(3) Die erste Probe mit einem neuen Werk

  • 18.04.2012
  • Probenarbeit
  • Rainer Serwe

Nachdem der letzte Artikel eine sinnvolle und ausgewogene Programmgestaltung behandelt hat, will ich nun im Folgenden darauf eingehen, wie ich als Dirigent einem Orchester ein neues Werk präsentieren kann. Genau wie man am Konzert nur eine Möglichkeit hat, dem Publikum die Musik möglichst gut und stimmig zu präsentieren, so hat auch der Dirigent oft nur wenig Zeit, den Musikerinnen und Musikern ein neues Stück schmackhaft zu machen. Denn viele Musiker im Orchester entscheiden sehr schnell, ob sie die Musik mögen oder nicht. Danach wird es mit zunehmender Zeit immer mühsamer, diese Meinung noch einmal zu verändern oder zu revidieren. Daher sollte man sich als Dirigent gut überlegen, wie man an ein neues Musikstück herangeht.

Eine wichtige Überlegung hierbei ist, welches Ergebnis man vom Durchspielen erwarten könnte. Spielt mein Orchester recht gut vom Blatt, kann ich einen ersten Durchlauf versuchen und dann gleich mit dem Proben beginnen. Habe ich aber die Befürchtung, dass ich recht schnell abbrechen muss bzw. das Orchester sehr bald nicht weiterkommt, ist es vielleicht nicht so sinnvoll, vorne anzufangen und die Musiker sozusagen ins kalte Wasser zu werfen.

Wie in vielen anderen Bereichen auch, hat der Dirigent hier eine große Bandbreite von Möglichkeiten, das Stück zu präsentieren. Häufig steht hinter der Musik eine Geschichte, sei es eine direkte Vertonung eines Ereignisses, eines Buches, eines Märchens oder Ähnlichem, oder aber eine Geschichte, die den Komponisten zum Schreiben der Musik veranlasst hat. Diese thematischen Hintergründe sollte man seinen Musikern nicht vorenthalten. Oft kann man gerade durch sie einen anderen Bezug zum Stück schaffen, genau wie auch eine Moderation beim Konzert dem Publikum ein Werk näherbringen kann. Die Ausführenden in der Probe werden sich darüber freuen, wenn sie das Stück verstehen und wissen, was sie da gerade spielen. Manche Stücke könnte man sogar in Einzelteilen vorstellen, wobei man vor jeder Passage den nächsten Teil der Geschichte erzählt. Je größer der Bezug und das Verständnis für das Stück sind, desto größer ist auch die Spielfreude und überhaupt die Bereitschaft, sich auf die Musik einzulassen.

Häufig bestehen Kompositionen aus einem Hauptthema, das sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht. Stellt man dieses Thema zunächst einmal vor, kennen die Musiker schon einen großen Teil der Musik und werden sich immer wieder freuen, wenn sie das Thema erkennen oder es selbst spielen. Also warum nicht am Anfang das Hauptthema oder mehrere Themen vorstellen, um allen Musikern einen Bezug zum Stück zu geben? Gerade hier gibt es die Möglichkeit, fast alle Mitspieler einzubeziehen, wenn das Thema durch viele Register geführt wird. Ändert sich die Tonart nicht, kann man die einzelnen Instrumente zusammenfassen und sie zusammen spielen lassen. Vielleicht gibt es auch prägnante Rhythmen oder Akkordfolgen, die immer wiederkehren. Auch diese sollte man den Musikern an die Hand geben, bevor man das Stück durchspielt. So haben sie gleich beim ersten Mal einen hohen Wiedererkennungswert innerhalb des Werks.

Viele Kompositionen bestehen aus mehreren Teilen, ob in Sätze unterteilt oder als durchgängiges Stück. Vielleicht sollte man sich zum Kennenlernen der Musik auch auf ein paar Teile beschränken und nicht gleich alles spielen wollen. Das spart Zeit und man kann sich intensiver mit den ausgesuchten Teilen beschäftigen und diese dem Orchester gut verkaufen. Außerdem kann man Teile wählen, die recht leicht sind oder gleich sehr gut klingen und vielleicht die etwas schwereren Teile auf die nächste Probe verschieben. Manchmal fängt man auch besser mit einem Teil des Stücks an, der leicht und wohlklingend ist und die Musiker schnell vom Werk überzeugen wird; unabhängig davon, ob es sich dabei um den Anfang handelt oder ein Teil mitten im Stück. So haben die Musiker schnell eine gute Meinung und eine positive Grundeinstellung zur Musik. 

Hilfe zum ersten Erarbeiten kann auch das Einspielen geben, währenddessen man sich durch Rhythmen, Akkorde oder einfach Übungen in der passenden Tonart auf das neue Stück einstellen kann (vgl. den Artikel »Einspielen – ein wichtiger Teil der Probe«). 

Bei schwierigen Passagen hilft es natürlich, das Tempo zu verringern. So sind die Noten leichter zu bewältigen und das Ergebnis wird deutlich besser sein. Oft geht damit jedoch auch der Charakter oder der Reiz des Stücks verloren. Vielleicht kann man den Musikern schon einmal das endgültige Tempo vorgeben oder sich langsam daran annähern.

In Ausnahmefällen kann man auch eine Aufnahme zu Hilfe nehmen. Zwar bin ich kein großer Freund von CDs, um ein Stück zu erarbeiten, da oft die Gefahr besteht, dass man die Vorlage als richtige Version ansieht und versucht, sie nachzuspielen. Aber zum Kennenlernen ist es durchaus legitim, ein Werk oder einen Teil vorzuspielen, damit die Musiker eine Ahnung davon bekommen, in welche Richtung es geht – gerade dann, wenn man glaubt, mit der ersten Probe noch keinen Erfolg beim jeweiligen Stück erzielen zu können.

Ähnlich wie bei den Einspielübungen sind auch hier kaum Grenzen in der Kreativität gesetzt, um dem Orchester ein neues Werk vorzustellen. Wichtigster Grundsatz bei der Vorbereitung der ersten Probe ist dabei die Frage: Wie schaffe ich es als Dirigent, den Musikern ein positives Gefühl dem Stück gegenüber zu geben, sodass das Orchester gerne bereit ist, an dem Stück zu arbeiten? Je anschaulicher die Musik für die Musiker ist, umso einfacher ist es auch, die Vorstellungen des Komponisten und des Dirigenten umzusetzen.

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