(1) Einspielen – ein wichtiger Teil der Probe

  • 22.02.2012
  • Probenarbeit
  • Rainer Serwe

Schon im Instrumentalunterricht beginnen die meisten Stunden mit dem Einspielen. Ein lockeres Aufwärmtraining, um Spieler und Instrument auf „Betriebstemperatur“ zu bringen. Gleichzeitig kann man diese Zeit nutzen, um Tonleitern zu trainieren, rhythmische Figuren zu üben oder am Klang zu arbeiten. Leider verwenden viel zu wenig Dirigenten diese Methode in der Orchesterprobe, in der sich gerade im Einspielen vieles erlernen und verbessern lässt. Sinnvolles Warmspielen geschieht in der Regel ohne Noten oder mit sehr leicht zu bewältigender Literatur. So hat jeder Musiker Zeit, sich auf die anderen Dinge außerhalb der Noten zu konzentrieren, und das ist das große Potenzial dieses festen Bestandteils einer Probe. Hierbei liegen die Grenzen nur in der Kreativität des Dirigenten und dem Mut bzw. dem Vertrauen, das die Musiker mehr können als eine Tonleiter in drei verschiedenen Rhythmen zu spielen.

Zum Thema Einspielen gibt es viel verschiedene Literatur, von Chorälen oder leichten Stücken über Tonleitern bis hin zu schweren komplexen Rhythmen. Ich denke, hier muss jeder Dirigent für sich bzw. für sein Orchester die passende Literatur finden. So will ich in diesem Beitrag hauptsächlich auf Einspielübungen ohne Noten eingehen. Am Anfang sei nur erwähnt, dass Choräle sich unheimlich positiv auf den Gesamtklang des Orchesters auswirken. Das alleinige Spielen von Chorälen bewirkt wahre Wunder im Klang und im Zusammenspiel, gleichzeitig kann man mit dem zufälligen Einbauen von Fermaten, Accelerandi, Riterdandi, Crescendi und Decrescendi auch noch den Blickkontakt nach vorne verbessern. Geht man einen Schritt weiter und arbeitet an den Chorälen, tun sich enorme Möglichkeiten auf, Phrasierung und vor allem Intonation zu verbessern. Außerdem kann man einzelne leichte Akkorde aufbauen, was neben dem melodischen Hören auch das harmonische Hören fördert.

Im Folgenden möchte ich verschiedene Möglichkeiten des Einspielens nennen, immer bezogen auf verschiedene Parameter der Musik, die es zu verbessern gilt:

Rhythmik

Jeder Musiker hat andere rhythmische Fähigkeiten und oft auch etwas andere Vorstellungen des Rhythmus. Aufgabe des Dirigenten ist es, rhythmische Figuren genau zusammen zu bringen. Dies können simple Figuren sein, wie Achtel und Viertel, oder auch komplexere Gebilde mit Synkopen und Ähnlichem. Oft bietet es sich an, das Orchester zu teilen, wobei ein Teil einen gleichbleibenden Puls spielt, auf den die anderen sich sozusagen „draufsetzen“ können. Hier ist es auch eine gute Lösung, das Schlagwerk mit einzubeziehen (die Schlagzeuger werden leider oft beim Einspielen vergessen). Schlagzeuger können so zum Beispiel durchgehende Sechzehntel mit leichten Akzenten spielen, dann hat jeder Bläser klare Anhaltspunkte und kann seinen Rhythmus nicht nur leichter spielen, sondern gleichzeitig hat er den Bezug zu den kleinsten Notenwerten seiner rhythmischen Figur.

Oft gibt es in Werken immer wiederkehrende rhythmische Motive, die die Musiker für schwierig halten, wenn sie die Noten sehen. Leichter fällt es ihnen, diese Rhythmen ohne Noten zu spielen. Auch das kann Teil eines rhythmischen Einspielens sein, also spezielle Rhythmen aus einem Stück auswählen und vorher proben, vielleicht in Verbindung mit der passenden Tonleiter zum Stück.

