10 Fehler, die Sie das beste Prädikat im Wertungsspiel kosten

  • 28.09.2017
  • Schwerpunktthema
  • Manuel Epli
  • Ausgabe: 10/2017
  • Seite 36-40

Wertungsspiele. Eine Thematik, über die in Musikvereinen und Kapellen oft kontrovers diskutiert wird. Es geht ums "Tun" oder "Lassen", es geht um die Vorbereitung, die Durchführung und die Ergebnisse.

Wertungsspiele tragen durch die Beurteilung einer unabhängigen Jury und einer intensiven Vorbereitung sowie durch die Auseinandersetzung mit ausgewählter Literatur und dem Vergleich mit anderen Musiziergemeinschaften dazu bei, dass die Leistungsfähigkeit im Orchester verbessert wird. Ein nicht optimales Ergebnis kann dann natürlich die Laune und die Motivation verhageln. Diese zehn Fehler kosten Sie das beste Prädikat im Wertungsspiel.

Fehler 1: Sie stimmen das Orchester auf der Bühne ein

Regelmäßig erlebe ich als Juror, dass es immer noch Dirigenten gibt, die das Orchester auf der Bühne einstimmen. Die Kollegen unter den Dirigenten kennen hier keine Gnade. Jeder Musiker des Orchesters muss einen Ton spielen, der dann vom Dirigenten mit dem Stimmgerät kritisch kontrolliert wird.

Trotz meist knapper Bühnenzeit werden Orchester jeder Besetzungsgröße fröhlich durchgestimmt. Von 15-köpfigen Jugendorchestern in der Grundstufe bis hin zu Höchststufenorchestern mit mehr als 70 Musikern. Darauf angesprochen, konnte mir noch keiner einen vernünftigen Grund für dieses Vorgehen nennen.

Häufigste Antwort: "Wenn ich im Einspielraum einstimme, dann stimmt es doch auf der Bühne nicht, oder?" Doch, schon. Und zwar ziemlich gut. Es gibt nur zwei Instrumente, die nicht im Einspielraum gestimmt werden: die Tuba und der Kontrabass.

Die Instrumente werden frühestmöglich auf die Bühne gebracht, um sich an die Raumtemperatur anzupassen. Dann spielen sich die Musiker auf der Bühne ein (während beispielsweise das restliche Orchester aufbaut) und stimmen die Instrumente auch dort ein.

Meine zweite Frage ("Was denken Sie, wie sich das zehnjährige Mädchen oder der Senior des Orchesters mit seinen 65 Jahren fühlen, wenn sie vor versammeltem Publikum 'vorspielen' müssen?") wird dann oftmals nur ausweichend beantwortet.

Fazit: Stimmen Sie das Orchester im Einspielraum ein und dann geht es auf die Bühne zum Musizieren. Auf das Nachspielen eines Tones durch das ganze Orchester ("stimmen") können Sie im Laienbereich auch verzichten. Die wenigsten Orchester hinterlassen dabei einen guten Eindruck, da die Grundstimmung aus verschiedensten Gründen, wie zum Beispiel Nervosität, oftmals nicht ideal ist. Ich habe außerdem auch nur wenige Orchester erlebt, bei denen diese Art des "Stimmens" in dieser Situation den gewünschten Erfolg gebracht hat und die Grundstimmung danach besser war.

Fehler 2: Sie spielen sich mit einem Choral ein

Ja, Choräle sind schön. Es gibt auch zahlreiche andere schöne langsame Werke. Die können Sie auch gerne spielen – nur nicht bei einem Wertungsspiel als Einspielstück. Ein Choral – nehmen wir diesen mal stellvertretend für alle anderen langsamen Stücke her – hat einige "Problemzonen", über die sich nicht alle Dirigenten im Klaren sind.

Das gute Stück muss zusammen losgehen. Also wirklich zusammen. Nicht die Trompeten minimal vor den Klarinetten. Das Timing des Ensembles muss zu 100 Prozent gleich sein. Gerade bei langsamen Werken hört man, ob das Orchester in einem gemeinsamen Tempo fühlt und spielt. Der Quotient aus gespielten Noten pro Schlag ist bei einem Choral minimal klein. Je kleiner er ist, umso mehr hört man Intonationsabweichungen.

