins Publikum geht. Eine Pikkolo-Flöte vom Dirigenten aus gesehen links außen kann zum Beispiel den Orchesterklang stören, zumindest für den Teil des Publikums, der auf dieser Seite sitzt. Gerade hier muss man aufpassen, denn als Dirigent steht man eigentlich zu nah am Orchester, um den Gesamtklang gut beurteilen zu können. Daher sollte man sich Zeit nehmen und den Klang auch einmal aus dem Zuschauerbereich hören.

Einen großen Unterschied macht es, ob ein Orchester Tenorhörner oder Eufonien hat, da die Richtung des Trichters eine andere ist. Auch hier sollte der Klang in das Orchester gehen und nicht direkt ins Publikum. Sonst kann es für die Zuhörer unangenehm sein, aber auch für den Musiker selbst, der wie auf dem Silbertablett sitzt und jede Unsicherheit bzw. auch jede Atempause sehr direkt vom Publikum wahrgenommen wird.

Die Hörner sitzen sehr gerne mitten im Orchester. Hat man wenige Hörner, sollte man sie vielleicht etwas mehr nach vorne nehmen. Gefährlich kann die Kombination aus Hörnern vor den Trompeten oder Posaunen sein, da sie sich gegenseitig „anspielen“ und sich oft gegenseitig in der Lautstärke hochschaukeln. So ist die Position der Hörner eine sehr spannende Frage in jedem Orchester.

Eine oft gelesene Regel besagt, Instrumentengruppen, die oft ähnliche Stimmen spielen, recht nah beieinander zu setzen. Das hat den Vorteil eines besseren Zusammenspiels, außerdem kommt der Klang einer Melodie oder Begleitlinie kompakter ins Publikum. Aber auch das ist Geschmackssache des Dirigenten. Geht man aber nach dieser Regel vor, macht es Sinn, Horn und Altsaxofone nahe zueinander zu setzen, die Trompeten sind normalerweise dann recht gut hinter den Klarinetten aufgehoben. Das tiefe Blech kann man recht nah zusammensetzen.

Das tiefe Holz ist wiederum eine andere Frage: Setzt man es zu nah ans tiefe Blech, kann es sein, dass die tiefen Holzbläser im Klang untergehen. So sollten sie auf alle Fälle weiter vorne sitzen als Posaunen und Tuben beispielsweise. Die Flöte kann direkt neben der ersten Klarinette sitzen, es ist aber auch möglich, die Oboen, sofern vorhanden, dazwischen zu nehmen. Die Familie der Saxofone zusammenzusetzen, macht gerade bei Konzertmusik oder gehobenen Arrangements Sinn, da hier der Saxofonsatz oft als Quartett erklingt und nicht, wie häufig in leichten Werken, das Baritonsaxofon die Tubastimme spielt und das Tenorsaxofon die Eufoniumstimme.

Die Bassklarinette wird teilweise bewusst zu den Klarinetten gesetzt, um sie als Fundament der Klarinettenfamilie wahrzunehmen. Manche Dirigenten setzen sie jedoch auch etwas weiter weg davon, um den Klang zu trennen und ihr mehr Durchschlagskraft zu geben. Die Pikkolo-Flöte könnte man ans linke Ende der Flöten setzen, denn sie hat in der Intonation eine schwierige Aufgabe. Hier kann es helfen, wenn die Flöten ihr eine Grundlage geben, sofern die Flöten eine gewisse Sicherheit in der Intonation haben.

Stimmenverteilung im Register

Interessant ist auch die Aufstellung der einzelnen Stimmen innerhalb der Instrumente: Wo sitzt die erste Stimme? Wie teile ich die Stimmen ein? Zu einem guten Klang gehört natürlich eine sinnvolle Aufteilung innerhalb der Instrumentengruppe, gemäß dem Prinzip der Pyramide. Hierbei gilt der Grundsatz: Je tiefer die Stimme ist, umso lauter sollte sie spielen, die dritte Stimme also etwas lauter als die zweite, diese wiederum etwas lauter als die erste. So ergibt sich ein ausgewogener Klang, der auf der Tiefe aufbaut.

