(2) Programmauswahl – eine verantwortungsvolle Aufgabe

  • 09.03.2012
  • Probenarbeit
  • Rainer Serwe

Wenn es in einem Orchester Diskussionen im musikalischen Bereich gibt, dann zum größten Teil über die Programmauswahl. Viele Musiker kritisieren die Programmgestaltung, ohne wirkliche Alternativvorschläge zu haben. Meckern ist ja meist angenehmer, als sich selbst damit auseinanderzusetzen und zu beschäftigen. Leider sehen viele Musiker nicht, welch schwierige und zeitaufwendige Aufgabe es ist, ein Konzertprogramm zu konzipieren, welches für Dirigent, Musiker und Publikum gleichermaßen interessant, abwechslungsreich, überraschend und fordernd ist. Oft aber haben auch Dirigenten nicht den Sinn für diese anspruchs- und verantwortungsvolle Aufgabe. 

Im Folgenden versuche ich der Frage nachzugehen, wie man ein sinnvolles Konzertprogramm plant und worauf man achten sollte.

Der grundlegendste Gedanke ist meiner Meinung nach, dass der Dirigent als musikalischer Leiter die Verantwortung für das Programm trägt, somit auch die Entscheidung über die Stückauswahl fällt. Ob er sich hierbei beraten lässt, Vorschläge von Orchesterseite miteinbezieht oder es in Eigenregie angeht, sei dahin gestellt. Von Programmkommissionen, die das Programm selbstständig festlegen (der Dirigent hat vielleicht nur ein Mitspracherecht oder eine von vielen Stimmen) halte ich persönlich deshalb nicht viel. Ich kann als Dirigent nur ein Programm verantworten, hinter dem ich stehe und welches mir Freude macht. Alles andere wäre sehr kontraproduktiv für die Probenarbeit.

Welche Kriterien sollte ein gutes Konzertprogramm erfüllen?

Ich glaube, jedes Konzert ist eine neue Herausforderung, wobei man auch die stetige und langfristige Weiterentwicklung eines Orchesters im Blick haben sollte. Es gibt kein perfektes Konzert, es ist immer ein Kompromiss aus vielen Ansätzen und Schwerpunkten, Ideen und Vorschlägen, aber auch die Gratwanderung, allen mehr oder weniger gerecht zu werden. 

Da sind einmal die Interessen des Publikums. Wir alle machen Musik, weil wir es gerne tun, weil wir uns wohlfühlen in der Gemeinschaft des Orchesters und weil wir uns an guter und gut gemachter Musik erfreuen. Doch unser Ziel ist es natürlich auch, das Ergebnis unserer harten Arbeit einem Publikum zu präsentieren und es zu begeistern. Das heißt, das Programm muss immer auch dem Publikum gefallen. Wer sich nun bestätigt fühlt in seiner Meinung, man dürfe deshalb nur Stücke spielen, die leicht zu hören sind und die die Zuhörer kennen, den muss ich enttäuschen. Man darf sein Publikum nicht unterschätzen und vor allem darf man es nicht für dumm halten. Zuhörer wollen nicht immer nur Musik hören, die sie sowieso schon kennen, sondern sie sind auch offen für Neues. 

Auf die Nachfrage, was das Publikum hören will, werden natürlich bekannte Stücke genannt. Wie soll man auch Titel nennen, die man gar nicht kennt? Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsgericht fragt, sage ich etwas, das ich kenne und schon ganz oft gegessen habe. Trotzdem kann mir etwas anderes, etwas Unbekanntes genauso gut schmecken, man muss es mir nur einmal servieren. 

Ich denke, das Publikum will vor allem eine Vielfalt hören, und da können gerade Blasorchester punkten, denn sie können nahezu alle Stilrichtungen abdecken. Diese Chance sollten wir nutzen. Ein abwechslungsreiches Programm sorgt für ein kurzweiliges Konzert. Überraschen Sie Ihr Publikum mit Bekanntem und Unbekanntem, sogenannter leichter Kost, aber es darf auch mal ein Stück mit Tiefgang und Charakter dabei sein. Die Mischung macht’s. Wichtig ist nur, dass alles, was man spielt, überzeugend und gut gespielt wird, das wird auch das Publikum merken und honorieren.