Letzten Endes ist ein Choral nichts anderes als eine Melodie, die vierstimmig ausgesetzt ist. Also geht es um Gestaltung. Darauf kommen wir später auch noch zu sprechen. Kernfrage: Machen Sie etwas aus der Melodie?

Dann, zu guter Letzt, die Paradedisziplin eines jeden sinfonischen Blasorchesters: die chorische Atmung. Manchmal ist es notwendig und musikalisch sinnvoll, dass das Orchester 8, 16, 24 oder auch mehr Takte gar nicht atmet und diesen Abschnitt mit chorischer Atmung spielt. Haben Sie das mit dem Orchester geprobt und einstudiert?

Eine zusätzliche Herausforderung ist die, dass ein Choral vor allem für die Blechbläser des Orchesters meist sehr anstrengend ist. Es wird bläserische Kondition gefordert und mitunter unnötig verbraucht, obwohl sie bei den eigentlichen Werken des Wertungsspiels dringend benötigt würde.

Ein weiterer Nachteil aus bläserischer Sicht ist, dass die Zunge nicht richtig aktiviert wird. Das steht im Widerspruch zu dem, was über alle Stufen hinweg in fast allen Wertungsspielstücken gefordert wird: eine schnelle Zunge.

Für die Schlagzeuger des Orchesters stellt ein Choral hingegen meistens überhaupt kein Problem dar: Sie haben in vielen Fällen einfach tacet. Wählen Sie einen Choral als Einspielstück, so nehmen Sie den Schlagzeugern die Möglichkeit, sich warmzuspielen. Als Dirigent verlieren Sie zusätzlich die Möglichkeit, die Balance zwischen dem Schlagzeug und den Bläsern zu beurteilen – ein weiterer Grund, der gegen die Verwendung eines Chorals als Einspielstück spricht.

Zu allen oben aufgeführten Punkten kommt noch ein wichtiger Punkt hinzu: Die Juroren haben in keinem Moment des Wertungsspiels so viel Zeit, sich einen Gesamteindruck des Orchesters zu verschaffen, wie beim Einspielstück. Die vorherige Wertung ist abgeschlossen. Die neue, bei der man dann wieder aktiv zuhören, Notizen und Eintragungen in die Partitur machen muss, hat noch nicht begonnen. Also hat man Zeit, um das Orchester im gesamten (grob) zu beurteilen.

Natürlich wird das Einspielstück nicht mitbewertet. Das steht so in vielen Wertungsspielordnungen. Stellen Sie sich aber bitte eine Frage: Glauben Sie, dass auch nur ein Juror komplett ausblenden kann, was Sie beim Einspielen auf der Bühne tun? Ich glaube das nicht.

Fazit: Nehmen Sie zum Einspielen etwas Flotteres. Grundtempo: Andante plus. Eine Fanfare. Oder warum auch nicht einen schönen Konzertmarsch?

Fehler 3: Sie dirigieren alles gleich

Ganz klar: Nicht jeder Dirigent eines Blasorchesters muss und kann Dirigieren studiert haben. Aber: Auch Amateurdirigenten sollten in der Lage sein, das, was das Orchester spielen soll, dirigiertechnisch abbilden zu können. Viele Laiendirigenten können das auch, in jedem Fall müssen Sie es als Dirigent aber versuchen.

Ein paar Beispiele:

  • Es gibt keinen Grund, eine Fortissimo-Stelle mit der gleichen Amplitude zu dirigieren wie eine Stelle im Piano. Zeigen Sie dynamische Veränderungen an.
  • Geben Sie Einsätze. Einen Einsatz der Trompeten im Mezzoforte realisiert man anders als einen der Flöte im Pianissimo.
  • Führen Sie bei einer Tempoveränderung klar. Schlagen Sie hier nicht hinter dem her, was das Orchester gerade spielt, sondern leiten Sie die Tempoveränderung künstlerisch wertvoll über die Schlagtechnik an.
  • Eine Stelle im schönsten Legato muss man anders schlagen als eine im Staccato. Phrasierung und Artikulation kann man zeigen. Nicht nur das Orchester verbal dazu auffordern, sie zu spielen.