Rhythmisches Sprechen ist ein sinnvoller Weg, um alle Musiker zusammen zu bringen. Hierbei eignet sich meiner Meinung nach sehr gut die Silbe „tf“, da man den Anstoß sehr deutlich hört. Die Erfahrung zeigt, dass zweimaliges Sprechen die Musiker oft schneller zusammen bringt als vielfaches Wiederholen mit Instrument. Man darf sich nie davor scheuen, das „Warmspielen“ auch ohne Instrument zu praktizieren.

Klang

Ein guter Klang basiert auf dem Bild der Pyramide. Die Unterstimmen sind die wichtigsten, sie dürfen somit am lautesten spielen. Je höher die Lage ist, umso leiser sollte man spielen. Dann bekommt der Orchesterklang eine Tiefe und wird nicht schrill. Gleiches gilt für die einzelnen Register. Die dritten Stimmen müssen deutlich lauter sein als die zweiten, die wiederum lauter spielen müssen als die ersten. Sollten alle Register das befolgen, und dann auch die Pyramide im ganzen Orchester spürbar sein, kann der Klang rund und ausgewogen werden. Dieses Prinzip der Pyramide lässt sich mit einzelnen Akkorden leicht üben und vor allem für die Musiker erfahrbar machen. Den größten Erfolg hat man als Dirigent, wenn die Musiker die Verbesserung hören und nicht nur darauf angewiesen sind, dem Dirigenten zu glauben. Wer einmal versucht hat, das Orchester in umgekehrter Pyramide spielen zu lassen, der kann die Musiker sehr schnell davon überzeugen, dass dies der falsche Weg ist. Leider spielen manche Orchester noch nach diesem Prinzip „am wichtigsten sind die ersten Stimmen“. Lässt man sie aber einmal einen Akkord in guter Balance und mit viel Tiefe hören, werden auch sie zugeben müssen, dass es viel angenehmer zu hören ist und das Orchester viel reicher und harmonischer klingt.

Übung zum Klang bieten wie schon erwähnt vor allem Choräle. Hier seien an dieser Stelle besonders die „371 Bach-Choräle“ aus dem DeHaske-Musikverlag sowie die „Function Chorals“ von Stephen Melillo erwähnt. Letztere sind als Tonstufen und nicht als Noten notiert, was die Choräle in verschiedenen Besetzungen und in allen Tonarten spielbar machen.

Dynamik

Die Dynamik eines Orchesters bewegt sich leider viel zu oft in sehr geringen Nuancen bzw. ist im Spektrum recht klein. Leise wird es oft nur, wenn viele Musiker Pause haben und laut ist oftmals nicht mehr laut, sondern bewegt sich eher im Bereich des Krachs. In jedem Orchester sind die Grenzen von Pianissimo und Fortissimo verschieden. Leise klingt oft dünn, weil mit zu wenig Luft gespielt wird, laut klingt oft aggressiv und vor allem schrill, weil die Höhen wieder viel zu stark herauskommen. Jeder hat auf seinem Instrument einen Bereich, in dem er gut klingt, aus diesem sollte er sich auch nicht herausbewegen. Auch dieser Bereich kann bei jedem Musiker verschieden sein. Unsere Aufgabe als Dirigent ist es nun wiederum, diese Bereiche so zu nutzen, dass das Orchester in jeder dynamischen Stufe gut klingt. Ein Fortissimo sollte den gleichen runden Klang haben wie ein Pianissimo. Daran müssen wir immer wieder arbeiten, gerade weil viele Musiker und auch viele Orchester ihre Grenzen überschätzen. Mit gezielten Übungen und guter Luftführung kann man diese Grenzen allerdings immer weiter verschieben, das sollte unser Ziel sein. Hierbei darf man jedoch niemals den runden Gesamtklang außer Acht lassen.