Neben dem Publikum sollte das Programm natürlich auch zum Orchester passen. Hierbei ist nicht unbedingt gemeint, dass jedes Stück jedem Musiker gefallen muss (wir wissen aus eigener Erfahrung, dass dies leider nur ein Wunschtraum ist und bleibt). Aber das Orchester sollte die Musik spielen können, im technischen, aber auch musikalischen Sinne. Es sollte die Musik verstehen und interpretieren können. Auch hier sollte der Dirigent am besten einschätzen können, welche Werke sein Orchester fördern und fordern, ohne zu überfordern. 

Es gibt viele Fragen, die ein Dirigent hierbei berücksichtigen sollte: Welche Stücke passen zum Orchester? Ist meine Besetzung ausreichend für das Stück? In welchen Bereichen will ich das Orchester verbessern? Gibt es Stärken, die ich besonders zum Ausdruck bringen will? Kann ich Solisten einbauen? Welche Rahmenbedingungen hat das Konzert? usw. 

Jedes Orchester hat seine Stärken und Schwächen. Vielleicht hat man gute Solisten im Orchester, aber mit dem Orchesterklang gibt es noch viel Arbeit. Oder will man gezielt die Intonation verbessern? Auch hier sollte die Mischung passen – Stücke, die die Stärken des Orchesters hervorheben, aber auch Stücke, die an den Schwächen arbeiten. Will ich meinen Klang verbessern, nehme ich ein oder zwei langsame und klangvolle Stücke mit ins Programm. Will ich eine technische Herausforderung, baue ich zum Beispiel eine klassische Overture ein. Habe ich ein sehr starkes Register, suche ich nach einem Solostück. So kann ich mit einer geschickten Programmwahl das Orchester einerseits ins richtige Licht rücken, andererseits an Schwächen arbeiten. 

Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass das Programm dem Dirigenten gefallen muss. Hier sage ich bewusst gefallen, denn er muss die Stücke nicht nur lange proben, wie die Musiker, sondern vorher schon die Partitur vorbereiten und vor allem die Musiker für das Stück begeistern. Und begeistern kann ich nur, wenn ich selbst begeistert davon bin. Also auch der persönliche Geschmack des Dirigenten steckt in jedem Programm. Für eine gute Zusammenarbeit sollte sich der Geschmack zumindest zum großen Teil mit dem Orchestergeschmack decken. Liegen beide Seiten zu weit auseinander, wird es schwierig. Denn dem Orchester Stücke zu verkaufen, die einem selbst nicht liegen oder nicht gefallen, ist eine fast unmögliche Aufgabe, und jedes Orchester wird das merken.

Der Spaß beim Orchester liegt ja nicht nur am Abend des Konzerts, sondern auch schon das Einstudieren der Literatur sollte Spaß machen. Zeitlich gesehen ist diese Phase der Einstudierung nämlich der wesentlich größere Anteil am Konzert. 

Worauf sollte ich als Dirigent achten?

Viele Musiker machen immer wieder Vorschläge zum Programm. Prinzipiell eine tolle Sache, denn es zeigt, dass sich der Musiker damit beschäftigt hat. Jedoch muss die letzte Entscheidung für oder gegen das Stück beim Dirigenten liegen, denn nur er kann beurteilen, inwiefern das Stück spielbar ist und ob es mit der Besetzung auch klingt. Außerdem muss es in das Gesamtkonzept des Konzerts hineinpassen, auch das muss der Dirigent entscheiden.