Auch mit der Sitzordnung kann man hierzu beitragen. So setzen zum Beispiel manche Dirigenten die Klarinetten trichterförmig, so dass in der ersten Reihe alle drei Stimmen vertreten sind und von dort aus die Musiker der jeweiligen Stimme keilförmig nach hinten sitzen. Dies macht natürlich nur Sinn, wenn alle Musiker in der Lage sind, ihre Stimme selbstständig und sicher zu beherrschen.

Ansonsten ist natürlich die Sitzordnung gebräuchlich, die erste Stimme in der erste Reihe zu haben, dahinter die zweite und dritte jeweils in einer Reihe oder bei sehr wenigen Klarinetten in einer Reihe zusammen. Wichtig ist hierbei, dass die Stimmen zusammen sitzen; so sollten die Musiker auch die Plätze wechseln, wenn sie die Stimmen wechseln. Auch wenn das optisch nicht sehr schön ist, macht es musikalisch sehr viel Sinn, alle Musiker zu fordern und die Stimmen zu wechseln, sofern möglich. Vielleicht kann man die Stimmenverteilung so gestalten, dass man nicht nach jedem Stück wechseln muss.

Ich bevorzuge es, Trompeten und Posaunen so in eine Reihe zu setzen, dass erste Trompete und erste Posaune nebeneinander sitzen. Sie haben oft – gerade in moderner Musik – ähnliche Stimmen und können so aufeinander hören und den Satz von dort führen. Sitzen die Tuben vom Dirigenten aus gesehen rechts außen, hat man außerdem die Verbindung von der dritten Posaune oder der Bassposaune zur Tuba, was musikalisch sehr sinnvoll ist.

Die Aufstellung des Schlagwerks

Auch zur Aufstellung des Schlagwerks gibt es viele verschiedene Theorien. Manche Dirigenten bevorzugen es, die Pauken in der Nähe der Tuben zu haben, um eine gute Intonation und eine runde Mischung aus diesen Bassinstrumenten zu erhalten. Andere setzen sie mit Absicht weit weg von den Tuben, um den Klang der Pauken separat zu bekommen und eben nicht in einer Mischung mit dem Bass.

Gerade bei Konzertmusik ist es aber auch gebräuchlich, die Pauken als zentrales Element des Schlagwerkregisters in die Mitte zu setzen. Auch hier hängt viel von der Literatur, aber vor allem vom Geschmack des Dirigenten ab. Ich bevorzuge es, die Mallet-Instrumente auf meiner linken Seite zu haben, da sie dort nahe an Trompeten und Klarinetten sind, mit denen sie eher gemeinsame Stellen spielen als mit Tuba, Posaune oder Saxofon. Bei moderner Musik kann auch das Drumset in die Mitte rücken, denn gerade hier dient es als Taktgeber und Tempomacher und kann so in zentraler Position genutzt werden. Große Trommel und Becken sollten in der Nähe der Snare Drum stehen, also entweder beim Drumset oder bei einer seperaten Snare. Dies bietet sich vor allem für traditionelle Musik sowie auch oft für Konzertmusik an. Die Aufstellung der Percussion-Instrumente ist sehr frei, man sollte sie nicht zu weit voneinander entfernen. Oft wird die Position auch einfach durch den Komponisten vorgegeben, so dass jeder Spieler die jeweiligen Instrumente für seine Stimme beisammen haben muss.

Für jedes Orchester und jeden Dirigenten gilt: Die richtige Sitzordnung ist von sehr vielen verschiedenen Faktoren abhängig sowie auch vom eigenen Geschmack. Jeder Dirigent muss für jedes Orchester seine persönliche Wunschaufstellung finden und mit dem Orchester gemeinsam umsetzen. Auch hier gilt: Mut zur Veränderung, Mut zum Ausprobieren! Die Auswirkungen der Sitzordnung auf den Orchesterklang können manchmal unerwartet groß sein, im positiven wie im negativen Sinne.

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