Ich glaube, es ist klar, was ich meine.

Jeder von uns Dirigenten empfindet etwas, wenn er ein Werk dirigiert. Es ist dabei ziemlich gleichgültig, ob es sich um einen Marsch, ein Werk aus dem Bereich der gehobenen Unterhaltungsmusik oder um ein sinfonisches Werk handelt. Zeigen Sie diese Emotionen. Werden Sie zur "Rampensau". Reißen Sie Ihr Orchester – und auch das Publikum – mit.

Fazit: Bilden Sie alle musikalischen Parameter und das, was Ihnen Ihr Herz sagt, über die Schlagtechnik ab. Noch einmal – ich werde nicht müde, das festzustellen: Es gibt zahlreiche Amateurdirigenten mit einer sehr guten Ausbildung, die einen hervorragenden Job machen. Das mathematische Komplement gibt es aber (leider) auch: Profidirigenten, die unklar schlagen, nicht proben können usw. Also: Schauen Sie, dass Sie zu den "Guten" gehören. Egal ob Laie oder Profi.

Fehler 4: Das Schlagzeug ist (viel) zu laut

Meine Premiere als Juror hatte ich 2010 bei einem Wettbewerb in Kroatien. Seither arbeite ich regelmäßig als Juror. Von der Grundstufe (Kategorie 1) bis zur Höchstklasse (Kategorie 6) habe ich alles bewertet. Die meisten Orchester in der Mittelstufe (Kategorie 3) und in der Oberstufe (Kategorie 4). Klar, die Leistung der Orchester ist eben – wie so vieles im Leben – normal verteilt und entspricht der Gauß’schen Glockenkurve.

Bei den zahlreichen Wertungsspielen und Wettbewerben, bei denen ich gewertet habe, habe ich eines noch nie gehört: einen Schlagzeugsatz, der zu leise gespielt hat. Es war schon alles dabei: Zu laute Snare-Drums, zu laute große Trommeln, zu laute Stabspiele usw. Mit schöner Regelmäßigkeit lernt man – zuvor unbekannte – Konzerte für Becken und Blasorchester kennen. Leider tragen diese Werke nur nie diesen Namen.

Bei den Juroren kommen Fragen auf, wenn auf der Bühne ein Xylofon vorhanden ist, es eine Stimme dafür gibt, das Instrument aber zu keinem Zeitpunkt von einem der sechs Schlagzeuger des Orchesters gespielt wird. Ab der Oberstufe (Kategorie 4, Stufe C) sollten Sie zeigen, dass einer Ihrer Musiker die Mallets gut und ein weiterer diese zumindest ordentlich beherrscht.

Fazit: Bringen Sie Ihren Schlagzeugsatz dazu, leiser zu spielen. Die Schlagzeuger müssen sich als Teil des Orchesters sehen. Ein guter Schlagzeugsatz phrasiert mit dem Orchester. Ja, Schlagzeuger sind auch Musiker! Das Schlagzeug ist "das Salz in der Suppe". Es kann eine Aufführung köstlich veredeln (inklusive Stabspiele), aber auch gnadenlos versauen.

Fehler 5: Sie spielen flach wie ein Brett

In jeder Wertungsspielordnung gibt es einen Parameter der Bewertung, der sich mit dem Thema "Phrasierung" beschäftigt. Wie er genau heißt, ist egal. Es geht immer um eines: um Ausdruck. Um den Kern und die Essenz von Musik. Um das Auf- und Abbauen von Spannung.

Wie bauen wir nun innerhalb einer Phrase Spannung auf? Über ein Crescendo in Richtung des Höhepunktes der Phrase. Wie realisieren wir eine Entspannung? Über ein Decrescendo in Richtung Phrasenende. Das Crescendo bitte nicht zu früh zu laut und das Decrescendo bitte gleichmäßig und nicht zu früh zu leise. Beides genießen und ausspielen.