Artikulation

Fast jeder Musiker kennt die gewöhnlichen Artikulationszeichen, doch jeder interpretiert sie etwas anders. Außerdem klingen sie auf verschiedenen Instrumenten immer unterschiedlich. Auch hier ist der Dirigent gefordert, gleichmäßige Artikulation im Orchester zu verlangen und zu fördern. Man muss den Musikern auch klar machen, das staccato nicht immer gleich staccato ist. Eine kurze Note in einer Transkription eines Symphonieorchester-Werks ist niemals so kurz wie eine Note in einer Polka. Alle Zeichen sind immer in Relation zum Musikstil zu sehen und natürlich auch zum Klang des Orchesters. Gerade im Staccato geht oft der runde Klang verloren. Hier muss man immer wieder entgegenwirken. Man kann im Einspielen Tonleitern verschieden artikulieren, rhythmische Übungen oder einfach nur gleiche Töne. Auch hier ist das Sprechen oder Singen eine gute Alternative, um jedem die verschiedenen Artikulationen näher zu bringen.

Intonation

Das wohl schwierigste Kapitel in diesem Zusammenhang ist die Intonation. Intonation zu verbessern ist immer ein langwieriger Prozess. Intonation hat natürlich etwas mit Hören zu tun, aber auch viel mit Vorstellen. Kann ich mir den Klang eines Tons vorstellen (gerade auch in Relation zu vorherigen Tönen oder den Tönen anderer Musiker), kann ich ihn viel klarer intonieren. Das Hören würde dann erst ansetzen.

Also kann ich als Dirigent auf zwei Arten die Intonation verbessern: Ich verbessere das Hören des Musikers und ich verbessere die Vorstellungskraft des Musikers. Das Hören kann ich vor allem mit einzelnen Musikern trainieren, zum Beispiel beim Einstimmen. Jeder hört den Stimmton, dann spielt einer nach einer ganz kurzen Pause seinen Ton. Mit etwas Training wird er hören, ob er zu hoch oder zu tief ist, genauso kann der Rest auch beim Zuhören lernen. Im nächsten Schritt spielen beide ihren Ton gleichzeitig und wieder können alle Mithören. So kann man die Ohren nach und nach trainieren. Oftmals muss man Musikern erst einmal klar machen, was gute Intonation bedeutet und wie sie sich anhört. Hierzu kann auch eine Unisono-Melodie dienen oder die vier Stimmen eines Chorals als einzelne Linien.

Die Vorstellung von Tönen kann man im ganzen Orchester gleichzeitig trainieren. Das System der Solmisation, in dem jedem Ton ein Handzeichen zugeordnet wird, ist eine tolle Methode. So kann man Tonschritte, aber auch Intervalle üben, jeder Musiker bekommt nach und nach ein Gefühl dafür, wie weit zum Beispiel eine Quinte auseinander liegt. Benutzt der Dirigent beide Hände unabhängig voneinander, lassen sich sogar Intervalle im Zusammenklang hören. 

Das Vorstellen von Tönen hat von Natur aus sehr viel mit Singen zu tun. Ich kann nur das singen, was ich mir auch vorstellen kann. Deshalb kann auch fast jeder bekannte Melodien singen, aber nicht unbedingt nach Noten. Man muss sich die Melodie vorstellen können. Auch das kann man trainieren. Dies kann mit einzelnen Intervallen beginnen (zum Beispiel auch per Handzeichen), bis hin zu Melodien oder sogar mehrstimmigen Chorälen.

Auch hierfür sind die „Function Chorals“ zu empfehlen, denn mit ihnen lassen sich Intervalle und Linien leicht spielen oder singen und in Zahlen sehen. Das einfache Prinzip von Vorsingen und Nachsingen oder Vorsingen und Nachspielen fördert die Vorstellungskraft eines jeden Musikers. Es ist unsere Aufgabe, die Musiker immer wieder zum Singen zu animieren. Die Intonation wird es uns danken. 

Meiner Meinung nach sollte sich jeder Dirigent der unglaublichen Wirkung von gezielten Einspielübungen bewusst sein. Sie sollten immer zielorientiert sein und niemals Langeweile aufkommen lassen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, überraschen Sie Ihre Musiker doch einmal!

Infos: www.rainerserwe.de

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