Oft hören wir Stücke und würden sie dann gerne spielen, so geht es den Musikern, so geht es aber auch vielen Dirigenten. Doch hier ist Vorsicht geboten. Eine Aufnahme des Stücks klingt oft ganz anders, als es dann im Orchester klingt. Die meisten Aufnahmen sind professionell, also mit toller Aufnahmetechnik, und vor allem mit einem professionellen Orchester, welches meist auch mehr oder weniger ideal besetzt ist. Diese Besetzung ist in den meisten Amateurorchestern und Vereinen leider so nicht vorhanden. Also sollte man sich ein Stück genau anschauen, nicht nur anhören, bevor man es kauft. Zum Glück kann man bei den meisten Verlagen oder teilweise auch im Internet kostenlose Probepartituren bekommen, um die Spielbarkeit besser einzuschätzen. 

Wenn ich überlege, dass eine Basslinie eines Popsongs zum Beispiel auf der Aufnahme mit drei Tuben, Kontrabass, Bassposaune, zwei Fagotten, Bassklarinette, Baritonsaxofon und vielleicht noch Kontrabassklarinette oder Kontrafagott erklingt, dann erklärt das, warum es sich so voll und überzeugend anhört. Spiele ich dieses Stück jetzt mit meiner Besetzung, die bei kleineren Orchestern vielleicht nur aus einer Tuba und einer Bassklarinette besteht, kann ich mir vorstellen, dass viel von dem überzeugenden Klang der Aufnahme verloren geht. 

So sollte ich mir bei jedem Werk, das ich höre, immer bewusst sein, dass die CD unter anderem Umständen entstanden ist, als ich sie in meinem Orchester vorfinde. Also hilft mir nur der Blick in die Partitur, um beurteilen zu können, ob sich das Werk für mein Orchester eignet. 

Noch gefährlicher sind Demo-Aufnahmen, also Einspielungen, bei denen man das Stück nur zu einem kleinen Teil hört. Auch hier wird man leicht in die Irre geführt, da die Verlage sehr bewusst auswählen, welche Ausschnitte sie einen hören lassen. So kaufe ich zum Beispiel ein Stück, von dem ich zwei schöne Minuten gehört habe, merke aber dann, dass mir die anderen sieben Minuten gar nicht mehr gefallen oder höchst langweilig sind. Oder die Aufnahme gut spielbar klingt, aber die schweren Teile auch gar nicht zu hören waren. 

So können Aufnahmen lediglich etwas bei der Suche und Entscheidung helfen, sollten aber niemals ausschlaggebend sein.

Abschließend noch ein Gedanke, den ich oft bei Konzerten habe 

Meiner Meinung nach sollte es das Ziel beim Konzert sein, tolle Musik zu machen, und nicht die Stücke irgendwie durchzuspielen, mit mehr oder weniger richtigen Tönen und richtigem Rhythmus. Zur Musik gehört viel mehr als das, was ich aber erst erarbeiten kann, wenn die technische Umsetzung des Stücks klar ist und keine Probleme mehr bereitet. Leider habe ich viel zu oft beim Konzert den Eindruck, dass das Orchester über den Punkt von reinem Notenspiel nicht wirklich hinaus ist. Und das ist sehr schade. Denn eigentlich fängt dann erst die Musik und vor allem die eigentliche Arbeit des Dirigenten an. So denke ich, sollte das Programm aus technischer und rhythmischer Sicht spätestens  vier bis sechs Wochen vor dem Konzert fertig sein, denn dann hat man noch etwas Zeit (mehr wäre natürlich noch besser, aber bei vielen Orchestern aufgrund des vollen Terminkalenders kaum umzusetzen), um ins Detail zu gehen und an der Musik zu arbeiten. Das Publikum wird dies merken und honorieren, auch hier darf man den Zuhörer nicht unterschätzen. Schafft man es dagegen am Konzert nur, das Programm gerade so ohne größere Zwischenfälle herunterzuspielen, muss man überlegen, ob die Programmauswahl nicht zu schwer war und das Orchester überfordert hat. Und auch das merkt ein Konzertpublikum. 

Die Musik hat es verdient, als Musik aufgeführt zu werden, und nicht als Sammlung einzelner Noten ohne Zusammenhang und Emotion. 

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