Zusätzlich können wir uns des Stilmittels der Agogik bedienen, indem wir das Tempo in Richtung des Phrasenhöhepunkts etwas anziehen. Vor dem Phrasenhöhepunkt könnte ein – meist nicht notiertes – Ritardando folgen, mit dem wir den Höhepunkt final vorbereiten.

Nach dem Höhepunkt geht es meist in dem Tempo weiter, das wir vor dem Ritardando hatten. Richtung Phrasenende beruhigt sich die Musik und das Tempo, sodass wir wieder das Grundtempo erreicht haben, mit dem wir zum Phrasenbeginn gestartet sind.

Die Ausgestaltung einer Phrase über die Dynamik und das Tempo sind "best practice"-Beispiele. Seit Jahrhunderten üblich und bewährt. Es gibt eine Gemeinheit: Je "besser" die Musik und die Komponisten werden – von einigen Pedanten abgesehen –, umso weniger wird diese Ausgestaltung in der Partitur notiert. Diese Komponisten vertrauen darauf, dass wir Dirigenten das tun.

Wir dürfen und müssen uns also überlegen, was wir mit einer Phrase und dem Werk ausdrücken wollen. Dann nehmen wir den Bleistift in die Hand und notieren das in der Partitur und studieren es im nächsten Schritt mit dem Orchester ein.

Selbstverständlich nimmt das Orchester diese Eintragungen auch im Notenmaterial vor. Denn entgegen der allgemein verbreiteten Selbsteinschätzung der meisten Orchester ("Wir können uns das merken!") können es sich die Musiker eben nicht merken.

Fazit: Gestalten Sie. Es wird langweilig, wenn gar nichts passiert. Vielleicht machen Sie mal einen "Fehler" und gestalten nicht so wie es der Komponist sich vorgestellt hat. Mag sein, ist aber nicht schlimm. Lieber überzeugend falsch gestalten als gar nicht.

Fehler 6: Sie spielen Werke, die viel zu schwer für Ihr Orchester sind

Steigen wir mal mit einer – vielleicht etwas übertriebenen – Formulierung ein: 90 Prozent der Orchester im deutschsprachigen Raum spielen zu schwere Stücke. Sie fragen sich jetzt vielleicht: "Warum zu schwer?" Ganz einfach: Weil außer den richtigen Tönen, zur richtigen Zeit gespielt (im Idealfall), oftmals nichts mehr übrig bleibt.

Für zu viele Dirigenten ist die Arbeit dann getan, wenn das Orchester die Technik beherrscht und alle Rhythmen so ungefähr stimmen. Fragen auf musikalisch höherer Ebene stellen sich oftmals nicht, da dazu einfach keine Zeit (mehr) ist.

Wie kurz ist ein Staccato in einem bestimmten Kontext? Wie lang ist ein Tenuto wirklich? Wie realisiert man in dem betreffenden Werk das Fortepiano im Detail? Welche Ebenen sind bezüglich der Balance vorhanden? Was ist die Grundklangfarbe des Orchesters? Wie ist die Klangfarbe des Ensembles an einer bestimmten Stelle? Wie werden die einzelnen Phrasen ausgestaltet? Wie ist die Gesamtdramaturgie des Werks? Und so weiter.

Fazit: Das von Ihnen gewählte Werk darf nur so schwer sein, dass Sie nicht 80 Prozent der Probenzeit für Technik und Rhythmik investieren müssen. Es gibt noch so viele andere Parameter, die ebenfalls alle gut sein müssen. Und zu denen sie alle etwas zu erzählen haben müssen. Ihr Rucksack an Informationen muss auch in den Bereichen Zusammenspiel, Intonation, Artikulation, Ton- und Klangqualität, Phrasierung, Balance, Stilistik und Interpretation randvoll gepackt sein.

Für diejenigen, die sich eingangs fragten, ob es wirklich so viele Orchester sind: Ich weiß es nicht. Es können auch weniger sein. Stellen Sie sich für Ihr Orchester eine Frage: Komme ich in der ersten Leseprobe beim ersten Durchspielen durch das Werk durch? Wenn ja, dann ist das Werk für Ihr Orchester mit allen musikalischen Parametern abbildbar. Wenn nein, suchen Sie sich ein – zumindest technisch – einfacheres Werk.

Fehler 7: Sie treten mit Gastmusikern auf, die in nur einer Probe waren

Ich möchte zu Beginn eines klarstellen: Ich habe kein Problem damit, wenn ein Orchester mit Gastmusikern (sogenannten "Aushilfen") spielt. Ganz im Gegenteil: Ich vermisse vielfach einen eher globalen Zugang zum Problem "unvollständige Besetzung".

Meiner Wahrnehmung nach wird die Blasorchesterszene im deutschsprachigen Raum "von außen" immer noch – von einigen positiven Ausnahmen abgesehen – belächelt. Das liegt mitunter auch daran, dass bei uns in der Szene in diesem Punkt die Kernfrage nicht ist, wie wir ein Werk im Sinne des Komponisten bestmöglich realisieren. Bei uns steht die Frage im Mittelpunkt, ob vielleicht zwei zusätzliche Hörner auf der Bühne sitzen, die beim Dorffest, zwei Tage nach dem Wertungsspiel, dann nicht auf der Bühne sitzen.

Ich habe noch nie Musiker eines Laiensinfonieorchesters fragen gehört, ob in einem anderen Orchester ein Englischhorn mitspielt, das zwei Tage danach nicht mehr dabei ist. Wenn Beethoven vier Hörner braucht, dann bekommt er sie. Es geht um die Musik, um nichts anderes!

Eine Aufgabe der Blasmusikverbände ist es meiner Meinung nach, Regelungen zu finden, die einerseits die Besetzungsentwicklung und andererseits den "Fair play"-Gedanken berücksichtigen. Aber auch, wie wir das Medium Blasmusik in der Wahrnehmung gemeinsam ernsthafter und positiver besetzen können. Einige Verbände haben hier schon gangbare Wege für die Praxis gefunden.

Nach diesem kleinen Exkurs zurück zum eigentlichen Thema: Ich kenne nahezu kein Orchester, das immer eine vollständige Besetzung hat. Jeder holt sich vor dem Wertungsspiel oder einem wichtigen und großen Konzert einige zusätzliche Musiker ins Orchester.

Wichtig ist dabei nur eines: Behandeln Sie diese Musiker wie Ihre "eigenen" Musiker. Klar sind diese Musiker oftmals besser als der Rest. Trotzdem sind es Musiker. Sie verspielen sich mal. Sie setzen zu früh ein. Sie wissen nicht – oder können es sich nicht in einer Probe merken – wie an einer Stelle artikuliert wird. Selten phrasieren sie automatisch mit dem Orchester mit. Sie müssen klanglich zum restlichen Orchester passen.

Fazit: Wir sehen, es gibt genügend Aspekte, die wir mit den Gastmusikern erarbeiten müssen. Dazu brauchen wir Zeit. Viel Zeit. Nicht nur eine Probe vor dem Wertungsspiel.

Fehler 8: Sie haben keinen Spaß auf der Bühne

Der World Music Contest (WMC) in Kerkrade ist sicherlich weltweit der beste Wettbewerb für Blasorchester. Im Jahr 2017 gab es eine einschneidende Änderung in der Konzertabteilung, der höchsten Wertungskategorie und Leistungsklasse: Die Zusammensetzung der Jury wurde geändert. Sie bestand aus Eugene Corporon (USA), Douglas Bostock (UK), Jan Van der Roost (B), Steven Mead (UK) und Miranda van Kralingen (NL).

Was ist der Grund für die Berufung von zwei Dirigenten, einem Komponisten, einem Solisten und einer Operndirektorin? Zunächst skeptisch, überzeugte mich Harry Reumkens, der Generalsekretär des WMC, von der Zusammensetzung der Jury und seinem Ansatz: Wir nehmen Musik immer ganzheitlich wahr. Ob eine Aufführung gefällt oder nicht, hängt nicht nur von musikalischen Fragestellungen ab, deren Ursprung im Orchester selbst liegt.

Es geht immer auch um Dramaturgie, darum, wie die Aufführung im Gesamten wirkt. Wie sich die Beteiligten auf der Bühne bewegen. Ob Sie und das Orchester Freude an Ihrem musikalischen Schaffen haben. Damit man Freude auf der Bühne haben und eine musikalische Botschaft transportieren kann, muss immer zunächst eine handwerkliche Hürde überwunden werden. Es gilt der alte Spruch "Kunst kommt von Können".

Fazit: Vermitteln Sie Ihrem Orchester, dass es wichtig ist, Spielfreude zu transportieren. Absolute Freiheit im Ausdruck setzt eine perfekte Beherrschung der Stimme voraus. Konzentrieren Sie sich auf scheinbar einfache Dinge:

Kommuniziert zum Beispiel ein solistisches Duett in irgendeiner Form miteinander oder nicht? Lächeln die Musiker auch einmal auf der Bühne? Und: Sieht das Publikum das überhaupt, oder schauen alle Musiker immer nur steif und starr in ihr Pult? Der wichtigste Punkt zum Schluss: Bringen Sie Bewegung auf die Bühne. Es gibt nichts Schlimmeres als ein Orchester, das sich kein bisschen auf der Bühne zur Musik bewegt und wie festgenagelt auf der Bühne sitzt.

Der Autor Manuel Epli

Manuel Epli studierte Dirigieren und Instrumentation am Vorarlberger Landeskonservatorium, der Kunst- und Musikhochschule von Arnheim, Enschede und Zwolle sowie der Musikuniversität Mozarteum Salzburg. Seine Studien schloss er mit dem Master of Arts ab.

Wertvolle Impulse erhielt Epli durch Meisterkurse und Privatstudien bei Prof. Pierre Kuijpers, Andreas Spörri, Prof. Maurice Hamers, Ed de Boer und Johan de Meij. Beim Blasorchesterwettbewerb "Internationales Musikfestival Prag" wurde er 2009 als bester Dirigent des Wettbewerbs ausgezeichnet. Als Juror ist er für die Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände, den Bayerischen Blasmusikverband und den Schweizer Blasmusikverband tätig.

Seit 2004 ist Manuel Epli der musikalische Leiter der Bläserphilharmonie der Stadt Blaustein. Beim Deutschen Orchesterwettbewerb 2016 erspielte sich die Bläserphilharmonie unter seiner Leitung in der höchsten Wettbewerbskategorie B1 mit 24,6 von 25 möglichen Punkten den 1. Platz in der Gesamtwertung.

An der Universität Ulm studierte Manuel Epli außerdem die Fächer Mathematik, Informatik, Pädagogik und Psychologie. Nach dem Abschluss seiner Studien mit der zweiten Staatsprüfung unterrichtet er als Studienrat im Schuldienst des Landes Baden-Württemberg.

Fehler 9: Sie präsentieren sich und das Orchester unorganisiert

Jedes Mal mein persönliches Highlight: Das Orchester tritt auf und nimmt Platz. Dann große Spannung, der Dirigent tritt auf. Das Orchester steht auf, der Dirigent verneigt sich vor dem Publikum (manche halten das auch nicht für nötig), und das Orchester nimmt wieder Platz.

Jetzt wird es spannend. Was passiert als nächstes? Genau, das Werk beginnt. Leider nein, nicht immer. Es gibt Kollegen, die in diesem Moment der ultimativen Spannung noch etwas Wichtiges zu tun haben: Das Pult hat noch nicht die richtige Höhe. Also bückt der Kollege sich und sucht nach der Stellschraube.

Nach "Murphys Gesetz" lässt sich die Auflagefläche des guten Stücks dann natürlich auch nicht ohne Schwierigkeiten nach oben bringen. So nervig oder lustig sich das hier liest, ist es im Ernstfall für das Publikum (und die Juroren) unprofessionell. Also: Regeln Sie Dinge, die im Vorfeld geregelt werden können auch dann. Nicht während des Auftritts.

Natürlich kann auch das Orchester, für das wir als Dirigenten verantwortlich sind, Fehler machen:

  • Es werden Noten zu Hause vergessen.
  • Die Fußmaschine des Drum-Sets fehlt.
  • Der Schlegel für den Gong wurde vergessen.
  • Die Dämpfer fallen heraus und herunter.
  • Es wird Wasser in der Generalpause aus dem Tonloch der Klarinette geblasen.
  • Das Orchester weiß nicht, wie es einlaufen soll. Der linke Teil sitzt schon, während der rechte Teil noch nicht einmal auf der Bühne ist. Ein Teil des Orchesters bleibt beim Einlaufen stehen, der andere setzt sich hin.
  • Der Aufbau dauert ewig. Es bauen drei Schlagzeuger gemütlich alle ihre Instrumente auf.
  • Nach dem Auftritt weiß niemand, wann und wie abgetreten werden soll, also wird einfach mal eine Weile gewartet und das Publikum in unklarer Erwartung gehalten.

Nur einige Beispiele. Die Liste ist fast endlos…

Fazit: Überlegen Sie, wie Sie und Ihr Orchester nach außen wirken möchten. Nehmen Sie eines Ihrer Konzert einmal auf Video auf und betreiben Sie eine ehrliche Fehleranalyse. Schreiben Sie auf, was gut ist. Aber natürlich auch, was besser sein muss.

Fehler 10: Sie spielen alles so, wie es in den Noten steht

Über die Phrasierung haben wir schon gesprochen. Das lässt sich noch auf viele weitere Parameter in der Musik übertragen. Nehmen wir einmal die Dynamik. An einer Stelle in der Partitur steht vertikal untereinander überall Forte. Spielen wir das in der Praxis so? Sicher nicht.

Die Melodie hat in diesem Moment vielleicht tatsächlich Forte. Bei den Begleitstimmen geht es meistens schon los: Diese sind regelmäßig zu dick instrumentiert, um einem klanglichen "Loch", das durch eine unvollständige Besetzung entstehen könnte, vorzubeugen. Also doch eher leiser. Vielleicht Mezzoforte. Das variiert bei jedem Orchester immer etwas. Das muss man sich anschauen und auch mal von außen anhören.

Die Bassgruppe hat dann auch Forte in den Stimmen stehen. An sich vielleicht in Ordnung. Was aber, wenn das Wertungsspiel in einer Turnhalle mit viel Nachhall stattfindet? Dann wird das zu viel sein. Das Gegenteil gibt es selbstverständlich aber auch: Sitzen die Tuben im hintersten Winkel einer Guckkastenbühne, dann ist Forte sicherlich zu leise, um das Orchester als Bassgruppe zu versorgen.

Viele Komponisten lieben das Piccolo. Ich auch. Ich habe sogar eine Göttin der Höhe in meinem Orchester. Allerdings spielt diese Dame nicht immer das, was in der Stimme steht. Sondern regelmäßig eine Oktave tiefer als in der Stimme notiert ist.

Wir haben im Blasorchester oft das Problem, dass uns die "Höhe" und die "Tiefe" fehlt. Klar, wir haben keine zwölf 1. Violinen und keine vier Kontrabässe. Die Lösung dieses Problems ist nur nicht, dass man das Piccolo bis zum c⁴ (notiert, klingend c⁵) schreibt.

Also: lieber eine Oktave tiefer und schön als auch nur einen Ton von der Lage her zu hoch. Für das Piccolo gilt etwas Ähnliches, was auch für das Schlagzeug gilt. Ich habe noch nie einen Kollegen fragen gehört, wo das Piccolo in klanglicher Hinsicht war. Regelmäßig notieren wir Juroren aber, dass das hohe Holz, insbesondere das Piccolo, zu laut war.

Fazit: Hinterfragen Sie das, was in der Partitur steht. Manches gibt keinen Sinn. Legen Sie sich ein Grundwissen im Bereich der Instrumentation an. Das, was man wissen muss, ist nicht viel. Es geht nur um die Fragestellung "Wie schreibe ich für mein Orchester so, dass es nach Orchester klingt?".

In den vielen Jahren, in denen ich als Dirigent arbeite, habe ich noch selten ein Werk so aufgeführt, wie es in der Partitur notiert ist. Im Blasorchesterbereich sind die Besetzungen so unterschiedlich, dass die Komponisten gar nicht "passend" instrumentieren können. Hier sind wir Dirigenten gefragt.

« zurück